Kleiner Plausch gefällig? #2 

Meine Liebesgeschichte zu Emily Laing. Und London.

Alles begann, als meine Mutter mir in jungen Jahren* den ersten Band der Saga um Emily Laing schenkte. Ich bilde mir ein, dass es ungefähr zwischen meinem 12. und 13. Geburtstag passierte und mein Bett stand zu diesem Zeitpunkt unter der Dachschräge direkt unterhalb eines kleinen Fensters, das meine Mutter mit einer Lichterkette bestückt hatte. Die Atmosphäre war also entsprechend kuschelig und obwohl der Einband von einer adligen Ratte erzählt – Etwas, das ich zu diesem Zeitpunkt furchtbar absurd fand -, schlug ich Seite eins von Lycidas auf und ein neues Abenteuer begann.

*Ich will hiermit von dem Fakt ablenken, dass ich keine Ahnung habe, wann genau es passierte.

Eine nächtliche Flucht und ein mürrischer Alchemist

Egal, wie viel man liest, es gibt Sätze, die sich in das Hirn eines Lesers einbrennen und der erste Satz von Lycidas war vermutlich der Grund, warum ich meine Vorbehalte über Bord warf und mich auf Emily Laing und ihre Geschichte einließ.

„Die Welt ist gierig, und manchmal verschlingt sie kleine Kinder mit Haut und Haaren.“

Emily Laing ist ein Waisenkind und zusammen mit ihrer Freundin Aurora Fitzrovia lebt sie in einem der furchtbarsten Waisenhäuser Londons. Doch eines Nachts wird eines der kleineren Kinder entführt und Emily begibt sich auf Flucht, denn der Entführer ist auch ihr auf den Fersen. Als sie in der U-Bahn von einer Ratte namens Hironymus Brewster gerettet wird, kann sie noch gar nicht ahnen, dass sie ihr altes Leben bereits hinter sich gelassen hat. Wenig später wird ihr der mürrische Alchemist Wittgenstein vorgestellt, in dessen Herz sie sich nach und nach schleicht.

Eine neue Welt öffnet sich Emily, denn unter der Untergrundbahn Londons befindet sich die Stadt unter der Stadt, genannt Uralte Metropole, in der sich Rabenmenschen, Arachniden, steinerne Ritter und Götter herumtreiben. Ohne einen Lehrer ist das Betreten der Stadt unter der Stadt der sichere Tod und aus diesem Grund nimmt sich Wittgenstein Emily Laings an, denn das Schicksal des Mädchens ist eng mit der dunklen Metropole verknüpft.

Ein Ausschnitt der ersten Seite aus "Lycidas" von Christoph Marzi
Ein Ausschnitt der ersten Seite aus „Lycidas“ von Christoph Marzi

Girl Talk

Emily Laing ist keine der Figuren, die sich grundlos furchtbar finden und die sich von einem Aschenputtel in eine schöne Prinzessin verwandelt. Durch einen Unfall in ihrer Kindheit verlor sie ihr linkes Auge, was sie zum Gespött der anderen Kinder machte. Auch ist sie keines dieser liebenswerten Mädchen, die auf einen Traumprinzen warten und eine Horde Freunde um sich scharen. Als ihr größten Stärken empfinde ich ihre Dickköpfigkeit und ihre Wissbegierde. Egal, wie häufig Wittgenstein sie ermahnt – „Fragen Sie nicht!“ -, sie gibt keine Ruhe, bis sie nicht die ganze Wahrheit kennt.

Im Gegenzug findet man in Aurora eine liebevolle Freundin, die für Emily da ist, wenn alles zusammenbricht. Die Freundschaft der beiden muss innerhalb der drei Bände der Saga den ein oder anderen Stolperstein überstehen und das tut sie.

Oh London, mein London

Ich bin eine furchtbar schlechte Liebhaberin, denn eigentlich liebe ich vor allem die fantastische Version der Stadt. Noch jetzt kann ich mich daran erinnern, wie mein jüngeres Selbst eben jenes London erleben wollte, das Christoph Marzi als die Stadt unter der Stadt bezeichnet. Es ist nicht falsch zu sagen, dass ich wie eine dieser Chicklit-Leserinnen bin, die einen Bad Boy als ihren Traummann auserkoren haben. Genau wie sie liebe ich einen Charakterzug, der nur in meiner Fantasie existiert. Aber nichtsdestotrotz, bei all meinen Besuchen der Themse-Metropole habe ich Ausschau nach Mr. Fox und Mr. Wolf gehalten, den wohl charmantesten Söldnern, die je zu Papier gebracht wurden.

Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis "Lycidas"
Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis „Lycidas“

Warum die Uralte Metropole lesen?

Habe ich noch nicht genug geschwärmt? Nun gut:
Christoph Marzi ist ein Erzähler, der sein Handwerk versteht. Er nimmt Mythen und Legenden auf und verbindet sie mit dem Schicksal eines jungen Mädchens, das seinen Platz in einer Stadt sucht, die gierig ist und von gierigen Wesen bewohnt wird. Und so wird London, später Paris und Ägypten und noch später Prag zum Schauplatz eines Kampfes zwischen Elfen, Engeln, Göttern und der ersten Frau, die auf diesem Planeten wandelte. Christoph Marzi sicherte sich mit diesem Werk den Deutschen Phantastikpreis, verführt zum Schmunzeln und Träumen und lädt dazu ein, alte Legenden neu zu interpretieren.

Mehr möchte ich nicht verraten, denn ansonsten schreibe ich gleich noch einen Absatz über Mr. Fox und Mr. Wolf und dieser Absatz würde dann wohl nie enden.

– Q

P.S.: Vielen Dank an Andrea von lohntdaslesen.de für den Vorschlag über Emily zu blubbern. 🙂

Bibliografische Angaben

Band eins:
Lycidas von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2004, Neuauflage 2011
864 Seiten
ISBN 978-3-453-52910-6
9,99 €
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Band zwei:
Lilith von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2005, Neuauflage 2012
688 Seiten
ISBN 978-3-453-52911-3
9,99 €
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Band drei:
Lumen von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2006, Neuauflage 2012
800 Seiten
ISBN 978-3-453-52912-0
9,99 €
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Kleiner Plausch gefällig? #1

Aufgrund einer Leseflaute ist mir heute nach Sinnieren. Natürlich über das Lesen.

Kann man von Gewohnheiten sprechen, wenn sich die meinen je nach Lebenslage und Arbeitspensum ändern? Hier mein Versuch darüber nachzudenken:

Interessengebiete

Urban Fantasy wird vermutlich auf ewig mein Wohlfühlgenre sein. Emily Laing ist und bleibt die Figur, die mich darin bestärkt, dass ich auf eine ganz fabulöse Weise anders bin. Jeder Leser hat vermutlich das eine Buch, die eine Reihe oder den Autor, das/die/der als sicherer Hafen auf turbulenter See dient. Aber seit einiger Zeit ziehen immer mehr Titel in meinem Bücherregal ein, die außerhalb meiner Komfortzone* liegen. Science Fiction und Feminismus sind dabei die zwei Genre, denen ich mich seit cirka einem Jahr immer öfter zuwende, was sie schon wieder Teil der Zone machen könnte. Allerdings bin ich in den Themenbereich noch nicht „angekommen“, kenne noch nicht alle Theorien und Fakten (im Falle des Feminismus) und alle Tropes und Eigenarten (was die Science Fiction betrifft). Ein Genre, vom dem ich mich nahezu vollständig verabschiedet habe, ist Contemporary Young Adult. Die Titel sind auf die Dauer einfach nicht nahrhaft genug für mich.

* Ich nutze das Wort hierbei, um einen Bereich abzugrenzen, auf dem ich mich alltäglich bewege und nicht um einen Versuch zu beschreiben, in Themengebiete vorzustoßen, die mich nicht interessieren oder mir Unbehagen bereiten.

Quantitatives Lesevolumen

Im Vergleich zur Allgemeinheit mag ich als Vielleserin gelten. Im Sinne eines Buchbloggers, egal wie professionell oder amateurhaft, lese ich vergleichsweise wenige Bücher. Zum einen mag dies an meinem Faible für Fanfictions liegen, denn in dem Bereich sorgt mein Lesevolumen seit Jahren für Besorgnis bei meiner parentalen Generation. Andererseits bin ich unglaublich wählerisch, was meine Lektüre angeht. Bevor ich ein Buch kaufe, checke ich Rezensionen auf Goodreads oder suche nach Bloggern, die bereits ihren Eindruck dazu geschildert haben. Des weiteren stecke ich mitten in meiner Bachelorarbeit, was dazu führt, dass ich mich nicht traue, mir einen Tag Zeit zu nehmen, um Bücher durchzulesen und gerade dieses Bingen bereitet mir besondere Freude.

Qualitative Auseinandersetzung

Im Onlinemagazin JETZT erschien Anfang Mai ein Artikel, der sich mit dem Mangel an weiblichen Autoren im literarischen Schul- und Universitätskanon auseinandersetzt (Hier zum Nachlesen zu finden). Die Autorin hat daraufhin ihre eigenen Lesegewohnheiten beobachtet und festgestellt, dass sie selbst immer öfter zu Titeln von Autorinnen greift. Beim Lesen dieses Artikels habe ich großkotzig gedacht, dass ich eindeutig mehr weibliche Autoren lese als männliche, aber die Analyse meiner Bücherschränke zeigte mir, dass ich deutlich falsch lag. Das Gesamtwerk von Christoph Marzi (24 Titel), Bücher von Tolkien, Patrick Rothfuss und Tad Williams sowie alle Bände von Orson Scott Cards Ender-Reihe sorgen dafür, dass in meiner Sammlung 133 Titel aus männlicher Feder stammen. Weibliche Autoren sind hingegen mit lediglich 20 Büchern mehr vertreten. Asche auf mein Haupt, Hochmut kommt vor dem Fall, knapp daneben ist auch vorbei. Von der fehlenden kulturellen Diversität möchte ich gar nicht anfangen. Auf meiner Leseliste landen bereits seit einiger Zeit nur noch Bücher, die sich Underdogs widmen. Und Feminismus. Und Lesben im All. Das gute Zeug halt.



Der versöhnliche Schluss

Lesen will gelernt sein, gerade wenn man den Anspruch erhebt, nicht immer nur den gleichen Einheitsbrei zu lesen und sich mit Themen zu beschäftigen, mit denen man im Alltag nicht konfrontiert wird. Meine Leseliste verspricht einen soliden Sprung über den Tellerrand und mit diesem Gedanken motiviere ich mich in den kommenden Bachelor-dominierten Wochen.

– Q

P. S.: Absolut sehens- und lesenswert ist Autorin Marie Brennans Versuch, in einem viktorianischen Kleid Karate zu praktizieren. Den Bericht dazu ist nachzulesen auf Tor.com und beinhaltet ihre genaue Analyse, wie die einzelnen Stolpersteine des Kleides ihre Form beeinflussten.

Hier das Video, das auch auf dem Youtube-Kanal von Tor.com zu finden ist:

Webcontent #2

Über eine Odyssee, einen Geschichtenerzähler und ein weißes Kaninchen

Im zweiten Teil meiner Webcontent-Sammlung möchte ich die Willigen nach Creepytown entführen und drei gespenstige Podcasts vorstellen, die mich seit einiger Zeit begleiten. Alle drei sind nur in Englisch verfügbar, haben aber keinen höheren Anspruch als ein durchdachter, englischsprachiger Vlog. Also hinein ins Abenteuer und immer auf den eigenen Kopf achten, sodass er dort bleibt, wo er hingehört.

Alice Isn't Dead © Rob Wilson
Alice Isn’t Dead © Rob Wilson

Die Odyssee einer Truckerin

Alice ist nicht tot. Da ist sich Keisha ganz sicher und macht auf die Suche nach ihrer verschwundenen Frau. Um ungehindert reisen zu können, nimmt sie einen Job als Truckerin an. Auf einer Tour begegnet sie in einem Diner einem geheimnisvollen Mann, der eine Jacke mit der Aufschrift Thistle trägt und sich merkwürdig, gar unmenschlich verhält. Bei seinem Anblick läuft Keisha ein Schauer über den Rücken und es wird nicht das letzte Mal sein, dass sie ihm begegnet. Keine erholsamen Begegnungen. Und doch ist Keisha bereit, die Gefahr und die einsamen Stunden hinter dem Steuer ihres Trucks auf sich zu nehmen, um herauszufinden, was mit Alice geschehen ist. Denn so viel steht fest: Alice ist nicht tot. 



Was ist sonst noch zu sagen? 

Autor Joseph Fink lieferte bereits mit Welcome to Night Vale (in Zusammenarbeit mit Jeffrey Cranor) einen Podcast, der nicht nur unterhält, sondern auch zum Denken anregt. Mit Alice Isn’t Dead lädt er zu einer neuen Reise in eine Welt ein, die unserer ähnelt, aber einen Ticken geheimnisvoller ist. Sprecherin Jasika Nicole schafft es, Keisha eine zerbrechliche Seite zu geben und das Zweifeln an ihrer Mission wirklich und greifbar zu machen, gleichzeitig haucht sie der Figur Kraft ein, um über ihre Reise zu reflektieren:



“I must always remember that not visible to me and not in existence are not the same thing.“ 
(Aus „Mouth of the Water“, S2 E2)

Die erste Staffel ist bereits komplett verfügbar.

Hier findest du Folge eins, „Omelet“. 


 

Lore © Aaron Mahnke
Lore © Aaron Mahnke

Ein talentierter Geschichtenerzähler

Wenn wir Geschichten wie die von Werwölfen, Vampiren und sich wie von Geisterhand bewegten Puppen hören, bleibt oft die Frage, wie viel wahrer Kern in diesen Mythen steckt. Autor Aaron Mahnke erkundet in Lore eben diesen Kern. In jeder Folge nimmt er sich eine neue Schauergeschichte vor und untersucht, welche menschliche Angst ihr zugrunde liegt. Auch wenn er damit die Basis einer puren Neuauflage alten Aberglaubens legt, behält er genug Abstand, um immer wieder aus der jeweiligen Geschichte herauszutreten und darauf hinzuweisen, dass die meisten Vorkommnisse Spekulation sind oder warum der Bericht manipuliert sein könnte. Was den Podcast so populär gemacht hat, ist Aaron Mahnkes Gespür für besondere, abwechslungsreiche und gut recherchierte Geschichten und sein Talent, diese so zu erzählen, dass dem Zuhörer (oder sagen wir: mir) selbst bei strahlendem Sonnenschein mulmig zumute wird.

Welche spannenden Projekte erweitern den Podcast bald?

In diesem Jahr wird basierend auf dem Podcast eine Serie auf Amazon Prime veröffentlicht, für die bereits zwei namenhafte Produzenten engagiert wurden. Gerade gab der Autor zudem bekannt, einen Buchdeal mit dem Verlag Del Rey abgeschlossen zu haben. Laut Entertainment Weekly wird sich eine ganze Reihe unter dem Titel The World of Lore mit Mythen aus aller Welt beschäftigen.

Hier findest du Folge eins, „They made a tonic“.

 

Point Mystic © Point Mystic Historical Society
Point Mystic © Point Mystic Historical Society

Ein weißes Kaninchen, das den Tod mit sich bringt

Ebenfalls mit der Wahrheit hinter Mysterien, Magie und Unerklärlichem sucht Point Mystic. Doch auf etwas andere Weise. Die erste Geschichte des Autors Christopher Reynaga erzählt von Kindern, die im Wald hölzerne Konstruktionen bauen. Überhaupt verfügt der Wald der Stadt, in der sich der Sprecher mit Frau und Sohn Fox niedergelassen hat, über eine große Anzahl sehr alter Exemplare dieser Gebilde. Dann ist da noch die allgemeine Faszination für Türen und besonders diese eine besonders rätselhafte Tür, die bei den Kindern der Stadt Träume von gespenstigen Gestalten auslöst. Und was meint Fox damit, dass ein weißes Kaninchen kommen wird und mit ihm die Toten auferstehen werden?

Was macht Point Mystic aus?

Anders als bei Lore und Alice Isn’t Dead wird die Handlung gleich von drei Sprechern getragen, dem Erzähler, seiner Frau sowie Fox, daneben finden weitere Stimmen ihren Platz. Zum Beispiel widmet sich eine Folge intensiv einer alleinerziehenden, schwarzen Mutter, die von ihrem Anteil an der Bürgerrechtsbewegung erzählt und wie diese die Erziehung ihres Sohns beeinflusste. Ich bin gespannt auf weitere solcher Ausflüge in kommenden Folgen. Aktuell ist die gesamte Geschichte vom weißen Kaninchen verfügbar und ein Bericht über eine Pandemie, die im Falle einer Infektion spontane menschliche Selbstentzündung auslöst und über ein geheimes Quarantäne-Camp, das die Bedrohung durch Gruppengesänge in Schach hält.

Hier findest du Folge null, „The Fireman“. 



– Q

Leipziger Buchmesse 2017: Da war ja was!

Das Gesamturteil meiner Buchmesse lautet: Am Blog arbeiten und nächstes Jahr akkreditieren lassen!

Donnerstag

Warum ist der erste Messetag eigentlich mein Lieblingstag?
Morgens aufwachen, verfrüht in den Bus, am Bahnhof umsteigen und sich wie ein kleines Kind freuen, wenn man eine leere Bahn erwischt. #Zusatzbahnenftw
In der Bahn habe ich dieses Jahr die fabelhafte Artikelsammlung Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack von William Gibson gelesen.

Wer einen der wichtigsten SF-Autoren aller Zeiten über seine Faszination für Bücher, Musik und Reisen in asiatische Städte berichten hören möchte, dem sei dieses Buch besonders empfohlen.

Aber zurück zur Messe: An der Endstation ausgestiegen, ging es dann für mich zum CCL-Eingang. Sehr erfreut war ich in diesem Jahr über die Taschenkontrollen. Der einzige Kritikpunkt, den ich dazu anbringen möchte: Für mehr als einen Blick hineinwerfen hätten sich die Kontrolleure dann doch gerne Zeit nehmen können. Drinnen erwartete mich dann – ganz im Karopartnerlook – die Freundin, die mich Donnerstag und Freitag gerne begleitet.
Als erste Amtshandlung haben wir uns auf die Suche des Kiepenheuer&Witsch-Stands gemacht, der eindeutig die schönsten Stofftaschen verteilt. Danach ging es dann an die systematische Erkundung aller Hallen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir vor allem die Ausstellung Schönste Bücher aus aller Welt, die – ganz überraschend – Buchkunst aus verschiedenen Ländern präsentierte.
Zu meiner großen Freude befand sich darunter auch eine schwedische Ausgabe von Roxane Gays Bad Feminist. Da wünsche ich mir glatt, Schwedisch sprechen zu können.

Der erste Tag bot mir einen guten Einblick über alle aktuellen Neuerscheinungen der Verlage, die mich interessieren. Hier ein paar Titel, die ganz sicher auf meiner Leseliste landen werden:

In der oberen Reihe befinden sich folgende Titel:

  • Wir waren doch mal Feministinnen – Von Riot Grrrl zum Covergirl – Der Ausverkauf einer politischen Bewegung von Andi Zeisler (Rotpunktverlag.)
  • Das antikapitalistische Buch der Mode von Tansy E. Hoskins (Rotpunktverlag.)
  • Weltgeschichte für junge Leserinnen von Kerstin Lückner und Ute Daenschel (Kein&Aber)
  • Why I March – Images From The Women’s March Around The World (Abrams Books)

In der unteren Reihe sind zu sehen:

  • Das Herz kommt zuletzt von Margaret Atwood (Berlin Verlag)
  • Big Shots! Places – Die Geheimnisse der Location-Fotografie von Henry Carroll (Midas Collection)

Manga-Comic-Con

Irgendwie konnten wir uns letzten Endes nicht davon abhalten, gleich am ersten Tag Halle Eins zu besuchen. Endlich konnte ich hier den neuen Roman von A. C. Lelis kaufen.  Kaffeekavalier schließt an die Grundstimmung ihres letzten Buches an und bescherte mir einen wundervollen Leseabend, den nur von gelegentlichen Seufzern oder einem frustrierten „NEIN!“ unterbrochen wurde. Zurück nach Halle Eins: Hightlight des Tages war dann aber das Maskottchen des japanischen Fernsehsenders NHK World, das bereits zum zweiten Mal in Folge zu Gast auf der Leipziger Buchmesse war und natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, mit Domo zu posieren. Wobei posieren wohl ein etwas übertriebener Ausdruck für Hinstellen und Schild schief halten ist.

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Freitag

Der zweite Messetag begann für mich sehr produktiv mit einer Buchmesseführung zum Thema Frauen gehen in Führung. Diese und weitere Rundgänge auf der Leipziger und Frankfurter Buchmesse werden vom Projekt Verlage der Zukunft veranstaltet, in diesem Fall in Zusammenarbeit mit dem Verein Bücherfrauen. Angeleitet von einer der Vorstandsmitgliederinnen besuchte unsere Gruppe den Stand von Tolino Media, der Selfpublishing-Plattform der Tolino Allianz, die Leiterin des Phantastikbereichs beim Ullstein Verlag sowie die Gründerin der Schreibschule Zeilensprung.
Danach ging es für mich wieder kreuz und quer über die Messe. Ein paar meiner weiteren Funde:

Das erste Buch steht für einen familieninternen Running Gag, denn ich habe panische Angst vor Haien. Kennt noch jemand die Was ist was?-Bücher aus dem Tessloff Verlag? Ich kannte die genaue Seitenzahl, auf der eben jene Meereslebenwesen vorgestellt wurden und habe sie jedes Mal konsequent überblättert. Hai Ahoi von Owen Davey (Knesebeck) hätte mich als Kind sicherlich hinter die Couch geschickt. Ari Turunens Titel Kann mir bitte jemand das Wasser reichen? (Piper) ist so plakativ, dass man darüber wenigstens ein wenig kichern muss. Ebenso mein absoluter Favourit aus dem Bereich Unterhaltung/Poetry Slam. Lars Ruppel ist mit dem Gedicht Holger, die Waldfee bereits zu den Poetry Slam Meisterschaften 2013 angetreten. Ein Jahr später habe ich auch von der Veranstaltung erfahren und endlich diesen unvergleichlich wortgewandten Poeten kennengelernt. Ähnlich verdreht-ulkig kann vermutlich nur Olaf Schubert denken.

Am Abend stand der Besuch der Nordischen Literaturnacht im Werk 2 an. Zu Gast waren hier insgesamt zwölf Autoren aus fünf – wieder so überraschend – nordischen Ländern, vom noch weniger bekannten Literaten bis zu Superstars. Was gut gemeint war, stellte sich als echtes Ausdauertraining heraus, denn die Autoren waren dazu angehalten worden, in ihrer Muttersprache zu sprechen. Auch wenn ich die Intension verstehen kann, dem Publikum die Vielfalt der nordischen Sprachen nahe bringen zu wollen, sorgte diese Vorgabe dafür, dass im Publikum einige Nickerchen gehalten wurden. Tatsächtlich lohnen würde sich dieses Konzept nur bei einer polyglotten Zielgruppe. Zusätzlich gingen viele Emotionen verloren, vom Verlust von Details will ich gar nicht beginnen. Meine Begleitung und ich haben schließlich nur bis cirka zur Mitte der Veranstaltung durchgehalten, denn wir wollten unbedingt Jostein Gaader zu Gesicht und auf die Ohren bekommen. Danach war dann einfach die Luft raus.

Was hat mir am Freitag am meisten gefehlt? Die Podiumsdiskussion Buchbeschleuniger. In den vergangen Jahren wurden hier aktuelle Branchenthemen wie zum Beispiel der Konflikt zwischen Feuilleton und Buchblog diskutiert. Doch in diesem Jahr war die Veranstaltung aus dem Programm verschwunden. Schade, vielleicht wieder nächstes Jahr? (Falls ich den Programmpunkt übersehen habe, möchte ich gerne in dem Glauben gelassen werden, dass er nie existiert hat.)

Und der ganze Rest

Samstag fiel für mich aufgrund von #Womensproblems mager aus. Erst nach 15 Uhr wagte ich mich auf die Messe und verbrachte zwei anregende Stunden im Taz Studio, der Leseplattform der gleichnamigen Tageszeitung. Redakteurin Doris Akrap interviewte zuerst den slowenischen Autor Dino Bauk, der sein Debüt Ende. Abermals (Hollitzer Verlag) vorstellte. Darin beschreibt er die Geschichte von Denis, einem Ausgelöschten. Diese Bevölkerungsgruppe verfügt über keine Staatenzugehörigkeit und wurde durch die Trennung des slowenischen Staates von Jugoslawien geschaffen.
Anschließend war ZEIT-Redakteur Mohamed Amjahid zu Gast auf der Bühne, der mit Doris Akrap über sein Buch Unter Weißen: Was es heißt, privilegiert zu sein (Hanser Berlin) sprach. Drin beschäftigt er sich mit einer Analyse der weißen Bevölkerungsschicht und zeigt auf, dass alle Bio-Deutschen Alltagsrassismus ausüben, ob dieser nun gewollt ist oder nicht. Ein lustiges, aber auch ergreifendes Gespräch.

Damit endete meine Leipziger Buchmesse 2017. Die Weltgeschichte für junge Leserinnen wartet bereits in meinem Bücherregal.

– Q

Rezension: Hidden Figures – Unbekannte Heldinnen von Margot Lee Shetterly

Das Biopic eines Hirngespinsts, das Wirklichkeit wurde und einer Generation von schwarzen Frauen, deren Überzeugung ihnen Flügel verlieh

Bereits der Film zum Sachbuch Hidden Figures hat mich begeistert und trotz diverser Abweichungen liefert er einen guten Eindruck davon, was das Buch zu bieten hat.

Die Autorin fährt mit dem Buch zweigleisig. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte der NASA (ungefähr bis zum Ende des Apollo-Programms) und des fortwährenden Rassismus in den USA. Bei der Beschäftigung mit der Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung konzentriert sie sich vor allem auf den Bundesstaat Virginia, da sich der erste Standort der Raumfahrtzentrale in Langely befand. Dabei verlässigt sie aber nicht die landesweite Bürgerrechtsbewegung und die politische Grundstimmung.

Wie im Film fokussiert sich die Erzählung im Buch auf die drei Kernfiguren Dorothy Vaughan, Katherine G. Johnson und Mary Jackson, die symbolisch für eine Generation gebildeter schwarzer Frauen stehen, die sich ihren Weg in die naturwissenschaftliche Elite erkämpft haben. Dabei unterscheiden sich ihre Wege enorm, was sie jedoch verbindet, ist ein eiserner Wille und viel Engagement im Beruf, aber auch in ehrenamtlichen Positionen. Viele der Frauen waren stark in Organisationen involviert, die dabei halfen, junge Menschen angesichts der ungerechten politischen Lage auf ihrem Lebensweg zu unterstützen.

Anders als im Film lernt man aber noch eine Vielzahl weiterer wichtigerer Personen kennen, die Anteil an den Leistungen der Raumfahrtbehörde hatten. Der Fokus liegt dabei auf einer Analyse der weiblichen, schwarzen Belegschaft und den Hindernissen und Schikanen, der sie ausgesetzt war. Die Autorin beschreibt, wie sich Langely allmählich zu einem weniger rassengetrennten Arbeitsplatz verwandelte, wodurch sich die Einrichtung merklich von der allegemeinen Lage im Bundesstaat Virginia unterschied.

Spannend liest sich auch die Entwicklung der NASA selbst. Begonnen hatte die Behörde unter dem Namen NACA als Schmiede für schnellere und sichere Flugzeuge, doch nachdem sogenannten Sputnik-Schock, der durch die gleichnamige, russische Raumkapsel ausgelöst wurde, änderte sich mit dem Namen auch die Ausrichtung der Forschung. Die US-amerikanische Regierung investierte ab diesem Zeitpunkt sehr viel Geld in den Traum nicht nur nach den Sternen zu greifen, sondern sie auch zu bereisen. Was als Hirngespinst von ein paar als Spinner abgestempelten Forschern begann, wurde ein Traum, den Millionen Menschen zusammen träumten und zur Wirklichkeit werden sahen.

Empfehlen möchte ich das Buch allen Lesern, die sich für spannende Geschichten von übersehenen und vergessenen Helden interessieren. Und natürlich jedem, der den Film gesehen hat und nun die ganzen (und korrekte) Geschichte hören möchte.

Vielen Dank an den Verlag Fischer TOR, bei dem ich mein Exemplar gewonnen habe und natürlich an HarperCollins Germany, der die Bücher zur Verfügung gestellt hat.

Bibliografische Angaben
Hidden Figures – Unbekannte Heldinnen von Margot Lee Shetterly
HarperCollins Germany, erschienen 2017
416 Seiten
ISBN 978-3-959-67084-5
14 €

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Rezension: I capture the castle von Dodie Smith

Eine verwitterte Burg, wilde Natur und das menschliche Treiben dazwischen

Aktuell stecke ich mitten in einem Bücherstapelabbau, denn im Laufe eines halben Jahres haben sich bei mir mehr als 30 ungelesene Bücher angesammelt. An I capture the castle hatte ich mich bereits vergangenen Herbst versucht, war aber nicht in der richtigen Stimmung. Unter dem Motto Take or Toss konnte ich mich nun doch überwinden und nach 50 Seiten hatte mich Dodie Smith in ihrer Hand.

Das Buch wird aus Sicht einer jungen Frau erzählt, die mit ihrer Familie in einer alten, verwitterten Burg auf dem englischen Land wohnt. Einst prachtvoll ist das Gemäuer zu einer Ruine verkommen und der Familie sind seit langem die finanziellen Mittel abhanden gekommen, irgendetwas an der Substanz zu verbessern. Genauer gesagt: Mittlerweile können sie sich kaum die Margarine auf dem Toast leisten.

Cassandra berichtet in Form von Notizbucheinträgen vom Alltag der Familie und von deren Eigenheiten. Ihr Vater ist ein Schriftsteller, der seit seinem ersten Roman kein Wort mehr geschrieben hat, ihre Stiefmutter, Model und Künstlerin, frönt regelmäßig ihrer Liebe zur Natur und ihre Schwester sehnt sich nach Wohlstand.
Doch als ihr Vermieter stirbt und wenig später seine Erben in Form zwei amerikanischen Gentlemen auftauchen, kündigen sich neue, bessere Zeiten für die Familie an.

Dodie Smiths Erzählung lebt von der Eigentümlichkeit ihrer Charaktere und der Direktheit von Cassandras Bericht. Es gibt keine Boshaftigkeit, die verkraftet werden muss, den Charakteren wird immer wieder die Chance gegeben zu wachsen.
Cassandra selbst wirkt am Anfang noch sehr naiv, fast wie ein Kind, aber im Laufe der Erzählung wird bewusst, dass sie älter ist, als vermutet. Ihre Schilderungen der Burg, der wilden Natur und der Menschen, die sie umgeben, sind unverklärt und intim.
Und teilweise einfach ehrlich, so zum Beispiel, als sie ihren Vater nach dem Fortschritt seines von der Familie sehnlichst herbeigewünschten zweiten Buches befragt:

‚How’s the work?‘ I asked.
A closed-up look came over his face and he said shortly: ‚You are too old to believe in fairy tales.‘

Heimliche Heldin des Romans könnte aber auch Topaz sein, die Stiefmutter, die sich aufopferungsvoll um die Familie kümmert und dafür sorgt, dass alle trotz der offensichtlichen Armut gut versorgt sind.

Doch nicht nur die Familie macht das Buch zu einem Pageturner, sondern auch Nebencharaktere wie die Lehrerin der örtlichen Dorfschule, welche die Familie mit den neuesten Büchern der Bibliothek versorgt, der wenig dogmatische Vicar, dank dem Cassandra ihr erstes Notizbuch erhält und die beiden Haustiere der Familie, Hel und Ad, welche Cassandra auf ihren Streifzügen durch die Umgebung um die Burg treu begleiten.

Unheimlich Spaß hat vor allem gemacht, sich das Leben in einer Burg vorzustellen. Zwar zerfällt das Mauerwerk immer mehr, aber trotzdem ist es erfüllt mit den Erinnerungen und Cassandra denkt das ein oder andere Mal an spezielle Momente. Das wäre zum Beispiel das Mittsommernachtsfest, das sie und ihre Schwester jedes Jahr mit einem Feuer und Tänzen feierten. Die beiden wachsen entfernt vom christlichen Einfluss auf, da der Vater und die Stiefmutter wenig Interesse an Kirchenbesuchen zeigen und finden so den Zugang zu dem heidnischen Fest. Umgeben von wildem Grün und der modernden Burg kommt man nicht umhin, an Naturgeister zu denken und nach Feen Ausschau zu halten.

Empfehlen möchte ich dieses Buch allen, die nach einem Rückzugsort suchen oder sich in einer längst vergessene Zeit zwischen Vergangenheit und Moderne zurückversetzen lassen möchten.

– Q

Bibliografische Angaben

I capture the castle von Dodie Smith
Penguin Books, erstmals erschienen 1949
535 Seiten
ISBN 978-0-141-37150-4
£ 7.99

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Rezension: Die Terranauten von T.C. Boyle

Klopf nicht gegen die Scheiben, denn sie fühlen, was wir fühlen.

Gerade erschien das neue Buch von Kultautor T. C. Boyle und ich habe mir den Wälzer vorgenommen. Doch bevor ich über die guten und die weniger guten Aspekte von „Die Terranauten“ sprechen möchte, erst einmal ein Abriss der Handlung.

Vier Frauen und vier Männer werden für zwei Jahre in eine von Menschenhand geschaffene Biosphäre eingeschlossen und ihre Aufgabe umfasst den Erhalt dieser künstlichen Welt. Erforscht werden soll die Möglichkeit ohne Hilfe von außen in einem abgeriegelten Raum zu überleben, was neue Chancen für die Besiedlung anderer Planeten bedeuten würde. Das Mantra ist: Nichts raus, nichts rein.
Die Mission, deren Verlauf man im Buch mitverfolgt, ist bereits die zweite dieser Art, wobei der erste Versuch bereits kurz nach den Einschluss wegen eines medizinischen Notfalls unterbrochen wurde. In Folge dessen ist der Erfolg des gesamten Experimentes, denn insgesamt soll es 50 Missionen á zwei Jahre geben, vom Geschick und Durchhaltevermögen der Teilnehmer der zweiten Mission abhängig.

Wer Angst vor einem Science Fiction-Spektakel mit seitenlangen Beschreibungen von technischen Anlagen hat, sei hiermit beruhigt, denn T. C. Boyle konzentriert sich bei der Erzählung auf die psychologische Ebene.

Das Buch untergliedert sich in vier Teile: Vor dem Einschluss, Jahr eins und Jahr zwei hinter Glas und Nach dem Einschluss. Ich hatte Bedenken, dass die Charakterisierung der handelnden Personen etwas oberflächlich sein könnte, denn 608 Seiten bieten nur so viel Raum, war dann aber sehr zufrieden mit der Umsetzung.
Boyle konzentriert sich auf drei Personen und gibt ihnen die Möglichkeit, die Geschehnisse aus ihrer Sicht zu schildern. Dawn, die das Zentrum der Handlung darstellt, ist eine der Terranauten und eine sehr gefühlvolle junge Frau, die sich dem Projekt voll und ganz verschrieben hat. Ramsey brennt ebenso für die Sache, denkt aber sehr selbstbezogen und versucht stets das Beste für sich herauszuholen. Er ist ebenfalls als Terranaut Teil von Mission 2 und ein ziemliches Arschloch. Linda schafft es nicht ins Terranautenteam und unterstützt deshalb die Leitung der Mission, Mission Control, um sich die Chance auf einen Platz in der folgenden Mission zu sichern. Sie ist nicht unbedingt gefühlskalt, denkt sich aber ihren Teil.

Kommen wir zum zentralen Thema des Buches: Kontrolle. Dawn, mit der die Erzählung beginnt, gibt gleich mit dem ersten Satz einen Eindruck davon.

Man hat uns von Haustieren abgeraten, desgleichen von Ehemännern oder festen Freunden, und dasselbe galt natürlich für die Männer, von denen, soviel man wusste, keiner verheiratet war.

Von Kapitel zu Kapitel erfährt man, wie stark Mission Control in das Leben der Terranauten eingreift. Die Frauen müssen bei Einschluss die Pille nehmen, es werden sowohl während der Auswahlphase als auch während des Einschlusses psychologische Gutachten erstellt und daraufhin Stricke gezogen und jederzeit werden die Terranauten neben ihren Aufgaben rund um den Erhalt der Biosphäre hinter dem Glas für PR-Zwecke eingesetzt. Verhalten, das darauf hinweist, dass es sich bei den Teilnehmer um Menschen und keine Forschungsroboter handelt, versucht Mission Control zu unterbinden.

Doch die Terranauten befinden sich hinter einer Wand und die ist auch für Mission Control undurchdringbar und so beginnt die Machtverschiebung. Nicht alle Terranauten sind Teil dieser Veränderung, genau genommen erfährt nur Dawn diese, denn sie gibt sich der Mission voll hin. Worin sich ihre Hingabe von der ihrer Kollegen unterscheidet, wird aber erst am Ende offensichtlich. Anders so Ramsey, der durch seine Laster, wie der Vorliebe jede verfügbare Frau seine Aufwartung zu machen, angreifbar bleibt.
Auch für Linda ändert sich wenig, da sie es nicht schafft, sich von ihrer Freundschaft mit Dawn zu lösen. Sie verfällt wie ihr Erzfeind einem Laster, in ihrem Fall dem Alkohol. Anders als Ramsey geht sie im Verlauf des Buches aber immer mehr in die Offensive und arbeitet daran, sich das zu sichern, was ihr ihrer Meinung nach zusteht.

Einer der weniger positiven Aspekte des Buches ist ein grundlegendes Prinzip des Buches, was der Handlung viel Spannung entzieht. Boyle belegt die Welt mit Grenzen, die er nicht überschreitet. Zum Beispiel gibt es keine tödlichen Folgen und Fehlverhalten hat kaum Auswirkungen. Vielleicht liegt es an der Erzählperspektive, denn Dawn, Linda und Ramsey erzählen aus der heutigen Sicht von den damaligen Ereignisse, aber ich hatte nie das Gefühl, dass einer der Terranauten ernsthaft in Gefahr kommen konnte.
Ein weiterer, sehr subjektiver Aspekt ist die Charakterisierung der Charaktere. Die wichtigen handelnden Personen sind allesamt sehr selbstbezogen. Mit Ausnahme des designierten Arztes und der Kapitänin treffen die Charaktere Entscheidungen in dem Bewusstsein, dass sie damit anderen Personen wehtun oder sie behindern werden.
Gerade Ramsey ist ein Charakter, den ich 90 Prozent des Buches am liebsten würgen wollte. Seine Handlung gegenüber Frauen kann man durchaus als ekelhaft bezeichnen, besonders als es zum Knackpunkt in der Handlung kommt und Dawn Gegenwind von allen Seiten bekommt und er ihr nur halbherzig beisteht.
Insgesamt gibt es nur wenige gesunde Beziehungen, die eine Rolle für die Handlung spielen, da die Charaktere zu beschäftigt sind, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Was mich jedoch vollkommen begeistert hat, war Boyles Sprache, denn er überflutet den Leser nicht mit sprachlichen Bildern, die der Authentizität der Erzählung einen Dämpfer verpasst hätte, sondern setzt sie sparsam und gekonnt ein, um wichtigen Momenten die passende Tragweite zu geben.
Ähnlich wie Menschen, die komplexe Ereignisse Revue passieren lassen, springt er in der Handlung ein wenig hin und her, behält aber die nötige Kontinuität bei, sodass man bei drei unterschiedlichen Blickwinkeln nicht komplett den Überblick verliert. Ein einlullendes Stilmittel sind auch die Brüche der vierten Wand, die mehr über den Charakter des jeweiligen Erzählers verraten.
Besonderen Eindruck haben bei mir mehrere Kapitelenden hinterlassen, die Boyle so bildhaft und eindringlich formuliert, dass ich gleich weiterblättern musste.

Ein Buch für Leser, die ein Experiment und seine Auswirkungen von mehreren Seiten betrachten möchten.

– Q

Bibliografische Angaben

Die Terranauten von T. C. Boyle
Hanser Verlag, erstmals erschienen 2017
608 Seiten
ISBN 978-3-446-25386-5
26 €

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