Rezension: First Meetings in Ender’s Universe von Orson Scott Card

Rumpelstilzchen und ein mysteriöses Programm namens Jane.

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Cover von Orson Scott Cards "First Meetings in Ender's Universe"

Bestehend aus vier Kurzgeschichten bietet First Meetings in Ender’s Universe einen etwas anderen Einblick auf die Reihe.

Polish Boy und Teacher’s Pest spielen chronologisch gesehen vor Ender’s Game und beleuchten kleine Ausschnitte aus dem Leben von Enders Vater John Paul. Mit drei hochintelligenten Kindern wie Ender, Valentine und Peter kann auch er kein gewöhnliches Kind gewesen sein. Bereits im Alter von fünf Jahren liest er auf Collegeniveau und hat ein Talent dafür, genau das zu sagen, was die Situation verlangt. Gemeinsam mit seiner aus allen Nähten platzenden Familie lebt er im katholischen Polen und wird von der Mutter zu Hause unterrichtet, da die Weltenregierung Familien mit mehr als zwei Kindern den Schulbesuch versagt. Doch vor dem staatlichen Test der internationalen Sternenflotte ist kein Entkommen. Als eine Vertreterin John Pauls Familie besucht, sollen eigentlich nur seine älteren Geschwister getestet werden, doch er kann sich durchsetzen und bemerkt bereits als die Vertreterin die Ergebnisse überfliegt, dass er überdurchschnittlich abgeschnitten hat. Doch besiegelt ist sein Schicksal damit noch nicht.
John Paul fasziniert sowohl als Kind als auch – wie in Teacher’s Pest – als Erwachsener. Immer wieder blitzen Wesenzüge seiner drei Sprösslinge durch. Das Gen zur Manipulation gibt er zum Beispiel an Valentine weiter. Gleichzeitig kann er geradezu kopflos mutig sein, wie er in der zweiten Kurzgeschichte beweist, die erzählt, wie John Paul seine spätere Frau und Enders Mutter kennenlernt.
Ein alter Bekannter spielt ebenfalls eine nicht unwichtige Rolle und es wird deutlich, dass Enders Weg in die Battle School kein Zufall war.

Wer sich für die Entwicklung des Buches Ender’s Game interessiert, für den ist die nächste, gleichnamige Kurzgeschichte ein Muss. Card veröffentlichte Enders Abenteuer zum ersten Mal 1977 in Form eben jenes Textes im Analog Magazin.
Das Konzept der Geschichte stand bereits im ersten Entwurf: Junge wird in einer Schule im Weltall zu einem Sternenflottenkommandeur ausgebildet, der die Erde vor einer außerirdischen Invasion retten soll. Doch wichtige Elemente, welche das Buch so komplex machen, kommen erst in der späteren Fassung hinzu. Beispielsweise wächst Ender in der Kurzgeschichte nicht auf der Erde auf, wodurch er keine Bindung zu dem Planeten empfindet. Seine ersten Erinnerungen spielen sich bereits in der Battle School ab. Einige Figuren, die im Buch eine wichtige Rolle für Enders Entwicklung spielen, existieren hier noch nicht, darunter auch seine Geschwister.

Als ich die vierte Kurzgeschichte begonnen habe, musste ich mir ein Lachen verkneifen, denn der Plot ist fast schon ein bisschen absurd. Zeitlich angesiedelt ist The Investment Counselor nach den Geschehnissen von Ender’s Game und enthält damit einige Spoiler zur Buchfassung. Ender und seine Schwester befinden sich im Landeanflug auf einen Planeten, als Ender bemerkt, dass er vor kurzem 20 Jahre alt geworden ist und damit als erwachsen gilt. Folglich muss er auch der größten Pein des Erwachsenenlebens nachgehen: Die alljährliche Steuererklärung und diese stellt sich als umfassend heraus. Ender bittet einen Beamten der Steuerbehörde um einen Aufschub, doch der hat beim Anblick von Enders Vermögen ganz andere Pläne.
Auch wenn die Geschichte wie eine Parodie klingt, schafft es Orson Scott Card den Plot wenig lächerlich umzusetzen. Es werden zum Beispiel die Hintergründe geschildert, warum Ender nach Kriegsende nicht auf die Erde zurückkehren konnte und welche Rolle er selbst im Wandel des Bildes spielt, das die Menschheit von seinen Taten gewonnen hat. Zusätzlich lernen wir eine ganz neue Figur kennen: Jane ist laut eigener Aussage ein Programm zur Vermögensverwaltung und kümmert sich um Enders Steuererklärung. Doch es wird schnell klar, dass Jane mehr Einfluss besitzt, als auf den ersten Blick ersichtlich.
Interessant ist auch die Veränderung zu beobachten, die Ender nach den Ereignissen in Ender’s Game vollzogen hat. Während er in Ender’s Game seinen Benutzerkonto an der Battle School eigenhändig mit einer Firewall schützt, greift er in der Kurzgeschichte auf die Hilfe eines ihm unbekannten Programmes zurück – trotz aller Skepsis.

Zu Empfehlen ist die Lektüre allen, die sich tiefer in das Ender-Universum einlesen wollen und natürlich allen, die Rohfassungen von Büchern interessieren.

– Q

Bibliografische Angaben

First Meetings in Ender’s Universe von Orson Scott Card
TOR, erstmals erschienen 2003
200 Seiten
ISBN 978-0-765-34798-5
$ 6.99

BUY LOCAL!

Autor: nachtigallenfriedhof

Buchhandel/Verlagswirtschaft. HTWK. Leipzig. Verrückt/Extravagant/Außernatürlich. Sucht euch was aus.

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