Rezension: An Excess Male von Maggie Shen King

Ein Blick in Chinas Zukunft

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Ich habe mal wieder meine Leseliste bearbeitet, um nur mit den Lesetipps ins neue Jahr zu starten, die mich wirklich interessierten. Dabei bin ich auf die diesjährige Phantastik-Bestenliste von Barnes & Noble gestoßen, auf welcher unter anderem An Excess Male von Maggie Shen King zu finden ist. Der Vergleich zu The Handmaid’s Tale machte mich neugierig, also habe ich meinen Kindle gezückt und einen Blick in Chinas Zukunft gewagt.

Eine Vornotiz zum Inhalt

Vermutlich kennt jeder die Ein-Kind-Politik, die von der chinesischen Regierung 1979 eingeführt wurde. Diese sollte helfen, Überbevölkerung zu verhindern und das Land sozial und ökonomisch aufblühen zu lassen. Was die Gesetzgeber nicht bedacht hatten: Viele Familien legten es daraufhin an, einen männlicher Stammhalter als einziges Kind zu erhalten, der für die Familie sorgen würde. Berechnungen zufolge werden aus diesem Grund bereits 2030 mindestens ein Viertel der männlichen Bevölkerung selbst in ihren 30ern nicht verheiratet sein. Ein solch starker Überhang eines Geschlechts muss zu einem Umdenken in der Gesellschaft führen.

Der Plot

Zu einem Umdenken ist es in An Excess Male gekommen, denn bereits seit einiger Zeit ist es Frauen gestattet, zwei Männer zu heiraten, nun wurde die Grenze auf drei Männer angehoben. Glück für Wei-Guo, denn er verfügt nur über eine geringe Mitgift und die Familie, in die er einheiraten möchte, sucht dringend nach einem dritten Ehemann. Bereits nach kurzer Zeit wird ihm klar, dass der erhabene Eindruck, den die Familie Wu bei der Heiratsvermittlung erweckte, nur ein Schutzschild ist.

Hann, der erste Ehemann von May-ling, ist ein nicht registrierter Homosexueller, sein Bruder XX, der zweite Ehemann, weist Merkmale autistischen Verhaltens auf. Beide würden zu Aussätzigen werden, wenn ihr Geheimnis gelüftet wird. Auch May-lings Sohn BeiBei, ein Kind mit einem schier unendlichen Vorrat an Energie, sorgt dafür, dass die Familie in der angepassten Öffentlichkeit auffällt.

Doch Wei-Guos Zuneigung für May-ling und ihre kleine Familie wächst von Treffen zu Treffen. So versucht er sein Bestes, die Geheimnisse zu verbergen und nicht selbst ins Visier der chinesischen Regierung zu geraten.

Das Fazit

Was Maggie Shen Kings Roman spannend macht, ist nicht nur die Erforschung der möglichen Auswirkungen der Ein-Kind-Politik, sondern auch, dass An Excess Male aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Wei-guo, der mehr oder weniger junge Mann, der endlich auf Brautschau gehen kann. Hann, der als Willfully Sterile zwar offen homosexuell leben könnte, aber auf Familie und Kind verzichten müsste. XX, der kein Interesse am Familienleben hat und nach einem Weg aus der für ihn unerträglichen Ehe sucht. Und May-ling, die sich nach der Liebe und Zuwendung einer Liebeshochzeit sehnt und trotzdem ihre beiden Ehemänner schützen möchte.

An Excess Male erforscht, wie schutzlos gefährdete Gesellschaftsgruppen wie die LGBT+-Gemeinschaft oder mental beeinträchtigte Personen einem nach Gleichheit und Angepasstheit strebenden System ausgeliefert sind. Weder Hann, noch XX stellen eine Bedrohung für die Gesellschaft dar und doch sind sie auf den Schutz ihrer Familie angewiesen, um nicht ausgegrenzt zu werden. Doch das Buch spendet auch Hoffnung, dass durch den Schutz von Gemeinschaften eben jede bedrohten Gruppen vor der gesellschaftlichen Ausgrenzung bewahrt und integriert werden können.

Das Buch zeigt, was passiert, wenn der Wert eines Geschlechts das anderer überwiegt und welche Veränderungen der chinesischen Gesellschaft noch bevorstehen könnten um die verheerenden Folgen einer politischen Entscheidung zu mindern. Bleibt nur zu hoffen, dass den Frauen des Landes mehr Mitspracherecht zustehen wird als May-ling, um ihnen zu zeigen, wie wertvoll sie für das Land sind.

– Q

Bibliografische Angaben

An Excess Male von Maggie Shen King
HarperCollins, erschienen 2017
416 Seiten
ISBN 978-0-062-66255-2
11,49 €

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Worauf ich mich in 2018 freue!

Wenn ich mich denn mal aus meinem selbst auferlegten Buchkaufbann erlöse…

Das neue Jahr naht und damit auch viele spannende Neuveröffentlichungen. Ich habe noch nicht Vorschauen für 2018 gesichtet, werde es mir vermutlich sparen, da meine Leseliste eh dauerhaft im Wandel ist. Außerdem gehe ich viel lieber in Buchhandlungen und lasse mich überraschen, was die Einkäufer so als relevant erachten. Einige Titel haben es nichtsdestotrotz bereits auf meine Leseliste geschafft.

Murakami geht bekanntlich immer

Gerade war mir aufgefallen, dass mal wieder Bücher von japanischen Autoren fällig sind, da erfahre ich von den neuen Romanen von Haruki Murakami. Perfektes Timing! Fast 1.000 Seiten haben die beiden Titel zusammen und ich bin gespannt, ob mich das neue Werk ähnlich fesseln wird wie 1Q84.
Die Handlung wird sich um einen jungen Maler drehen, der in eine Schaffenskrise verfällt, als er einen reichen Auftraggeber portraitieren soll. Dann findet er ein Bild mit Titel „Die Ermordung des Commendatore“ und ist wie besessen von dem meisterhaften Werk. Merkwürdige Geschehnisse um den Ich-Erzähler bringen ihn dazu, sich an seinen Auftraggeber zu wenden. Als er dies tut, muss er feststellen, dass der Herr einen ungeahnten Einfluss auf sein Leben ausübt.
Band 1: Eine Idee erscheint am 22. Januar 2018 bei Dumont, Band 2: Eine Metapher wandelt sich folgt am 16. April 2018.

Cover von Mitternacht von Christoph Marzi

Neue Phantastik von Christoph Marzi

Bekanntlich liebe ich Christoph Marzis Bücher über alles. Doch ich gebe ehrlich zu, dass mir seine nicht-phantastischen Titel, was die Handlung betrifft, oft zu ähnlich und zu liebeslastig sind (Tief in meinem Inneren bin ich der Grinch.). Deshalb freue ich mich besonders, dass nun endlich Mitternacht erscheint, der Erscheinungstermin war nach hinten verlegt worden.
Auch in seinem neusten Roman spielt Marzi mit dem Übergang zwischen zwei Welten und lässt seinen Helden in die Welt der Geister stolpern. Unterstützt von einem reisenden Geist und einem Findelgeistmädchen (Ja, es stiehlt das Herz des Helden, damit muss ich jetzt einfach klarkommen.) führt der Weg des Jungen zu einem Ort, der den Namen Mitternacht trägt und an dem Hoffnung geboren wird und Träume sterben.
Mitternacht erscheint am 1. März 2018 bei Piper und ich werde bereit sein für das Abenteuer!

Cover von Die Gabe von Naomi Alderman

Die Preisträgerin des Baileys Women’s Prize for Fiction 2017

Dank der Auszeichnung mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction hat Naomi Alderman für ihrem Roman Die Gabe 2017 bereits viel Aufmerksamkeit erhalten. 2018 erscheint der Titel endlich in Deutschland und ich bin gespannt, wie der Titel beim deutschen Publikum ankommt.
In Die Gabe erhalten Frauen plötzlich die Fähigkeit, mit ihren Händen Stromschläge auszusenden, was die Vorstellung, welches Geschlecht das stärkere ist, völlig auf den Kopf stellt. Betroffen ist nicht nur die Elite der Gesellschaft, sondern auch die, deren Stimmen sonst nur allzu einfach überhört werden.
Die Gabe erscheint am 12. März 2018 bei Heyne.

Cover von Autonom von Annalee Newitz

Arbeiten bis in den Tod

Autonom ist ein typischer Fall von „Oh, das Cover sieht aber interessant aus!“. Dass William Gibson den Titel lobt, schadet allerdings auch nicht. Wobei ich vermutlich noch einmal darüber nachdenken werde, ob ich mir wirklich zur deutschsprachige Ausgabe greife. Leider überzeugt mich die Qualität der Taschenbücher von Fischer Tor nicht so richtig. Das für den Buchdeckel verwendete Papier habe ich als preiswert empfunden. Aber zurück zum Buch!
Eine neue Droge sorgt dafür, dass Menschen solange arbeiten, bis ihr Körper versagt. Jack ist eine Patentpiratin, sie kopiert Präparate und verkauft sie auf dem Schwarzmarkt. Als die tödliche Nebenwirkung der neuen Droge bekannt wird, kommen Jacks Kopien in den Verdacht. Doch sie ist sich sicher, dass die Pharmakonzerne selbst die Übeltäter sind und macht sich zusammen mit Freunden auf die Ursachensuche. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, denn die Pharmakonzerne haben sich bereits an die Fersen von Jack geheftet und sie als Terroristin verleumdet.
Autonom erscheint am 24. Mai 2018 bei Fischer Tor und ich freue mich auf eine atemlose Verfolgungsjagd.

Cover von Almost Love von Louise O'Neill

Ein feministisches Eisbad

Von Louise O’Neill habe ich in diesem Jahr bereits Only ever yours gelesen und nicht rezensiert, weil ich eine furchtbare, furchtbare Bloggerin bin. Empfehlen kann ich das Buch jedoch über alle Maßen. Es ist kein angenehmes Buch, aber eins das wichtig ist und lange nach der letzten Seite immer wieder zum Nachdenken anregt. Ebenfalls für 2018 vorgenommen habe ich mir Asking for it, das vermutlich wieder schockieren und eine unbezahlbare Lektion sein wird.
In Almost Love verliebt sich Sarah in einen Mann namens Matthew. Er ist zwanzig Jahre älter als sie und ihre Freunde und Familie sind schockiert, aber all das ist Sarah egal, denn Matthew bedeutet ihr alles. Selbst als sie kurz davor steht ihre Arbeit zu verlieren, ist alles, woran sie denken kann, Matthew. Ihre Liebe ist nicht ohne Schmerz, aber so soll Liebe doch anfühlen?
Almost Love wird von riverrun am 1. März 2018 veröffentlicht und ich bin so gespannt, auf den Abgrund, in den Louise O’Neill mich in diesem Buch entführen wird.

Cover von American Panda von Gloria Chao

Der Fluch der elterlichen Erwartungen

Zwischen hartem Science-Fiction und ernsthaften Romanen werde ich auch in 2018 immer wieder mal einen fluffig-leichten YA-Roman einschieben. Darunter fällt auch American Panda von Gloria Chao, auf das ich dank einer animierten Version des Covers auf Twitter aufmerksam geworden bin. Manchmal bin ich echt so cheap…
Mei ist endlich am Ziel der Träume (ihrer Eltern) angekommen, dem Medizinprogramm des MIT und das mit nur 17 Jahren. Dumm nur, dass der Masterplan ihrer Eltern nicht berücksichtigt, dass Mei Keime und Bakterien hasst und der Junge ihrer Träume nicht der gewünschte taiwanesische Schwiegersohn ist, sondern ihr japanischer Kommilitone. Ihr Bruder wurde aus der Familie verstoßen, als er eine aus elterlicher Sicht falsche Partnerin gewählt hatte. Als Mei ihn wieder trifft, muss sie abwägen, was ihr die gesponnenen Lügen wert sind und ob sie sich aus dem Netz befreien kann, um sie selbst zu sein.
American Panda erscheint am 6. Februar 2018 bei Simon Pulse.

Cover von From Twinkle, with Love von Sandhya Menon

Der Wunsch gehört zu werden

When Dimple met Rishi habe ich dieses Jahr eigentlich nur gekauft, weil es gerade bei Kindle im Angebot war. Es hat mich dann aber so mitgerissen, dass ich auch das neue Buch von Sandhya Menon lesen werde.
In From Twinkle, With Love geht es erneut um einen Contest. Dieses Mal möchte die aufstrebende Regisseurin Twinkle einen Film beim Summer Festival einreichen, sodass ihre Stimme endlich gehört wird. Auf das Festival aufmerksam macht sie Sahil, ebenfalls ein Filmbegeisterter. Neben der Chance endlich einen ihrer eigenen Filme auf einer großen Leinwand zu sehen, lockt die Möglichkeit ihrem langjährigen Crush Neil, Sahils Zwilling, näher zu kommen. Als ein unbekannter Absender beginnt, Twinkle Emails zu schreiben, ist sie sich sicher, dass Neil dahinter steckt. Wer sonst könnte sich hinter „N“ verbergen? Und dann sind da auch noch die Gefühle, die sie langsam für Sahil entwickelt.
From Twinkle, With Love erscheint am 22. Mai 2018 bei Simon Pulse.

Comics in 2018

Die Kategorie, in der ich für 2018 am planlosesten bin, sind die Comics und Graphic Novels. Fest steht momentan nur ein Titel, aber der muss unbedingt. Moonstruck erscheint bei Image Comics und sieht goddamn adorable aus. Wenn das kein Kaufgrund ist, dann möchte ich darauf hinweisen, dass die Geschichte von der Lumberjanes-Autorin Grace Ellis geschrieben wurde. Eine weitere Reihe, die ich noch lesen möchte…

Cover der Howls Moving Castle Trilogy von Diana Wynne Jones

Eine Reise in eine wohlbekannte, zauberhafte Welt

Die World of Howl-Trilogie von Diana Wynne Jones ist zwar keine Neuerscheinung, aber fest für meinen Kanon des nächsten Jahres eingeplant. Ich möchte unbedingt wissen, was nach Das wandelnde Schloss passiert und erneut in die zauberhafte Welt eintauchen, die die Autorin geschaffen hat. Außerdem interessiert mich, wie stark Buch und Film voneinander abweichen. Welchen besseren Anlass kann man für einen Hayao Miyazaki-Filmeabend haben?

Drückt mir die Daumen, dass mir nicht doch noch eine Vorschau in die Hände fällt. Aktuell gefällt mir der Plan, so wie er ist.

– Q

Rezension: Das antikapitalistische Buch der Mode von Tansy E. Hoskins

Ein Blick hinter das Glitzer und all die Pailletten

If you could press a button that would give you a great deal of money but it would cause someone you don’t know in a distant part of the world to die, then you would have a good model for how our current economy works.

Mit diesen Worten beginnt Episode 105 des Podcasts „Welcome to Night Vale“ und fasst den Inhalt von Das antikapitalistische Buch der Mode wie auf den Punkt zusammen. Für alle die Night Vale kennen: Ja, ich habe mich umgeschaut, ob sich Agenten der Geheimpolizei einen Spaß mit mir erlauben, aber es war wohl nur ein Zufall. Kennt man ja, diese unerklärbaren Zufälle…

Eine Vornotiz

Bevor ich zum konkreten Inhalt des Buches komme, möchte ich das Grundgerüst des Titels aufgreifen, da es einen großen Einfluss auf Tansy E. Hoskins Argumentation und Denkweise ausübt. Für die Autorin liegt die Ursache des aktuellen Zustands der Modeindustrie nicht am Konsumbedürfnis der Privatpersonen, sondern an einem System, welches einzelnen Personen ermöglich auf dem Rücken verwundbarerer Personen Unmassen an Kapital anzusammeln. Damit ist natürlich das kapitalistische System gemeint.

Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, dass den Kommunismus in Form der DDR selbst erlebt hat und keine Anhänger dieser Staatsform ist, doch mit einem Blick auf die aktuellen Entwicklungen in den USA, dem wohl kapitalistischen Land und mit dem Wissen, welches ich durch Das antikapitalistische Buch der Mode gewonnen habe, bin ich nun daran interessiert, mich mit kommunistischen und kollektivistischen Gesellschaften auseinander zu setzen.

Der Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei große Sachbereiche. Tansy E. Hoskins erklärt zu Beginn, wie die Modeindustrie aufgebaut ist und welche Global Player sich hinter Marken wie Gap, Primark und Hilfiger als auch hinter Haute Couture-Labels wie Chanel, Dior und Louis Vuitton verbergen und wie Unternehmer nach und nach angeblich konkurrierende Anbieter unter einem Schirm vereinigen. Gleiches gilt für den Markt der Modezeitschriften und -blogs, der als unabhängig gilt, dies aber definitiv nicht ist.

Im zweiten Sachbereich geht es um die direkten und indirekten Auswirkungen der Modeindustrie. Da sind die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen in den Ländern, in den die weniger kreativen Stationen der Kleidungsproduktion stattfindet, das sind die Einflüsse auf die Umwelt, welche dazu führen, dass Generationen von Menschen in einer Region mit Sicherheit an Krebs sterben oder dass Krokodile statt 70 nur drei Jahre leben dürfen, weil ihre Haut ein begehrter Rohstoff ist. Und das ist die Scham und die Verachtung, mit der unzählige Frauen und Männer sich jeden Tag Spiegel betrachten, weil ihnen eine Industrie einflüstert, sie müssten sich ständig optimieren, um einem Schönheitsstandard zu genügen, der ein digitales Produkt ist, das gleichzeitig Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Kultur diskriminiert.

Der dritte Sachbereich des Buches dreht sich um die Frage: Was ist zu tun gegen eine Industrie, die so übermächtig und gegen ein System, das so kaputt und korrupt ist? Die Antwort auf diese Frage ist laut Tansy E. Hoskins nicht so einfach, wie ich es mir erhofft habe.  Als fair produziert ausgeschriebene Mode zu kaufen reicht nicht, denn um die Produktion von Kleidung komplett überwachen und umkrempeln zu können, muss das kapitalistische System dahinter verschwinden.

Das Fazit

Ich muss zugeben, dass ich ein wenig Angst hatte, dass mir das Buch nichts geben würde, als in der Einleitung bereits Antikapitalismus zur Sprache kam – siehe meine Vornotiz. Aber Mademoiselle hat ihre Big Girl Pants übergestreift und sich in die Materie gestürzt. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Umweltkatastrophen, welche die Modeindustrie verursacht hat, unter den Tisch gekehrt wurden. Tansy E. Hoskins beschreibt im Buch, dass die Konsumenten keinen Bezug mehr zur Produktion von Kleidung haben und das kann ich für mich nur bestätigen. Wie oft stehe ich in einem Klamottenladen und vergesse im Angesicht von niedlichen Oberteilen oder knalleengen Jeans, dass Näher*innen diese unter entwürdigten Zuständen für mich schneidern mussten. In Anbetracht dessen klingt die Vorstellung einer kollektivistische Gesellschaft und die Möglichkeiten, welche sie für die künstlerische Freiheit bieten würde, wie eine Idee, die erstrebenswert klingt. Zumindest so, wie sie Tansy E. Hoskins im Buch skizziert.

Abgesehen von der Beschreibung all des Grauens und all der Möglichkeiten, dieses abzuwenden, ermöglicht die Autorin mithilfe von Zitaten viele Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Diese wirken nicht, als würde sie versuchen, sich Arbeit zu ersparen, sondern boten für mich einen echten Mehrwert. Zusätzlich umfasst das Buch zu Beginn jedes Kapitels eine Illustration von Jade Pilgrom, auf deren Entwürfen auch das Cover basiert. Very fancy!

– Q

Bibliografische Angaben

Das antikapitalistische Buch der Mode von Tansy E. Hoskins
Rotpunktverlag, erschienen 2014
320 Seiten
ISBN 978-3-858-69705-9
24 €

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Rezension: The Good Immigrant – herausgegeben von Nikesh Shukla

Starke Geschichten über Anerkennung, das Sich-fremd-fühlen in der Heimat und die Zugehörigkeit zu einer Minderheit

Jedes Jahr erscheinen x Bücher über Selbstoptimierung, aber eins der wichtigsten Bücher, welches aus den Leben von Mitgliedern von ethnischen Minderheiten in Großbritannien berichtet und bereits 2016 erschienen ist, wurde bis jetzt nicht übersetzt? Manchmal verstehe ich die Buchbranche nicht so richtig. Gatekeeper? Na offensichtlich an der falschen Stelle.

Der Inhalt

The Good Immigrant umfasst 21 Essays von Autorinnen und Autoren, die aufgrund ihrer Herkunft als Mitglieder von ethnischen Minderheiten gelten. Während diese in den USA als People of Color bezeichnet werden, hat sich in Großbritannien der Begriff BAME (Black, Asian and Minority Ethnic) durchgesetzt. Oder sagen wir nicht durchgesetzt, denn so wie das in anderen Lebensbereichen mit den Schubladen ist, bevorzugt auch hier jede Person eine andere Bezeichnung. So handelt es sich bei den Essays nicht nur aufgrund der Vielfalt der Migrationshintergründe, sondern aufgrund der Persönlichkeiten der Autorinnen und Autoren um 21 sehr persönliche und sehr unterschiedliche Erfahrungsberichte.
Was allerdings übereinstimmend ist: Die Ignoranz der weißen Mehrheit, sich in die Lage der als anders eingestuften Personen hineinzuversetzen oder diese gar als gleichwertig anzusehen. Und so erzählen einige Essays von dem Aufwand, welcher für die Person nötig ist, um Meilensteine zu erreichen, die weißen Personen einfach zu fliegen. Deshalb ist es besonders schön zu lesen, wie berauschend es für die Autorin oder den Autor gewesen ist, wenn sie oder er endlich in die Position gekommen ist, sich von diesen Zwängen zu befreien. Was leider viel zu selten vorkommt.
Die Autorinnen und Autoren kommen aus unterschiedlichen beruflichen Feldern, darunter dem Verlagsbereich, Film und Fernsehen, Comedy und Lehramt.

Das Leseerlebnis

Über Erfahrungen mit Rassismus habe ich bisher noch wenig gelesen. The Hate You Give von Angie Thomas steht noch ungelesen in meinem Schrank. Was echt nicht in Ordnung ist, denn durch The Good Immigrant habe ich bemerkt, wie wenig mir bewusst ist, wie stark Rassismus das Leben von ethnischen Minderheiten in Großbritannien beeinflusst. Natürlich wusste ich von dem Anstieg an rassistischen Übergriffen seit der Entscheidung über Brexit, aber bei meinen Reisen nach London wirkte die Stadt bunt, sodass ich nicht geahnt habe, wie stark das alltäglichen Leben der Betreffenden beeinflusst wird.
Why I’m No Longer Talking to White People About Race von Reni Eddo-Lodge hat mir bereits vor The Good Immigrant einen ersten Eindruck über Großbritanniens Rassismus und Klassensystem gegeben. Durch die Essays wird bewusst, wie einzelne Personen auf unterschiedliche, aber doch ähnliche Weise daran gehindert werden, ein rundum glückliches Leben zu führen.

Das Fazit

Kann das Buch bitte ein deutscher Verlag übersetzen und umfangreich bewerben? The Good Immigrant ist ein Beispiel dafür, welche Vielfalt an Einflüssen und Denkweisen eine Gesellschaft verliert, die darauf besteht, nur aus Weißbroten zu bestehen und in weiß zu denken. Außerdem zeigt der Titel, dass es eben nicht die eine Immigrantin oder den einen Immigranten gibt, sondern, dass sich hinter dem Wort aberhunderte Schicksale und Persönlichkeiten verbergen, die ein Recht auf ein gleichberechtigtes Leben haben.

Prädikat: Besonders wertvoll und ein Must-have für jedem Lesekanon!

– Q

Bibliographische Angaben

The Good Immigrant – herausgegeben von Nikesh Shukla
Unbound, erschienen 2016
272 Seiten
ISBN 978-1-783-52295-8
10,99 €

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Rezension: Who runs the world? von Virginia Bergin

Die Frage ist nicht, wer am Hebel sitzt.

Glücklicherweise habe ich mich erst nach der Hälfte des Buches gefragt, ob von Who runs the world? weitere Teile erscheinen. Die Rezensionen auf Goodreads hätten mich sonst womöglich davon abgehalten, das Buch überhaupt in die Hand zu nehmen. Und was wäre mir da für ein bissiges Werk entgangen!

Der Plot

60 Jahre sind vergangen seit ein Virus fast die gesamte männliche Weltbevölkerung ausgelöscht hat und so versteht River zuerst gar nicht, welche Sensation ihr auf ihrem Weg zurück ins Dorf begegnet. Das Wesen, der Mann, der Junge wie sie später feststellt, ist mehr tot als lebendig und sein Verhalten verängstigt River, ein Gefühl, das sie gegenüber einem Menschen bisher noch nie empfunden hatte. Sie will ihn vom seinem Leid erlösen – das verlangt der Anstand -, kann sich aber nicht dazu durchringen und übergibt ihn zurück im Dorf in die Obhut der Großmutter. Als diese erfährt, dass der Junge bereits mehr als einen Tag im Freien umhergeirrt ist, gerät sie in Aufregung, denn noch nie hat ein Mensch mit XY-Chromosomen dem Virus, der noch immer wütet, standhalten können.

River ahnt noch nicht, dass ihre Welt aus den Angeln gehoben und umgekehrt wird. Denn der Junge, Mason, sorgt dafür, dass die Frage aufkommt, ob die Gesellschaft, in der River lebt, so friedliebend und fair ist, wie zuvor angenommen. Wie sich herausstellt, leben die Personen, die mit einem XY-Chromosom geboren wurden, kein so behütetes Leben, wie es das nationale Konzil behauptet.

Die Intension der Autorin

In einem Nachwort erklärt Virginia Bergin, dass sie das literarische Konzept der Männer als Unterdrücker und der Frauen als Unterdrückte nicht einfach umkehren wollte. Bei der Entwicklung des Buches bemerkte sie, dass sie gar nicht wusste, was das soziale weibliche Geschlecht ausmachte. Umso mehr sie darüber nachdachte, desto mehr wollte sie wissen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der Vorstellungen über das soziale Geschlecht unser Denken nicht beeinflusst.

In Who runs the world? werden die Frauen überwiegend in drei Gruppen geteilt: Die Großmütter haben den Ausbruch des Virus erlebt und dafür gesorgt, dass die Männer, die überlebt haben, in Quarantänestationen sicher untergebracht werden. Dann sind da die Mütter, welche bereits in einer Welt aufgewachsen sind, in der Männer keine Rolle im täglichen Leben gespielt haben. Sie legten die sieben globalen Vereinbarungen fest, welche das Miteinander der Menschen regeln und strukturierten die Welt damit für nachkommende Generationen. Zu denen gehört auch River, eines der Kinder, das die globalen Vereinbarungen aufgewachsen ist und anstrebt, seinen Betrag für Fortschritt und Wohlergehen der Menschen zu leisten.

Die Negation der Negation ist positiv?

Was ich besonders interessant fand, waren die Konflikte zwischen River und ihrer Großmutter Kate, welche durch ihre unterschiedlichen Lebenserfahrungen immer wieder auftraten. So verstanden River und ihre Mutter nicht, warum die Großmutter darauf bestand, dass sie in Masons Gegenwart stets bekleidet sein müssen. Die Großmutter versuchte in mehreren Anläufen zu erklären, warum Nacktheit in Anwesenheit eines Mannes unangebracht sei, gab aber schließlich auf und verlangte, dass die beiden Frauen die neue Regel ihr zuliebe umsetzen sollten.

Zudem trifft Virginia Bergin den Ton eines Teenagers meiner Meinung nach ziemlich gut. River ist, solange sie sich in ihrem Wohlfühlbereich befindet, ein analytischer Charakter, der nicht gerne im Mittelpunkt steht. Durch die Masons Ankunft muss sie sich immer wieder Situationen stellen, die ihr ganz und gar nicht geheuert sind und dank Hormone kocht sie deswegen hin und wieder über. Trotzdem wagt sie sich, über ihre Grenzen hinaus zu gehen und ist in ihrer Begeisterung kaum zu bremsen, wenn es um Themen geht, die sie interessieren.

Die Metaebene

Die Autorin schafft es immer wieder geschickt, feministische Grundideen und Problematiken in der Handlung unterzubringen, die dem Leser* bekannt vorkommen werden, so zum Beispiel „Was ist so schlimm daran, ein Mädchen zu sein?“. Vielleicht sind ein paar der Leser*, die sich auf Goodreads über das Buch echauffiert haben, davon ausgegangen, dass der Klappentext „Welcome to the matriarchy“ bedeutet, dass hier von einer Utopie berichtet werden soll. Doch bei Who runs the world? handelt es sich eindeutig um eine Dystopie, nur, dass es dieses Mal eben die Frauen sind, welche die Fehler gehen.
So müssen River und ihre Vertrauten gegen Ende des Buches überlegen, was aus Mason werden soll.

‚The way you’re talking… you’re making it sound like he’s a different species or something.‘ […]

‚He might as well be a different species,‘ says Kate. […]

‚I’ve read about this‘, Plat says, ‚about the way some men used to talk about women – now listen to how you’re talking about him.‘

Während Kate durch einen Vorfall, in den River verwickelt war, an all die Dinge erinnert wurde, durch die Frauen vor dem Ausbruch des Virus herabgesetzt wurden und diese nun gegen Mason einsetzt, können River und ihre Freundin Plat die Situation ohne Altlasten einschätzen und die Doppelmoral von Kate durchschauen.

Wofür könnte dieses Buch eine Metapher sein? Zum einen, dass ein Teil der Weltbevölkerung in ihrem Denken weiter ist als andere Teile und dass diese Teile nicht vergessen werden dürfen. Ansonsten wird Kluft innerhalb gesellschaftlicher Strömungen immer tiefer. Zum anderen, dass die Zukunft nur eine Utopie werden kann, wenn die Geschlechter auf Augenhöhe interagieren und ihnen dieselben Rechte und Pflichten zugesprochen werden. Und zuletzt dafür, dass man sich immer fragen sollte, was Fortschritt und der eigene Wohlstand wert sind, wenn diese auf Kosten anderer erreicht werden.

Mein Fazit

Wie bei Beauty Queens von Libba Bray habe ich nicht mit einer so gut durchdachten Handlung gerechnet. Bitte keine Nachfragen warum dem so ist, denn ich kann es mir selbst nicht erklären. Natürlich ist das Buch nicht ohne Fehler, da ist zum einen die fehlende Auseinandersetzung mit Menschen, deren sexuelles Geschlecht nicht eindeutig zugeordnet werden kann oder mit abweichender Geschlechtsidentität. Außerdem erfährt man auch wenig über die gesellschaftlichen Strukturen, die außerhalb Rivers Dorf herrschen. Interessant gewesen wären zudem mehr Hintergründe zu den Quarantänestationen.
Doch das Buch bietet eine willkommene Abwechslung zu männlich dominierten Apokalypsen. Ich bin nun gespannt auf Naomi Aldermans Die Gabe. In dem Buch werden Frauen durch eine Fähigkeit plötzlich das mächtigere Geschlecht und auch hier ergeben sich weitreichende Veränderungen beim Zusammenleben der Geschlechter. Das Buch erscheint im März bei Heyne auf Deutsch.

Und wer mir erzählen möchte, dass River nicht in Plat verliebt ist: Fight me! (An dieser Stelle einen gerade aus dem Winterschlaf erwachten Grizzly vorstellen, der Hunger hat und dem ein anderer Grizzly den Weg zum Fluss mit den besten Lachsen versperrt.)

– Q

P.S.: Die Antwort auf die Frage Who runs the world? ist meiner Meinung nach übrigens: Das ist völlig egal, solange nicht alle Menschen die gleichen Rechte und Pflichten unabhängig jeglicher Persönlichkeitsmerkmale besitzen. Und dadurch erhält jeder dieselbe Chance sie mitzugestalten.

Bibliografische Angaben

Who runs the world? von Virginia Bergin
Pan Macmillan, erschienen 2017
352 Seiten
ISBN 978-1-509-83403-7
9,49 €

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Kleiner Plausch gefällig? #8

Warum ich keine englischsprachigen Taschenbücher kaufen möchte

Ich bilde mir ja ein, dass ich mit meinem Blog ein wenig zur Allgemeinbildung beitragen sollte. Aus diesem Grund setze ich mich heute mit einem spannenden Thema auseinander: Buchherstellung. Ausschlag dafür hat die Taschenbuch-Version von Why I’m no longer talking to white people about race von Reni Eddo-Lodge gegeben. Das Buch umfasst Herstellungsfehler, die ich gerne zeigen und erklären möchte. (Das Buch selbst ist ein Must-Read für alle, die sich mit Rassismus auseinander setzen wollen.)
Vergleichen werde ich dieses Taschenbuch mit Siebenschön von Judith Winter aus der dtv Verlagsgruppe, welches exemplarisch für deutsche Taschenbuchausgaben steht. (Den Titel habe ich mir von meiner Mutter stibitzt, weil er einen ähnlichen Seitenumfang wie Why I’m no longer talking… besitzt, also bitte keine Fragen zum Inhalt. )

Wenn die Perücke verrutscht

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Mein kleiner Exkurs in die Buchproduktion beginnt mit der Buchdecke, also den drei Seiten, die das Buch umhüllen und Auskunft über Titel, Autor und Inhalt geben.
Was ist bei dem englischsprachigen Taschenbuch schief gelaufen?
Dafür bitte einen Blick auf das Foto des Buchrückens werfen, also der schmalen Seite der Buchdecke, auf dem Titel, Autor und Verlag vermerkt sind. Was bei Why I’m no longer talking… ins Auge sticht: Der Schriftzug ist vertikal nicht zentriert, sitzt also etwas zu weit unten. Da alle drei Seiten im Layout in einer Datei angelegt werden, sitzt dadurch nicht nur der Schriftzug auf dem Buchrücken falsch. Ein Blick auf das Foto des Covers zeigt, dass der Schriftzug des Titels fast in die Falz, also in den Knick gerät, der entsteht, wenn das Buch geöffnet wird.

Dieser Fehler schmälern das Lesevergnügen nicht, aber wie man am deutschen Taschenbuch sieht, beeinflusst es die visuelle Wirkung. Um es drastisch auszudrücken: Es sieht unprofessionell aus. Da erwarte ich von einem Produkt aus dem Hause Bloomsbury einfach mehr.

Aufschlagen oder aufbrechen?

Für den zweiten Trick habe ich beide Bücher ungefähr in der Mitte aufgeschlagen. Wie man sieht, lässt sich das deutschsprachige Taschenbuch (links) mit einer Hand gut aufschlagen und versucht nicht gleich wieder zuzuschnappen wie Das Monsterbuch der Monster. Ganz anders das englischsprachige Taschenbuch (rechts), das sich vehement weigert, offen zu bleiben, wie man an der Haltung meiner Gagelfingern erkennt.

Grund für dieses unterschiedliche Aufschlagverhalten ist die Faserrichtung des Papiers. Wie jedes Naturmaterial besteht Papier aus Fasern, die in einer Richtung verlaufen. Wenn sich Papier ganz nah vor das Auge hält oder mit einer Lupe studiert, wird diese Richtung sichtbar. Verläuft die Faserrichtung parallel zum Buchrücken, lässt sich das Buch leicht aufschlagen und durchblättern. Wird die Richtung nicht beachtet, bricht man sich beim Öffnung des Buches gefühlt die Hand.

Vergleichbar ist dies mit dem Bruchtest, den man in Kampfkunstvorführungen sieht. Im nachfolgenden Beitrag von Galileo sieht man, dass Typ beim Bruchtest mit seiner Hand parallel zu der Faserrichtung des Holzes schlägt, die man anhand der dunkleren Striche im Holz identifizieren kann. Falls man entgegen der Faserrichtung schlägt, ist es ratsam vorab medizinische Versorgung zu ordern.

Die Faserrichtung wird gefühlt bei jedem englischsprachigen Taschenbuch missachtet, was einhändiges Lesen beim Essen oder Haare föhnen nahezu unmöglich macht. Haare trocknen ist langweilig, don’t judge me.

Achtung, Wasserschaden!

Nicht nur das Aufschlagverhalten verschlechtert sich, wenn die Faserrichtung des Papiers nicht beachtet wird. Bei der Gegenüberstellung der Buchdeckel anhand der Fotos oben erkennt man, dass sich das Cover des englischsprachigen Taschenbuchs konkav* verbogen hat. Diese Verkrümmung entsteht durch Feuchtigkeit und die Eigenschaft von Fasern sich auszudehnen oder zusammenzuziehen.

Bei der englischsprachigen Ausgabe liegen die Fasern nicht parallel zum Buchrücken. Unter dem Einfluss von Feuchtigkeit versuchen sie sich zu bewegen, das heißt, die Seitenhöhe versucht kürzer oder länger zu werden. Diese Bewegung wird von der Bindung verhindert und da den Seiten am Buchrücken kein Spielraum bleibt, verkrümmt sich beispielsweise das Cover. Im schlimmsten Fall beschließt der ganze Buchblock, also die Seiten, die von der Buchdecke umschlossen werden, Bewegung ins Spiel zu bringen, wodurch sich die Seiten vertikal zum Buchrücken wellen und Aufschlagen nur mit roher Gewalt möglich ist.

Liegen die Fasern parallel zum Buchrücken, dehnen sich die Blätter unter Einfluss von Feuchtigkeit aus, werden von der Bindung in ihrer Bewegung aber nicht gestört. Die Seiten verlängern oder verkürzen also ihre Breite, was der Bindung egal ist. Würde man Siebenschön Feuchtigkeit aussetzen, können Wellen parallel zum Buchrücken entstehen, was vielleicht nicht ansehnlich ist, das Aufschlagen aber nicht verhindert.

* Hab diese Eselsbrücke mal aktualisiert: Ist der Bauch konkav, hatte a) das Pärchen guten Sexualunterricht und/oder b) das Verhütungsmittel hat funktioniert, aber bildet euch ruhig ein: Das Mädchen war brav. Ist der Bauch konvex, hatte a) das Pärchen schlechten Sexualunterricht und/oder b) das Verhütungsmittel hat versagt, aber generell stimmt: Das Mädchen hatte Sex.

Fazit

Buchdruck ist ein Handwerk und deshalb ist die Buchproduktion mit ihren vielen Teilschritten nicht zu unterschätzen. Aus diesem Grund findet ich es besonders schade, dass im englischsprachigen Raum wichtige Dinge wie die Faserrichtung nicht beachtet werden. In den USA und in Großbritannien existiert keine Buchpreisbindung, das heißt jeder Buchhändler setzt den Preis, zu dem ein Buch verkauft wird, frei vom Einfluss des Verlags fest. Dadurch versuchen sich die Buchhändler mit ihren Preisen gegenseitig zu unterbieten, die Produktpreise sinken insgesamt, weswegen die Produkte preiswerter hergestellt müssen, damit noch Gewinn abfällt. (Das ist die Ultra-Kurzfassung der ganzen Entwicklung.) Der Nachteil ist: Billige Produktion wertet die Produkte ab und die Zahlungsbereitschaft beim Leser* sinkt („Vor ein paar Jahren war das Papier aber noch hochwertiger… Dafür gebe ich nicht soundso viele Dollar/Pfund aus!“), woraufhin die Händler nachziehen und die Preise anpassen müssen. Der Prozess läuft spiralförmig ab.

Was ist also die Alternative? Einen Kindle besitze ich seit einem Jahr und dank meinem Faible für Fanfiction war ich bereits zuvor an das Lesen langer elektronischer Texte gewöhnt. In Zukunft werde ich mein Geld, was englischsprachige Titel betrifft, also lieber in eine elektronische Ausgabe investieren oder für Herzenstitel tiefer in die Tasche greifen.

Fragen? Dann meldet euch gerne, denn ich möchte weitere Beiträge zum Thema Buchproduktion bringen.

– Q

Kleiner Plausch gefällig? #7

Über meine Schwäche für „18+ content, no cheating, standalone“-Bücher

Habe ich diesen Beitrag als Ausrede dafür benutzt, um auf Pixabay nach den kitschigsten Bildern zu suchen, die ich auf meinem Blog ertragen kann? Sicher doch, aber vor allem möchte ich darüber philosophieren, warum ich kein Buch als Guilty Pleasure sehe und warum jede Art von Literatur eine Daseinsberechtigung besitzt.

Erwartungshaltung

Ich würde diesen Abschnitt gerne mit einem „Ich bin ein Buch-Snob…“ beginnen, danach würde dann allerdings ein „aber“ folgen, also sehe ich der Wahrheit ins Gesicht: Ich bin ein Buch-Snob und wenn ich einen Brocken in die Hand nehme, erwarte ich zumindest eine Mini-Erleuchtung. Nach Rainer Schmitz kann ein* eifriger* Leser* in einem Leben zwischen 4.000 und 5.000 Bücher lesen. Ich bin bereits 26 Jahre alt, also habe ich meine mit viel Freizeit versehene Kindheit lange hinter mir gelassen. Mittlerweile habe ich keine Geduld mehr, mich durch Bücher zu quälen, die mich nicht catchen, weswegen ich mehrere bekannte Fantasy- und SF-Reihen gekauft, aber dann doch nicht gelesen habe. Ich habe keine Gewissensbisse dabei Bücher, die mir nichts geben, zur Seite zu legen. Im Buchregal oder in der Buchhandlung wartet bereits das nächste auf mich, das mir womöglich viel besser gefällt. Also was fasziniert mich an „18+ content, no cheating“?

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Not so guilty pleasure

Damit wir alle auf dem gleichen Wissensstand sind: Unter diesem Ausdruck verstehe ich diese mit einem furchtbaren, furchtbaren Cover ausgestatteten, oft nur als E-Book erhältlichen, wahlweise zusätzlich mit Happily Ever After (HEA) oder Happy For Now (HFN) ausgezeichneten… Schmonzetten. Genau die Bücher auf welche die jeweilige Marketingabteilung jede Menge „Frauen mögen das bestimmt!“-Symbolik packt und sich die* Leserin* etwas windet, wenn sie* auf den „Kaufen“-Button drückt. Aber nichts, wirklich gar nichts kann die Freude in mir dämpfen, wenn ich sehe, dass Titel wie An Unusual Courtship von Katherine Marlowe (Beiname: „M/M Regency Romance“) auf meinem Kindle landen. In diesem Moment weiß ich ganz genau, dass ich mich den Abend über die Irrungen und Wirrungen des Liebeslebens zweier Männer amüsieren kann und nicht mehr nötig ist, als dass ich Englisch verstehe.

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Ein, zwei, oder drei Augen zudrücken

Mir ist durchaus bewusst, dass diese Art von Büchern keinen Literaturnobelpreis verdienen, vermutlich ist es schon Frevel, diesen Preis im gleichen Beitrag zu nennen.* Ich bin mir der Schwächen dieses Genres bewusst. Wenn ich zu einem dieser Titel greife, stelle ich davor nicht mein Hirn aus und übersehe alle Klischees und ausgelatschten Erzähltechniken. Wenn ich eins dieser Bücher als unangreifbares literarisches Großwerk darstelle, bitte ich um einen umgehenden Rüffel. Was mir „18+ content, no cheating“ bietet, ist Schmunzeln, Seufzen und Lachen und aus diesem Grund weigere ich mich, mich für diese Art von Büchern zu schämen. Ein weiterer Grund: Gerade habe ich Why I’m No Longer Talking To White People About Race von Reni Eddo-Lodge sowie Das Herz kommt zuletzt von Margaret Atwood gelesen und beide Bücher lassen mich noch nicht los. Ich werde noch etwas Zeit brauchen, um die Themen und Ereignisse dieser Titel hinter mir zu lassen. Genau hier helfen mir Schmonzetten, denn während in meinem Kopf noch andere Dinge rumoren, muss ich mich nur emotional involvieren lassen und nicht komplett auf das Lesen an sich verzichten.

Also fühlt euch ruhig schuldig, wenn ihr zu Büchern greift, die als Chicklit verschrieen sind. Ich mache bei diesem Spiel nicht mit und freue mich auf die höchst frivole Stunden. Ganz ohne falsche Scham.

– Q

* Der Literatursnob in mir möchte gerne mitteilen, dass ich in naher Zukunft Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro lesen und rezensieren werde.

P.S.: Für alle, die es bis hierhin geschafft haben, hier der TED-Talk von Mark Ronson über die Frage, wie Sampling die Veränderung von Musik beeinflusst hat, zum Nerd wird: