Rezension: Peripherie von William Gibson

Zeitreisen für alle, die keine Zeitreisen mögen.

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Cover von William Gibsons "Peripherie"

Sechs Jahre nachdem ich wenig glorreich an dem ersten Band der Neuromancer-Trilogie gescheitert bin, habe ich mich an ein anderes Buch von William Gibson herangewagt. Peripherie ist nicht weniger anspruchsvoll als eben jener Titel, aber ich habe das Ziel erreicht, das ich mir selbst auferlegt habe: Durchhalten und durchlesen.

Laut New York Times schafft Gibson mit jedem Satz eine Welt und auch mir ist die Sprache in Peripherie besonders aufgefallen. Flynne und Wilf trennen Welten. Zwischen ihnen liegt der „Jackpot“, eine Art globales Desaster, das ihre Zeitstränge voneinander abspaltet. So ist die Zukunft, in der Wilf lebt, nicht linear mit der Vergangenheit verbunden, die Flynnes Zuhause ist. Als die Schwester von Wilfs Klientin ermordet wird und Flynne aufgrund eines Zufalls die einzige Zeugin ist, gelangt sie über ein geheimes chinesisches Netzwerk in Wilfs Welt und die Suche nach dem Mörder beginnt. Ein Hilfsmittel dafür ist ein Peripheral, eine Art Roboter, der dem Buch im Englischen auch den Namen liefert, in welches Flynnes Bewusstsein geladen wird.

Doch wie unterscheiden sich die Welten der beiden Hauptcharaktere? Während Flynnes Welt von Armut und Korruption geplagt ist, ist Wilfs Welt vollständig technologisiert, aber gezeichnet von den Folgen des Jackpots, welches sich zum Beispiel in Wilfs Ablehnung von Technologien widerspiegelt. Zusätzlich hat er ein Alkoholproblem. Flynne und die Bewohner ihrer Stadt müssen ihr Geld durch halblegale Arbeit verdienen. Der ganze Bezirk lebt von Geld aus der Drogenherstellung. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Persönlichkeiten der Charaktere. Wilf ist während der gesamten Handlung unsicher, was sein Platz in den Geschehnissen sein soll. Die Heldenrolle fällt Flynne zu, die sich zwar nicht ohne Bedenken ist, sich aber dennoch erfolgreich ins Abenteuer stürzt.

Gibson vereinfacht das Hineinfinden in die Handlung aber nicht nur durch Charaktere, in die man sich ohne Probleme hineinversetzen kann, sondern auch durch Sprache. Einerseits lässt er die Personen der beiden Zeitperioden auch auf unterschiedlichen Stilebenen kommunizieren. Gerade wenn Wilf und Flynne aufeinander treffen, wird deutlich, wie unterschiedlich sie sprechen. Informeller Wortschatz wird in Wilfs Realität nicht mehr allzu häufig gebraucht, denn er identifiziert Flynnes Art und Weise zu reden sofort als Prä-Jackpot. Andererseits differenzieren sich beide Welten von unserer Wirklichkeit, da viele der Technologien, die im Verlauf der Handlung eine Rolle spielen, wie im Genre üblich (noch) nicht existieren. Sie tragen exotische Namen und ihre Funktion wird dem Leser nicht in jedem Fall sofort erklärt. Die fehlende Erläuterung kann frustrieren, wirkt aber organisch, da den handelnden Personen klar ist, worum es sich handelt. Insgesamt schafft es Gibson die Sprache so zu gestalten, dass man jederzeit genau weiß, in welcher Zeitperiode die Handlung sich gerade zuträgt.

Während die schnellen Wechsel zwischen der Sicht von Flynne und Wilf (Jedes Kapitel ist nur wenige Seiten lang, sodass das Buch 124 Kapitel umfasst.) für eine gute Abwechslung beim Lesen sorgen und kein gedanklicher Sprung in der Handlung zurück von Nöten ist, beinhaltet die Handlung keine überraschenden Wendungen. Vielmehr ist es ein vorsichtiges Erkunden der Realität auf der jeweils anderen Seite der Netzwerks und der Versuch eine Katastrophe auf beiden Seiten zu verhindern. Gerade die Welt von Flynne wird von Wilfs Zukunft stark beeinflusst, was zu wirtschaftlichen und geschichtlichen Verschiebungen führt. Jedoch bleibt der so häufig im Genre thematisierte Schmetterlingseffekt aus, denn wie bereits erwähnt, sind die beiden Zeitperioden nicht miteinander verbunden.

Auch wenn es mir nicht durchgängig leicht fiel, das Buch immer wieder in die Hand zu nehmen, ist es trotzdem ein spannendes Leseerlebnis. William Gibson schafft eine Welt oder genau genommen zwei Welten, die zwar technisch weiter entwickelt sind als unsere Realität, deren Bewohner aber mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie wir: Armut, Klimawandel, Korruption, Katastrophen und Veränderungen, die über unsere Vorstellungskraft hinausgehen. Peripherie zeigt dem Leser zwei unterschiedliche Wege, in Ereignisse verwickelt zu werden, die hohe Ansprüche an seine Fähigkeiten stellen und an denen er wachsen kann.

– Q

Bibliografische Angaben

Peripherie von William Gibson
Tropen, erstmals erschienen 2016
616 Seiten
ISBN 978-3-608-50124-7
24,95 €

BUY LOCAL!

Autor: nachtigallenfriedhof

Buchhandel/Verlagswirtschaft. HTWK. Leipzig. Verrückt/Extravagant/Außernatürlich. Sucht euch was aus.

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