Kleiner Plausch gefällig? #8

Warum ich keine englischsprachigen Taschenbücher kaufen möchte

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Ich bilde mir ja ein, dass ich mit meinem Blog ein wenig zur Allgemeinbildung beitragen sollte. Aus diesem Grund setze ich mich heute mit einem spannenden Thema auseinander: Buchherstellung. Ausschlag dafür hat die Taschenbuch-Version von Why I’m no longer talking to white people about race von Reni Eddo-Lodge gegeben. Das Buch umfasst Herstellungsfehler, die ich gerne zeigen und erklären möchte. (Das Buch selbst ist ein Must-Read für alle, die sich mit Rassismus auseinander setzen wollen.)
Vergleichen werde ich dieses Taschenbuch mit Siebenschön von Judith Winter aus der dtv Verlagsgruppe, welches exemplarisch für deutsche Taschenbuchausgaben steht. (Den Titel habe ich mir von meiner Mutter stibitzt, weil er einen ähnlichen Seitenumfang wie Why I’m no longer talking… besitzt, also bitte keine Fragen zum Inhalt. )

Wenn die Perücke verrutscht

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Mein kleiner Exkurs in die Buchproduktion beginnt mit der Buchdecke, also den drei Seiten, die das Buch umhüllen und Auskunft über Titel, Autor und Inhalt geben.
Was ist bei dem englischsprachigen Taschenbuch schief gelaufen?
Dafür bitte einen Blick auf das Foto des Buchrückens werfen, also der schmalen Seite der Buchdecke, auf dem Titel, Autor und Verlag vermerkt sind. Was bei Why I’m no longer talking… ins Auge sticht: Der Schriftzug ist vertikal nicht zentriert, sitzt also etwas zu weit unten. Da alle drei Seiten im Layout in einer Datei angelegt werden, sitzt dadurch nicht nur der Schriftzug auf dem Buchrücken falsch. Ein Blick auf das Foto des Covers zeigt, dass der Schriftzug des Titels fast in die Falz, also in den Knick gerät, der entsteht, wenn das Buch geöffnet wird.

Dieser Fehler schmälern das Lesevergnügen nicht, aber wie man am deutschen Taschenbuch sieht, beeinflusst es die visuelle Wirkung. Um es drastisch auszudrücken: Es sieht unprofessionell aus. Da erwarte ich von einem Produkt aus dem Hause Bloomsbury einfach mehr.

Aufschlagen oder aufbrechen?

Für den zweiten Trick habe ich beide Bücher ungefähr in der Mitte aufgeschlagen. Wie man sieht, lässt sich das deutschsprachige Taschenbuch (links) mit einer Hand gut aufschlagen und versucht nicht gleich wieder zuzuschnappen wie Das Monsterbuch der Monster. Ganz anders das englischsprachige Taschenbuch (rechts), das sich vehement weigert, offen zu bleiben, wie man an der Haltung meiner Gagelfingern erkennt.

Grund für dieses unterschiedliche Aufschlagverhalten ist die Faserrichtung des Papiers. Wie jedes Naturmaterial besteht Papier aus Fasern, die in einer Richtung verlaufen. Wenn sich Papier ganz nah vor das Auge hält oder mit einer Lupe studiert, wird diese Richtung sichtbar. Verläuft die Faserrichtung parallel zum Buchrücken, lässt sich das Buch leicht aufschlagen und durchblättern. Wird die Richtung nicht beachtet, bricht man sich beim Öffnung des Buches gefühlt die Hand.

Vergleichbar ist dies mit dem Bruchtest, den man in Kampfkunstvorführungen sieht. Im nachfolgenden Beitrag von Galileo sieht man, dass Typ beim Bruchtest mit seiner Hand parallel zu der Faserrichtung des Holzes schlägt, die man anhand der dunkleren Striche im Holz identifizieren kann. Falls man entgegen der Faserrichtung schlägt, ist es ratsam vorab medizinische Versorgung zu ordern.

Die Faserrichtung wird gefühlt bei jedem englischsprachigen Taschenbuch missachtet, was einhändiges Lesen beim Essen oder Haare föhnen nahezu unmöglich macht. Haare trocknen ist langweilig, don’t judge me.

Achtung, Wasserschaden!

Nicht nur das Aufschlagverhalten verschlechtert sich, wenn die Faserrichtung des Papiers nicht beachtet wird. Bei der Gegenüberstellung der Buchdeckel anhand der Fotos oben erkennt man, dass sich das Cover des englischsprachigen Taschenbuchs konkav* verbogen hat. Diese Verkrümmung entsteht durch Feuchtigkeit und die Eigenschaft von Fasern sich auszudehnen oder zusammenzuziehen.

Bei der englischsprachigen Ausgabe liegen die Fasern nicht parallel zum Buchrücken. Unter dem Einfluss von Feuchtigkeit versuchen sie sich zu bewegen, das heißt, die Seitenhöhe versucht kürzer oder länger zu werden. Diese Bewegung wird von der Bindung verhindert und da den Seiten am Buchrücken kein Spielraum bleibt, verkrümmt sich beispielsweise das Cover. Im schlimmsten Fall beschließt der ganze Buchblock, also die Seiten, die von der Buchdecke umschlossen werden, Bewegung ins Spiel zu bringen, wodurch sich die Seiten vertikal zum Buchrücken wellen und Aufschlagen nur mit roher Gewalt möglich ist.

Liegen die Fasern parallel zum Buchrücken, dehnen sich die Blätter unter Einfluss von Feuchtigkeit aus, werden von der Bindung in ihrer Bewegung aber nicht gestört. Die Seiten verlängern oder verkürzen also ihre Breite, was der Bindung egal ist. Würde man Siebenschön Feuchtigkeit aussetzen, können Wellen parallel zum Buchrücken entstehen, was vielleicht nicht ansehnlich ist, das Aufschlagen aber nicht verhindert.

* Hab diese Eselsbrücke mal aktualisiert: Ist der Bauch konkav, hatte a) das Pärchen guten Sexualunterricht und/oder b) das Verhütungsmittel hat funktioniert, aber bildet euch ruhig ein: Das Mädchen war brav. Ist der Bauch konvex, hatte a) das Pärchen schlechten Sexualunterricht und/oder b) das Verhütungsmittel hat versagt, aber generell stimmt: Das Mädchen hatte Sex.

Fazit

Buchdruck ist ein Handwerk und deshalb ist die Buchproduktion mit ihren vielen Teilschritten nicht zu unterschätzen. Aus diesem Grund findet ich es besonders schade, dass im englischsprachigen Raum wichtige Dinge wie die Faserrichtung nicht beachtet werden. In den USA und in Großbritannien existiert keine Buchpreisbindung, das heißt jeder Buchhändler setzt den Preis, zu dem ein Buch verkauft wird, frei vom Einfluss des Verlags fest. Dadurch versuchen sich die Buchhändler mit ihren Preisen gegenseitig zu unterbieten, die Produktpreise sinken insgesamt, weswegen die Produkte preiswerter hergestellt müssen, damit noch Gewinn abfällt. (Das ist die Ultra-Kurzfassung der ganzen Entwicklung.) Der Nachteil ist: Billige Produktion wertet die Produkte ab und die Zahlungsbereitschaft beim Leser* sinkt („Vor ein paar Jahren war das Papier aber noch hochwertiger… Dafür gebe ich nicht soundso viele Dollar/Pfund aus!“), woraufhin die Händler nachziehen und die Preise anpassen müssen. Der Prozess läuft spiralförmig ab.

Was ist also die Alternative? Einen Kindle besitze ich seit einem Jahr und dank meinem Faible für Fanfiction war ich bereits zuvor an das Lesen langer elektronischer Texte gewöhnt. In Zukunft werde ich mein Geld, was englischsprachige Titel betrifft, also lieber in eine elektronische Ausgabe investieren oder für Herzenstitel tiefer in die Tasche greifen.

Fragen? Dann meldet euch gerne, denn ich möchte weitere Beiträge zum Thema Buchproduktion bringen.

– Q

Kleiner Plausch gefällig? #7

Über meine Schwäche für „18+ content, no cheating, standalone“-Bücher

Habe ich diesen Beitrag als Ausrede dafür benutzt, um auf Pixabay nach den kitschigsten Bildern zu suchen, die ich auf meinem Blog ertragen kann? Sicher doch, aber vor allem möchte ich darüber philosophieren, warum ich kein Buch als Guilty Pleasure sehe und warum jede Art von Literatur eine Daseinsberechtigung besitzt.

Erwartungshaltung

Ich würde diesen Abschnitt gerne mit einem „Ich bin ein Buch-Snob…“ beginnen, danach würde dann allerdings ein „aber“ folgen, also sehe ich der Wahrheit ins Gesicht: Ich bin ein Buch-Snob und wenn ich einen Brocken in die Hand nehme, erwarte ich zumindest eine Mini-Erleuchtung. Nach Rainer Schmitz kann ein* eifriger* Leser* in einem Leben zwischen 4.000 und 5.000 Bücher lesen. Ich bin bereits 26 Jahre alt, also habe ich meine mit viel Freizeit versehene Kindheit lange hinter mir gelassen. Mittlerweile habe ich keine Geduld mehr, mich durch Bücher zu quälen, die mich nicht catchen, weswegen ich mehrere bekannte Fantasy- und SF-Reihen gekauft, aber dann doch nicht gelesen habe. Ich habe keine Gewissensbisse dabei Bücher, die mir nichts geben, zur Seite zu legen. Im Buchregal oder in der Buchhandlung wartet bereits das nächste auf mich, das mir womöglich viel besser gefällt. Also was fasziniert mich an „18+ content, no cheating“?

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Not so guilty pleasure

Damit wir alle auf dem gleichen Wissensstand sind: Unter diesem Ausdruck verstehe ich diese mit einem furchtbaren, furchtbaren Cover ausgestatteten, oft nur als E-Book erhältlichen, wahlweise zusätzlich mit Happily Ever After (HEA) oder Happy For Now (HFN) ausgezeichneten… Schmonzetten. Genau die Bücher auf welche die jeweilige Marketingabteilung jede Menge „Frauen mögen das bestimmt!“-Symbolik packt und sich die* Leserin* etwas windet, wenn sie* auf den „Kaufen“-Button drückt. Aber nichts, wirklich gar nichts kann die Freude in mir dämpfen, wenn ich sehe, dass Titel wie An Unusual Courtship von Katherine Marlowe (Beiname: „M/M Regency Romance“) auf meinem Kindle landen. In diesem Moment weiß ich ganz genau, dass ich mich den Abend über die Irrungen und Wirrungen des Liebeslebens zweier Männer amüsieren kann und nicht mehr nötig ist, als dass ich Englisch verstehe.

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Ein, zwei, oder drei Augen zudrücken

Mir ist durchaus bewusst, dass diese Art von Büchern keinen Literaturnobelpreis verdienen, vermutlich ist es schon Frevel, diesen Preis im gleichen Beitrag zu nennen.* Ich bin mir der Schwächen dieses Genres bewusst. Wenn ich zu einem dieser Titel greife, stelle ich davor nicht mein Hirn aus und übersehe alle Klischees und ausgelatschten Erzähltechniken. Wenn ich eins dieser Bücher als unangreifbares literarisches Großwerk darstelle, bitte ich um einen umgehenden Rüffel. Was mir „18+ content, no cheating“ bietet, ist Schmunzeln, Seufzen und Lachen und aus diesem Grund weigere ich mich, mich für diese Art von Büchern zu schämen. Ein weiterer Grund: Gerade habe ich Why I’m No Longer Talking To White People About Race von Reni Eddo-Lodge sowie Das Herz kommt zuletzt von Margaret Atwood gelesen und beide Bücher lassen mich noch nicht los. Ich werde noch etwas Zeit brauchen, um die Themen und Ereignisse dieser Titel hinter mir zu lassen. Genau hier helfen mir Schmonzetten, denn während in meinem Kopf noch andere Dinge rumoren, muss ich mich nur emotional involvieren lassen und nicht komplett auf das Lesen an sich verzichten.

Also fühlt euch ruhig schuldig, wenn ihr zu Büchern greift, die als Chicklit verschrieen sind. Ich mache bei diesem Spiel nicht mit und freue mich auf die höchst frivole Stunden. Ganz ohne falsche Scham.

– Q

* Der Literatursnob in mir möchte gerne mitteilen, dass ich in naher Zukunft Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro lesen und rezensieren werde.

P.S.: Für alle, die es bis hierhin geschafft haben, hier der TED-Talk von Mark Ronson über die Frage, wie Sampling die Veränderung von Musik beeinflusst hat, zum Nerd wird:

Kleiner Plausch gefällig? #6 [Montagsfrage]

Über die Liebe zu gezeichneten Geschichten.

Wer sich in der Blogosphäre bewegt, kennt die Reihe Montagsfrage bereits, die von Buchfresserchen seit 2014 geleitet wird. Diese Ausgabe befasst sich mit der Frage, welche Blogger neben Romanen Comics, Graphic Novels und Manga lesen. Der Beitrag von Stefan Mesch hat ich mich dazu verleitet, wenigstens einmal daran teilzunehmen.

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Manga

Es ist nicht so, dass ich während der fünften und sechsten Klasse keine Bücher gelesen hätte, aber zu der Zeit waren Manga mein go-to-medium. Den Einsteig in die Welt der gezeichneten Geschichten hat mir das W.I.T.C.H.-Magazin geebnet, eine Comicreihe aus Italien über fünf Teenager-Hexen, die Monster aus einer Parallelwelt bekämpfen. Daraufhin habe ich begonnen die DAISUKI zu lesen, ein Manga-Magazin, welches sich einer vornehmlich weiblichen Zielgruppe widmete. Ab diesem Zeitpunkt gab es für mich nur noch den Weg hinab tiefer in den Kaninchenbau. Ich war stets auf der Suche nach neuen wunderschönen, detailreichen Zeichenstilen und Serien, deren Inhalte mich auch über zehn Bände fesselten. Und noch viel besser: Ich lernte jede Menge über die japanische Kultur, ihre alltäglichen Gepflogenheiten und liebenswerten sowie bedenklichen Eigenarten.

Photo by Alex Knight on Unsplash
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Mit steigendem Alter änderten sich meine Vorlieben und ich glitt immer mehr in die Fujoshi-Schiene ab, wurde also zu einem der Mädchen, das Jungs gerne beim Knutschen oder *hust* mehr zuschaute. Das beeinflusste auch mein Buch-Leseverhalten, denn nach wie vor schätze ich homoerotische Beziehungen als willkommene Abwechslung zu heteronormativem Chicklit.

Comics und Graphic Novels

Da ich im Bereich der westlichen gezeichneten Geschichten nicht bis gar nicht firm bin, versuche ich gar nicht erst, die Begriffe Comic und Graphic Novel zu definieren. Ich tendiere dazu, alles, worin Superhelden vorkommen, als Comic zu bezeichnen und die restlichen Publikationen unter dem Begriff der Graphic Novels zusammenzufassen. Ich bin mir aber bewusst, dass ich damit nur in der Hälfte der Fälle richtig liege.

Photo by Jon Tyson on Unsplash
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Was mich lange Zeit davon abgehalten hat, zu westlichen Publikationen zu greifen, ist der völlig vom asiatischen Mainstream abweichende Zeichenstil. Dann habe ich mich einmal genauer umgeschaut und entdeckt, dass es durchaus Serien gibt, die in meinen Augen „hübsch“ aussehen. Ich lege sehr viel Wert auf weiche Linien und hohen Detailreichtum sowohl im Vorder- als auch Hintergrund. Deswegen habe ich mich auf der Stelle in Sunstone von Stjepan Sejic verliebt. In fünf Bänden wird aus zwei Frauen, die zu Beginn nur nach der Möglichkeit gesucht haben, ihre Vorliebe für BDSM auszuleben, mehr, was für jede Menge Gefühlschaos sorgt. Natürlich lässt sich die Geschichte auch nur mit Worten erzählen, aber Sejics dynamischer Umgang mit der Farbe Rot und die ultrastylischen Outfits bieten so viel mehr als ein Buch leisten könnte.

Was hat sich verändert?

Mit steigendem Alter verändert sich der Anspruch an den eigenen Lesekanon und so war ich doch ziemlich geschockt, als ich meine Lieblingswerke zu Teenagerzeiten in den letzten Tage erneut durchgelesen habe. Gerade in vielen populären homoerotischen Manga, die ich in diesem Alter verschlungen habe, ist der Begriff der Einwilligung zu sexuellen Handlungen problematisch bis „Okay, ich schließe das Browserfenster jetzt mal ganz schnell.“. Außerdem scheinen sich viele Zeichner*innen mit der Frage, welche Körperteile wie auf welche Handlungen vorbereitet werden sollten, nicht auseinander gesetzt zu haben.

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Doch mit steigendem Alter lernt man dazu und dank Twitter und Blogosphäre ist es nicht mehr so schwer, die Perlen unter den gezeichneten Werken zu finden. So freue ich mich bereits jetzt auf kommende Erscheinungen wie:

  • weitere Bände der Graphic Novel Monstress (Autorin: Marjorie Liu/ Zeichnerin: Sana Takeda),
  • Moonstruck (Autorin: Grace Ellis/ Zeichnerin: Shae Beagle)
  • die Neuauflage von MARVELs Runaways (Autorin: Rainbow Rowell/ Zeichner: Kris Anka)

Es gibt jede Menge Künstler*innen und Autor*innen, die Minderheiten eine Stimme verleihen und das ist ein weiterer Grund, sich nach gezeichneten Geschichten umzuschauen, die sowohl inhaltlich als auch künstlerisch überzeugen.

– Q

Rezension: Beauty Queens von Libba Bray

Zwischen Sparkle Ponies und Lost Girls

Soviel zu gut gemeinten Plänen: Beauty Queens basiert lose auf dem Klassiker Herr der Fliegen von William Golding und ich wollte die Werke eigentlich miteinander vergleichen. Doch schon nach 50 Seiten Beauty Queens wurde mir bewusst, dass ich mich ganz auf dieses Buch konzentrieren möchte. Also buckle up, we are in for a joyride!

Der Plot

Beauty Queens beginnt wie der Klassiker mit einem Flugzeugabsturz, doch hier ist es eine Truppe angehender Schönheitsköniginnen, die auf einer verlassenen Insel stranden. Zu Beginn versuchen sie noch ihre Vorbereitungen für den Miss Teen Dream-Wettbewerb durchzuziehen, aber nach und nach zeigt sich, dass der Kampf ums Überleben Vorrang genießen sollte und so beginnen sie Hütten zu bauen, Fische zu fangen und pelzige Beine bleiben pelzig. Als Miss Texas, die Einzige, die noch von dem Schönheitswettbewerb überzeugt ist, entdeckt, dass die Suche nach den Mädchen vom Sponsor der Show abgeblasen wurde, verliert sie ihre Contenance und setzt sich in den Dschungel ab.

Bereits früh kommt bei einigen der Mädchen die Vermutung auf, dass sie nicht die einzigen Bewohner der Insel sind. Doch dann landet eine Truppe Reality-TV Piraten an ihrem Strand und die Bedenken sind vorerst vergessen. Erst zum Schluss zeigt sich, wie tief der Sponsor der Show, The Corporation, gesunken ist und die Mädchen müssen alle ihre Fähigkeiten einsetzen, um ihr Leben zu retten.

Irrsinn und Brillanz

Was habe ich gelacht! Es gibt so viele Momente, in denen ich mir dachte „Das hat sie (die Autorin) nicht!“, das Buch erstmal zur Seite legen musste, um den Irrsinn in Ruhe zu genießen und ins Fäustchen zu lachen.
Neben dem offensichtlichen Schönheitsköniginnen-Irrsinn steckt in dem Buch jede Menge Feminismus und Kritik an Konsumismus, Rassismus und Vorurteilen gegenüber transsexuellen Personen. Was wie harter Tobak klingt, wird von Libba Bray in hervorragend pointierten Dialogen und Settings verpackt. Früh im Buch macht sich Nicole, die einzige schwarze Kandidatin, auf, um den Dschungel zu erkunden. Shanti, die einzige indische Kandidatin, folgt ihr und bleibt in Treibsand stecken. Nicole versucht ihr zu helfen, fällt aber auch in den Treibsand und das Kapitel endet damit, dass beide vom Glibber verschluckt werden. Vermutlich kennt jeder die Trope, dass die einzige farbige Person in einem Buch/Film zuerst stirbt. Natürlich lässt die Autorin sie nicht sterben und die beiden retten sich selbst.

Beauty Queens quillt vor Symbolismus förmlich über. Da ist beispielsweise die Teilnehmerin, die als Kind Mitglied der Boyband Boyz Will B Boyz war oder der Moderator der Miss Teen Dream-Show Fabio Testosterone. Auch die Kritik an den unterschiedlichen Anforderungen an Jungen und Mädchen dringt ungeschminkt durch, als Miss Texas mitten in einem Handgemenge darüber nachdenkt, nach ihrer Rückkehr in die Zivilisation eine Charm School für Jungen zu eröffnen, da diese mit zerknitterten Shirts und ungekämmten Haaren davonkommen, während bei den Mädchen alles gezupft und gerupft werden muss.

Was lernen wir daraus?

An einer Stelle des Buches gehen die Mädchen direkt auf die Ähnlichkeit ihrer Situation mit der der Jungen aus Herr der Fliegen ein und eine von ihnen stellt die These auf, dass die Mädchen diese Insel brauchen, um herauszufinden, wer sie sind und wo sie ohne Aufpasser die sein können, die sie wirklich sind. Fernab von allen Regeln und Verboten müssen diese Mädchen niemanden mehr darstellen, sondern können einfach sie selbst sein.

Deshalb empfehle ich dieses Buch jedem, der eine gute Coming-of-Age Geschichte sucht, denn die Mädchen entwickeln sich weiter, lernen dazu und wachsen an den Problemen, die sich ihnen stellen und natürlich jedem, der auf der Suche nach einer scharfzüngigen Satire ist.

– Q

Bibliografische Angaben

Beauty Queens von Libba Bray
Scholastic Press, erschienen 2011
400 Seiten
ISBN 978-0-439-89598-9
Taschenbuch: 10,49 €
Kindle-Version: 5,49 €

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Rezension: Die 33. Hochzeit der Donia Nour von Hazem Ilmi

Mit einem Fingerschnippen gegen die islamistische Diktatur 2.0.

Wir schreiben das Jahr 2048 und das Land Großägypten wird durch die Neo-Scharia und eine Gruppe von Oligarchen kontrolliert, die das Land vollständig abgeriegelt haben. Die Bevölkerung wird ähnlich des Kastensystems in drei Gruppen gegliedert und lebt in abgegrenzten Landesteilen. Donia Nour muss nur noch einmal für eine Nacht Braut sein, dann hat sie genug Gold angespart, um die Schlepper zu finanzieren, die sie über die Landesgrenze bringen sollen.

Seit Ostaz Mukhtar das letzte Mal Koshari gegessen hat, sind etwas weniger als 100 Jahre vergangen – zumindest auf der Erde, denn gefühlt waren es für ihn nur zwei Jahre seit eine Gruppe Außerirdische ihn entführte. Nun soll er zurück nach Großägypten, denn um die Revolution zu beginnen, die zum Zusammenfall des Regimes führt, benötigt Donia Nour seine Unterstützung.

Überwachung

Neben der Grausamkeit die Donia in ihrem Leben erfährt, waren es die Überwachung und die Isolation, die sie aushalten muss, die besonders stark auf mich gewirkt haben. Zu Beginn des Buches auf dem Weg zur Arbeit verrutscht ihre E-Hidschab und sofort geht neben ihr ein Detektor los, der sie und ihr unmittelbares Umfeld auf diesen Verstoß aufmerksam macht. Teil der täglichen Religiosität sind elektronische Rosenkränze, welche das Beten des Nutzers aufzeichnen. Der Person werden daraufhin Punkte auf ein Gute-Taten-Punktekonto gutgeschrieben, welches prognostiziert, ob der Weg in den Himmel sicher ist.

Isolation

Isolation wird durch die Sprache der Gläubigen erzielt. Donia unterhält sich an einem Punkt des Buches mit einer Kollegin und da jeder zweite Satz eine Lobpreisung auf ihren Gott enthält, liest sich die Unterhaltung so, als würden die Frauen aneinander vorbeireden. Erst viel später, als Donia einen Tiefpunkt erreicht und beginnt das System ihres Heimatlandes zu hinterfragen, findet in den Gesprächen mit ihren Mitmenschen ein Austausch von Gedanken statt.

Isolation durch das herrschende Regime wird zudem durch das Verwehren eines Zugangs zum Internet erreicht. Das ist mir erst relativ spät aufgefallen, weil ich davon ausgegangen bin, dass eine so hypermoderne Gesellschaft einfach ständig mit dem Internet verbunden sein muss, aber natürlich lässt sich durch das Verwehren des Zugangs Wissen extrem gut kontrollieren. Das Internet ist für mich bereits eine essentielle Quelle für Informationen geworden und ich gebe gerne zu, dass ich ohne diesen einfachen Zugang echt aufgeschmissen wäre. Auch wenn ich weiß, wie ich zur Bibliothek komme.

Die Pyramiden von Gizeh

Grausamkeit

Vermutlich ist es keine allzu große Überraschung, dass dieses Buch den Niedergang einer zutiefst patriarchischen Gesellschaft erzählt. Jungfräulichkeit für Frauen und Ehen mit mehreren Frauen für Männer, you know the drill. Donia lernt bereits früh, dass den Männern in ihrem Umfeld nicht zu trauen und Flucht ihre einzige Möglichkeit ist, um dem erdrückenden System zu entkommen. Jede einzelne ihrer Hochzeiten ist ein notweniges Übel, um ihr Ziel zu erreichen. Überhaupt ist der Hang zur Gewalt bei den Männern, die ihr begegnen, deutlich. Auch Ostaz muss dies am eigenen Leib spüren, als er sich öffentlich kritisch zum Fundamentalismus äußert.

Mein Fazit

Die 33. Hochzeit der Donia Nour erzählt von einer Gesellschaft, die am Fundamentalismus und der Gier einer Oligarchie krankt. Die Kritik an der Auslegung des Koran sowie dem Drang, Menschen daran zu hindern, über Glauben nachzudenken und damit ihren eigenen Weg zur Religiosität, zum Atheismus oder Agnostizismus zu finden, ist nicht zwischen den Zeilen versteckt, sondern deutlich ausformuliert. Glaube ist Privatsache und Hazem Ilmi beschreibt, was passiert, wenn Überwachung und Isolation genutzt werden, um die Umsetzung unreflektierter religiöser Grundsätze zur Staatsangelegenheit zu machen.

Natürlich musste ich an einigen Stellen des Buches ordentlich schlucken. Die Ehemänner von Donia Nour schrecken nicht davor zurück, Gewalt auszuüben, um das zu bekommen, wofür sie einen Brautpreis bezahlen. Für wen sexuelle Gewalt ein Triggerthema ist, dem rate ich deshalb von der Lektüre ab. Ansonsten empfehle ich das Buch jedem, der nach einer Dystopie sucht, die von einer starken Frau handelt, die ihr Ziel unablässig verfolgt.

– Q

Bibliografische Angaben

Die 33. Hochzeit der Donia Nour von Hazem Ilmi
Blumenbar, erschienen 2016
272 Seiten
ISBN 978-3-351-05027-6
18 €

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Rezension: Boys Don’t Cry von Jack Urwin

Mentale Gesundheit vs. toxische Männlichkeit

„Fangt an zu reden, denn ich habe keinen Bock ein Buch über das Zeug zu schreiben.“, so endet der Vice-Artikel, auf dem Jack Urwins Buch basiert. Aber er ist nicht drum herum gekommen und der Originaltitel verrät auch, warum: Man Up. Surviving Modern Masculinity heißt das Sachbuch und beschäftigt sich mit den schädlichen Wirkungen von toxischer Männlichkeit für alle Beteiligten. Das Buch war meine schmerzhafteste Leseerfahrung seit Only Ever Yours von Louise O’Neill und das war bereits ein ordentlicher Schlag in die Magengrube.

Die Fakten

WARNUNG! Das Buch beschäftigt sich mit Themen wie Selbstmord, psychischen Erkrankungen und Rape Culture, wird dabei jedoch nicht grafisch. 

Ausgangspunkt für Jack Urwins Buch ist die Tatsache, dass die Selbstmordrate für Männer in Großbritannien (und auch in Deutschland) dreimal so hoch ist wie die von Frauen, während Frauen eher zu psychischen Erkrankungen neigen. Jeder kennt die Situation, in der ein Mann aus dem Umfeld krank ist und sich weigert zum Arzt zu gehen. Die Rate spiegelt nur das wieder, was gerne klischeehaft überspitzt wird: Männer reden nicht gerne über ihre Probleme, selbst dann nicht, wenn es ihnen wirklich übel geht.

Die Themen

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Bullshit, denn bei einer Studie, die Jack Urwin in seinem Buch erwähnt, bei der amerikanische Studenten gefragt wurden, ob sie eine Frau zum Beischlaf zwingen würden, wenn niemand je davon erfahren würde, antwortete ein Drittel der Befragten mit Ja. Als die Frage später umformuliert wurde und sie geradeheraus gefragt wurden, ob sie eine Frau vergewaltigen würden, wenn sie damit davon kommen würden, bestätigten nur noch/immer noch knapp 14 Prozent. Ein Teil der Befragten hatte folglich nicht mal Ahnung, was eine Vergewaltigung ist. Erschreckend und deshalb ist Schweigen Bullshit. Jack Urwin ruft dazu auf, die Schweigemauer zu brechen, denn jeder sollte wissen, wann Sex sicherer Sex ist.

Weitere wichtige Themen für ihn sind zum Beispiel Aggression und die Frage, warum manche Männer sind auf Biologie berufen, um Gewaltausbrüche zu legitimieren und der Körperkult, der nicht nur Frauen in ein gestörtes Körpergefühl treibt.

Mein Fazit

Es tut weh, aber lest das Buch! Es gab einige Stellen, an denen ich zum Taschentuch greifen musste und das nicht ohne Grund, denn die Gesellschaft stellt nicht nur absurde Anforderungen an Frauen, sondern auch an Männer. Um es mit High School Musical zu sagen: We all in this together, also müssen wir zusammenarbeiten, um den Hamsterkäfig lebenswerter zu machen.
Jack Urwin schreibt pointiert und schonungslos. Es fällt leicht, seinen Ausführungen zu folgen, sodass das Buch bei mir ein echter Pageturner war, den ich innerhalb eines Tages verschlungen habe. Er nimmt sich Zeit, am Anfang in die Thematik einzuführen, beschreibt zum Beispiel den Unterschied zwischen Geschlecht, Gender und Sexualität und geht auf Unterschiede zwischen Cis-Männern und LGBTQIA-Menschen ein. Interessant sind außerdem seine Rückgriffe auf passende Studien – siehe oben – sowie die Schilderung von Einzelschicksalen. So erzählt er von Erfahrungen von Soldaten, darunter auch die von Christina Bentley, die sich als erste Polizistin der Royal Air Force als Transgender outete und wie ihre Armeezeit den Wandel beeinflusste.

Also: An alle Feminist*innen, da draußen und alle, die das Leben ihrer Mitmenschen lebenswerter und glücklicher machen wollen: Lest das Buch!

– Q

P. S.: Wer eine Kostprobe von dem Buch möchte, dem empfehle ich in das Gespräch (und die Lesung) des Literaturhaus Zürichs mit Jack Urwin hinein zuhören. Ab 02:40 startet die Veranstaltung.

P. P. S.: Boys will be boys ist auch so ein dummer Spruch. Ein Arschlochkind ist halt einfach ein Arschlochkind.

Bibliografische Daten

Boys don’t cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit von Jack Urwin
Edition Nautilus, erschienen 2017
232 Seiten
ISBN 978-3-960-54042-7
16,90 €

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Kleiner Plausch gefällig? #5

Über Themen, die mein Lesen bestimmen

Eigentlich hatte ich für diese Woche gar keinen Beitrag geplant, aber als ich lohntdaslesen.de, den Blog der lieben Andrea, besucht habe, hat es mich dann doch gepackt. Sie hat sich in einem Beitrag mit den Themen beschäftigt, die sie bei Büchern catchen und Leitfragen, die sie durch Lektüre beantwortet haben möchte.

Des Pudels Kern

Anders als Andrea kann ich leider nicht mit hochtrabenden Motiven dienen, die mich beim Lesen beschäftigen. Wenn ich mir die Bücher anschaue, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, ist ein wichtiges Thema für mich persönliches Wachstum von Figuren. Zum Beispiel ein Mädchen, das sich auf eine Reise begibt und dabei lernt, selbstständig zu handeln und ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Oder ein Junge, der nach dem Stein der Weisen sucht, dann einen ganz anderen Schatz findet und feststellt, dass ewiges Leben nicht das Erstrebenswerteste ist. Gerade habe ich mit der Serie Outlander von Diana Gabaldon angefangen, die genau zu diesem Thema passt.

Ein weiterer Aspekt, der mich immer begeistert, ist gut ausgearbeitete Beziehungsentwicklung. Dieser Aspekt mag sehr primitiv erscheinen, aber einige Autoren werfen Figuren ungefähr so elegant zusammen wie Kinder, die Barbie und Ken zum Küssen zwingen. Slow Burn, wie das gemächliche Anbahnen einer Beziehung in Fanfiktionkreisen bezeichnet wird, ist ein Tanz mit sehr individuellen Regeln. Zwei Figuren können schnell „klicken“, andere sind wie Öl und Wasser und lassen sich einfach nicht zusammenbringen. Gerade diese Unterschiede herauszuarbeiten ist für mich ein großer Genuss. Und das gilt natürlich für alle Arten von Beziehung, nicht nur solche, die in das Biest mit zwei Rücken münden. Weil ich mir gerade ein neues Buch von Trudi Canavan zugelegt habe, fallen mir zu dieser Thematik die zwei Trilogien rund um die Magierin Sonea ein, die sehr viele unterschiedliche Beziehungen und deren Entwicklung schildern.

Die Gretchenfrage

„Nun sag, wie steht es bei dir mit Feminismus?“ Auf diesem Blog habe ich mich noch viel zu wenig mit feministischer Literatur beschäftigt, was sich definitiv ändern muss! Feminismus ist ein wichtiges Thema, mit dem ich mich eigentlich täglich beschäftige und das mein Leben seit geraumer Zeit stark beeinflusst. Mittlerweile habe ich mir diverse Film-, Fernseh- und Buchklassiker verdorben und habe andere zu schätzen gelernt. Insgesamt bin aber um einiges aufmerksamer geworden, wenn es um die Welt und die Gesellschaft geht, in der wir leben. Bücher, die sich hierfür anbieten, gibt es einige, zum Beispiel Hidden Figures von Margot Lee Shetterly und bald werde ich Jack Urwins Boys don’t cry: Identität, Gefühl und Männlichkeit lesen.

Ein Vortrag, der mich in Sachen Feminismus so richtig Feuer und Flamme werden lassen hat, ist der später unter dem Titel We should all be feminists als Buch erschienen TED-Vortrag von Chimamanda Ngozi Adichie. Damit ihr nicht suchen müsst, hier das Video:

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