Rezension: I capture the castle von Dodie Smith

Eine verwitterte Burg, wilde Natur und das menschliche Treiben dazwischen

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Cover von Dodie Smiths "I capture the castle"

Aktuell stecke ich mitten in einem Bücherstapelabbau, denn im Laufe eines halben Jahres haben sich bei mir mehr als 30 ungelesene Bücher angesammelt. An I capture the castle hatte ich mich bereits vergangenen Herbst versucht, war aber nicht in der richtigen Stimmung. Unter dem Motto Take or Toss konnte ich mich nun doch überwinden und nach 50 Seiten hatte mich Dodie Smith in ihrer Hand.

Das Buch wird aus Sicht einer jungen Frau erzählt, die mit ihrer Familie in einer alten, verwitterten Burg auf dem englischen Land wohnt. Einst prachtvoll ist das Gemäuer zu einer Ruine verkommen und der Familie sind seit langem die finanziellen Mittel abhanden gekommen, irgendetwas an der Substanz zu verbessern. Genauer gesagt: Mittlerweile können sie sich kaum die Margarine auf dem Toast leisten.

Cassandra berichtet in Form von Notizbucheinträgen vom Alltag der Familie und von deren Eigenheiten. Ihr Vater ist ein Schriftsteller, der seit seinem ersten Roman kein Wort mehr geschrieben hat, ihre Stiefmutter, Model und Künstlerin, frönt regelmäßig ihrer Liebe zur Natur und ihre Schwester sehnt sich nach Wohlstand.
Doch als ihr Vermieter stirbt und wenig später seine Erben in Form zwei amerikanischen Gentlemen auftauchen, kündigen sich neue, bessere Zeiten für die Familie an.

Dodie Smiths Erzählung lebt von der Eigentümlichkeit ihrer Charaktere und der Direktheit von Cassandras Bericht. Es gibt keine Boshaftigkeit, die verkraftet werden muss, den Charakteren wird immer wieder die Chance gegeben zu wachsen.
Cassandra selbst wirkt am Anfang noch sehr naiv, fast wie ein Kind, aber im Laufe der Erzählung wird bewusst, dass sie älter ist, als vermutet. Ihre Schilderungen der Burg, der wilden Natur und der Menschen, die sie umgeben, sind unverklärt und intim.
Und teilweise einfach ehrlich, so zum Beispiel, als sie ihren Vater nach dem Fortschritt seines von der Familie sehnlichst herbeigewünschten zweiten Buches befragt:

‚How’s the work?‘ I asked.
A closed-up look came over his face and he said shortly: ‚You are too old to believe in fairy tales.‘

Heimliche Heldin des Romans könnte aber auch Topaz sein, die Stiefmutter, die sich aufopferungsvoll um die Familie kümmert und dafür sorgt, dass alle trotz der offensichtlichen Armut gut versorgt sind.

Doch nicht nur die Familie macht das Buch zu einem Pageturner, sondern auch Nebencharaktere wie die Lehrerin der örtlichen Dorfschule, welche die Familie mit den neuesten Büchern der Bibliothek versorgt, der wenig dogmatische Vicar, dank dem Cassandra ihr erstes Notizbuch erhält und die beiden Haustiere der Familie, Hel und Ad, welche Cassandra auf ihren Streifzügen durch die Umgebung um die Burg treu begleiten.

Unheimlich Spaß hat vor allem gemacht, sich das Leben in einer Burg vorzustellen. Zwar zerfällt das Mauerwerk immer mehr, aber trotzdem ist es erfüllt mit den Erinnerungen und Cassandra denkt das ein oder andere Mal an spezielle Momente. Das wäre zum Beispiel das Mittsommernachtsfest, das sie und ihre Schwester jedes Jahr mit einem Feuer und Tänzen feierten. Die beiden wachsen entfernt vom christlichen Einfluss auf, da der Vater und die Stiefmutter wenig Interesse an Kirchenbesuchen zeigen und finden so den Zugang zu dem heidnischen Fest. Umgeben von wildem Grün und der modernden Burg kommt man nicht umhin, an Naturgeister zu denken und nach Feen Ausschau zu halten.

Empfehlen möchte ich dieses Buch allen, die nach einem Rückzugsort suchen oder sich in einer längst vergessene Zeit zwischen Vergangenheit und Moderne zurückversetzen lassen möchten.

– Q

Bibliografische Angaben

I capture the castle von Dodie Smith
Penguin Books, erstmals erschienen 1949
535 Seiten
ISBN 978-0-141-37150-4
£ 7.99

BUY LOCAL!

Autor: nachtigallenfriedhof

Buchhandel/Verlagswirtschaft. HTWK. Leipzig. Verrückt/Extravagant/Außernatürlich. Sucht euch was aus.

4 Kommentare zu „Rezension: I capture the castle von Dodie Smith“

  1. Mensch, Trixi! Jetzt habe ich seit langem mal wieder in Deinen Blog geschaut. Entschuldige, dass ich nicht regelmäßiger nachgesehen habe.
    Weil bald wieder Buchmesse ist, habe ich mich an unser Treffen letztes Jahr bei den Blogger Sessions erinnert. Du schreibst aber sehr schön persönliche Rezensionen. 🙂

    Hast Du dieses Jahr auch vor, zu den Blogger Sessions zu gehen? 🙂

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      1. Ich bin auch noch am überlegen. Wenn nichts dazwischen kommt würde es bei mir finanziell grade so gehen. Aber ich muss sagen, ohne Dich ist es natürlich nur halb so schön. 😉

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