Rezension: Die Terranauten von T.C. Boyle

Klopf nicht gegen die Scheiben, denn sie fühlen, was wir fühlen.

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Cover von T.C. Boyles "Die Terranauten"

Gerade erschien das neue Buch von Kultautor T. C. Boyle und ich habe mir den Wälzer vorgenommen. Doch bevor ich über die guten und die weniger guten Aspekte von „Die Terranauten“ sprechen möchte, erst einmal ein Abriss der Handlung.

Vier Frauen und vier Männer werden für zwei Jahre in eine von Menschenhand geschaffene Biosphäre eingeschlossen und ihre Aufgabe umfasst den Erhalt dieser künstlichen Welt. Erforscht werden soll die Möglichkeit ohne Hilfe von außen in einem abgeriegelten Raum zu überleben, was neue Chancen für die Besiedlung anderer Planeten bedeuten würde. Das Mantra ist: Nichts raus, nichts rein.
Die Mission, deren Verlauf man im Buch mitverfolgt, ist bereits die zweite dieser Art, wobei der erste Versuch bereits kurz nach den Einschluss wegen eines medizinischen Notfalls unterbrochen wurde. In Folge dessen ist der Erfolg des gesamten Experimentes, denn insgesamt soll es 50 Missionen á zwei Jahre geben, vom Geschick und Durchhaltevermögen der Teilnehmer der zweiten Mission abhängig.

Wer Angst vor einem Science Fiction-Spektakel mit seitenlangen Beschreibungen von technischen Anlagen hat, sei hiermit beruhigt, denn T. C. Boyle konzentriert sich bei der Erzählung auf die psychologische Ebene.

Das Buch untergliedert sich in vier Teile: Vor dem Einschluss, Jahr eins und Jahr zwei hinter Glas und Nach dem Einschluss. Ich hatte Bedenken, dass die Charakterisierung der handelnden Personen etwas oberflächlich sein könnte, denn 608 Seiten bieten nur so viel Raum, war dann aber sehr zufrieden mit der Umsetzung.
Boyle konzentriert sich auf drei Personen und gibt ihnen die Möglichkeit, die Geschehnisse aus ihrer Sicht zu schildern. Dawn, die das Zentrum der Handlung darstellt, ist eine der Terranauten und eine sehr gefühlvolle junge Frau, die sich dem Projekt voll und ganz verschrieben hat. Ramsey brennt ebenso für die Sache, denkt aber sehr selbstbezogen und versucht stets das Beste für sich herauszuholen. Er ist ebenfalls als Terranaut Teil von Mission 2 und ein ziemliches Arschloch. Linda schafft es nicht ins Terranautenteam und unterstützt deshalb die Leitung der Mission, Mission Control, um sich die Chance auf einen Platz in der folgenden Mission zu sichern. Sie ist nicht unbedingt gefühlskalt, denkt sich aber ihren Teil.

Kommen wir zum zentralen Thema des Buches: Kontrolle. Dawn, mit der die Erzählung beginnt, gibt gleich mit dem ersten Satz einen Eindruck davon.

Man hat uns von Haustieren abgeraten, desgleichen von Ehemännern oder festen Freunden, und dasselbe galt natürlich für die Männer, von denen, soviel man wusste, keiner verheiratet war.

Von Kapitel zu Kapitel erfährt man, wie stark Mission Control in das Leben der Terranauten eingreift. Die Frauen müssen bei Einschluss die Pille nehmen, es werden sowohl während der Auswahlphase als auch während des Einschlusses psychologische Gutachten erstellt und daraufhin Stricke gezogen und jederzeit werden die Terranauten neben ihren Aufgaben rund um den Erhalt der Biosphäre hinter dem Glas für PR-Zwecke eingesetzt. Verhalten, das darauf hinweist, dass es sich bei den Teilnehmer um Menschen und keine Forschungsroboter handelt, versucht Mission Control zu unterbinden.

Doch die Terranauten befinden sich hinter einer Wand und die ist auch für Mission Control undurchdringbar und so beginnt die Machtverschiebung. Nicht alle Terranauten sind Teil dieser Veränderung, genau genommen erfährt nur Dawn diese, denn sie gibt sich der Mission voll hin. Worin sich ihre Hingabe von der ihrer Kollegen unterscheidet, wird aber erst am Ende offensichtlich. Anders so Ramsey, der durch seine Laster, wie der Vorliebe jede verfügbare Frau seine Aufwartung zu machen, angreifbar bleibt.
Auch für Linda ändert sich wenig, da sie es nicht schafft, sich von ihrer Freundschaft mit Dawn zu lösen. Sie verfällt wie ihr Erzfeind einem Laster, in ihrem Fall dem Alkohol. Anders als Ramsey geht sie im Verlauf des Buches aber immer mehr in die Offensive und arbeitet daran, sich das zu sichern, was ihr ihrer Meinung nach zusteht.

Einer der weniger positiven Aspekte des Buches ist ein grundlegendes Prinzip des Buches, was der Handlung viel Spannung entzieht. Boyle belegt die Welt mit Grenzen, die er nicht überschreitet. Zum Beispiel gibt es keine tödlichen Folgen und Fehlverhalten hat kaum Auswirkungen. Vielleicht liegt es an der Erzählperspektive, denn Dawn, Linda und Ramsey erzählen aus der heutigen Sicht von den damaligen Ereignisse, aber ich hatte nie das Gefühl, dass einer der Terranauten ernsthaft in Gefahr kommen konnte.
Ein weiterer, sehr subjektiver Aspekt ist die Charakterisierung der Charaktere. Die wichtigen handelnden Personen sind allesamt sehr selbstbezogen. Mit Ausnahme des designierten Arztes und der Kapitänin treffen die Charaktere Entscheidungen in dem Bewusstsein, dass sie damit anderen Personen wehtun oder sie behindern werden.
Gerade Ramsey ist ein Charakter, den ich 90 Prozent des Buches am liebsten würgen wollte. Seine Handlung gegenüber Frauen kann man durchaus als ekelhaft bezeichnen, besonders als es zum Knackpunkt in der Handlung kommt und Dawn Gegenwind von allen Seiten bekommt und er ihr nur halbherzig beisteht.
Insgesamt gibt es nur wenige gesunde Beziehungen, die eine Rolle für die Handlung spielen, da die Charaktere zu beschäftigt sind, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Was mich jedoch vollkommen begeistert hat, war Boyles Sprache, denn er überflutet den Leser nicht mit sprachlichen Bildern, die der Authentizität der Erzählung einen Dämpfer verpasst hätte, sondern setzt sie sparsam und gekonnt ein, um wichtigen Momenten die passende Tragweite zu geben.
Ähnlich wie Menschen, die komplexe Ereignisse Revue passieren lassen, springt er in der Handlung ein wenig hin und her, behält aber die nötige Kontinuität bei, sodass man bei drei unterschiedlichen Blickwinkeln nicht komplett den Überblick verliert. Ein einlullendes Stilmittel sind auch die Brüche der vierten Wand, die mehr über den Charakter des jeweiligen Erzählers verraten.
Besonderen Eindruck haben bei mir mehrere Kapitelenden hinterlassen, die Boyle so bildhaft und eindringlich formuliert, dass ich gleich weiterblättern musste.

Ein Buch für Leser, die ein Experiment und seine Auswirkungen von mehreren Seiten betrachten möchten.

– Q

Bibliografische Angaben

Die Terranauten von T. C. Boyle
Hanser Verlag, erstmals erschienen 2017
608 Seiten
ISBN 978-3-446-25386-5
26 €

BUY LOCAL!

Autor: nachtigallenfriedhof

Buchhandel/Verlagswirtschaft. HTWK. Leipzig. Verrückt/Extravagant/Außernatürlich. Sucht euch was aus.

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