Kleiner Plausch gefällig? #4

Über Chicklit, Magie in Essex und fragwürdige E-Book-Preise

Ich habe gesündigt. Ab in die Hölle mit mir! Teeren, federn und an den Pranger! Aber ich bin ehrlich, Selbstbeherrschung war noch nie eine Stärke, die ich mir zugeschrieben habe. Also: Ich habe aus Spaß gelesen. (An dieser Stelle bitte ein kopfschüttelndes Studiopublikum vorstellen, gekleidet in Sonntagsroben.)

Jede Menge Funken

Schuld ist eigentlich die Autorin Gail Carriger, die in ihrem Newsletter die Schmonzette Fast Connection angepriesen hat. Von dem Buch hatte ich bereits auf einer buchaffinen Seite gelesen, als ich auf der Suche nach homoerotischer Literatur war. Es gehört zu der vierteiligen Reihe Cyberlove und war bei Amazon gerade im Angebot, also habe ich zugeschlagen.
Fast Connection handelt von zwei Männern, die an unterschiedlichen Phasen ihres Lebens sind und sich über Grindr kennenlernen. Wer die App kennt, kann sich vermutlich die Art der Beziehung vorstellen, die die beiden zu Beginn führen und doch entwickeln sich von Hookup zu Hookup Gefühle und beide Protagonisten müssen entscheiden, ob sie sich der Herausforderung einer ernsthaften Beziehung stellen wollen.
Empfehlen kann ich das Buch Lesern, die auf E-Books mit der Beschreibung „standalone, full-length romance novel with no cliffhanger“ stehen. Übersetzt heißt das, es ist wenig anspruchsvoll, aber für den Moment sehr unterhaltsam. Außerdem geht es um zwei heiße Typen. Was will man mehr?

„Fast Connection“ von Megan Erickson & Santino Hassell

Magie liegt in der Luft

Buch Nummer zwei ging dann in eine vollkommen andere Richtung. Von Strange Magic habe ich bereits auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse gelesen und war vom Cover und dem Klappentext so begeistert, dass es gleich auf meiner Wunschliste gelandet ist.
Das Buch handelt von Rosie Strange, die das Essex Witch Museum erbt. Leider interessiert sie sich so gar nicht für Magie, weswegen sie ihr Erbe nur besucht, um es für eine Veräußerung vorzubereiten. Dort angekommen, werden sie und ihr mal mehr, aber eher weniger sympatischer Kurator in die Suche nach dem Skelett einer berüchtigen Hexe verwickelt, an der das Leben eines Kindes und eine großzügige Belohnung hängt. Und so stürzen sich die beiden in eine Jagd, die bei Rosie die Frage aufwirft, ob Magie nicht doch lebendiger ist, als sie es ahnte.
Strange Magic lebt von einer quirligen und selbstbewussten Protagonistin, die weiß, was sie auf dem Kasten hat und sich ohne Wenn und Aber an Herausforderungen misst. Außerdem lernt der Leser nicht nur viel über die Geschichte der Hexenverfolgung, sondern auch ihre Signifikanz für die heutige Zeit.
Im Herbst erfahre ich dann, was als nächstes auf Rosie und Kurator Sam Stone zukommt, denn das Buch bildet den Auftakt für die Trilogie Essex Witch Museum Mystery. 

„Strange Magic“ von Syd Moore

Was Fragen aufwirft

Man könnte meinen, ich hätte die beiden Bewertungen auch einfach ausbauen und in zwei einzelne Beiträge zerteilen können, aber abgesehen von meiner Begeisterung gibt es noch mehr über die beiden Titel zu sagen. Lasst mich über was ganz unerotisches reden: E-Book-Preise!
Jetzt könnte man stöhnen und sagen, das Thema hatten wir doch schon x-mal, aber ich finde es immernoch interessant, also watch me! Fast Connection kostet 4,45€, wie auch alle anderen Titel der Reihe. Für den Preis hätte ich das Buch nicht gekauft, im Angebot betrug der Preis gerade einmal 0,99€. Das gebe ich ganz offen zu, denn es ist nur ein Spaß für zwischendurch und deswegen ist meine Zahlungsbereitschaft entsprechend im Keller. Das klingt fies, denn das Buch hat immerhin 247 Seiten, aber literarisch und inhaltlich ist es einfach kein großer Wurf.
Strange Magic ist ein Titel, der einiges an Recherche erfordert und eine Reihe von Fragen aufwirft. Trotzdem kostet das E-Book beim Händler meines Vertrauens gerade einmal 1,66€. Der zweite Teil Strange Sight lässt sich für 7,49€ vorbestellen. An diesen Titeln merkt man, dass der Verlag versucht, strategisch mit dem ersten Band anzufüttern, um die Reihe attraktiver zu machen. Es stellt sich aber die Frage, ob sie sich damit nicht schaden, denn meine Zahlungsbereitschaft haben sie damit bereits beschädigt. Da ich weiß, dass der dritte Teil vermutlich weitere fünf Monate nach dem zweiten erscheinen wird, werde ich vermutlich abwarten, ob auch der zweite Teil erneut im Preis sinkt. Kann das gewünscht sein?

Auf Basis von was?

Für das Festlegen von E-Book-Preisen fehlt aktuell ein einheitliches System unterhalb den Verlagen. Anders als bei gedruckten Büchern lassen sich die Preise nicht anhand der Kosten einer festgelegten Auflage bestimmen, denn E-Books müssen nur einmal produziert werden und können dann ohne einen großen Mehraufwand immer und immer wieder verkauft werden. Deshalb ist es schwer, zu sagen, was ein E-Book kosten soll.
Preise, die jenseits von gut und böse sind, helfen dabei aber auch nicht, langfristig eine gesunde Zahlungsbereitschaft bei uns Lesern zu etablieren. Wenn ich vermuten kann, dass ein Preis innerhalb des kommenden Jahres fällt und es sich nicht um ein brandaktuelles Thema handelt, dann kann ich auf ein Buch warten. Die meisten Leser haben aus allen Nähten platzende Wunschlisten.

– Q

P. S. Für alle, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch Magie mit funkelnden Seifenblasen, gefunden auf dem Youtube-Kanal Kuma Films:

Bibliografische Angaben

Fast Connection von Megan Erickson und Santino Hassell
Megtino Press, erschienen Juli 2016
247 Seiten
ISBN 978-1-536-80353-2 (Printausgabe)
4,45€ (E-Book)
Kindle-Version

Strange Magic von Syd Moore
Oneworld Publications, erschienen Mai 2017
288 Seiten
ISBN-epub: 978-1-786-07099-9
1,99€
BUY LOCAL!
Kindle-Version

Kleiner Plausch gefällig? #2 

Meine Liebesgeschichte zu Emily Laing. Und London.

Alles begann, als meine Mutter mir in jungen Jahren* den ersten Band der Saga um Emily Laing schenkte. Ich bilde mir ein, dass es ungefähr zwischen meinem 12. und 13. Geburtstag passierte und mein Bett stand zu diesem Zeitpunkt unter der Dachschräge direkt unterhalb eines kleinen Fensters, das meine Mutter mit einer Lichterkette bestückt hatte. Die Atmosphäre war also entsprechend kuschelig und obwohl der Einband von einer adligen Ratte erzählt – Etwas, das ich zu diesem Zeitpunkt furchtbar absurd fand -, schlug ich Seite eins von Lycidas auf und ein neues Abenteuer begann.

*Ich will hiermit von dem Fakt ablenken, dass ich keine Ahnung habe, wann genau es passierte.

Eine nächtliche Flucht und ein mürrischer Alchemist

Egal, wie viel man liest, es gibt Sätze, die sich in das Hirn eines Lesers einbrennen und der erste Satz von Lycidas war vermutlich der Grund, warum ich meine Vorbehalte über Bord warf und mich auf Emily Laing und ihre Geschichte einließ.

„Die Welt ist gierig, und manchmal verschlingt sie kleine Kinder mit Haut und Haaren.“

Emily Laing ist ein Waisenkind und zusammen mit ihrer Freundin Aurora Fitzrovia lebt sie in einem der furchtbarsten Waisenhäuser Londons. Doch eines Nachts wird eines der kleineren Kinder entführt und Emily begibt sich auf Flucht, denn der Entführer ist auch ihr auf den Fersen. Als sie in der U-Bahn von einer Ratte namens Hironymus Brewster gerettet wird, kann sie noch gar nicht ahnen, dass sie ihr altes Leben bereits hinter sich gelassen hat. Wenig später wird ihr der mürrische Alchemist Wittgenstein vorgestellt, in dessen Herz sie sich nach und nach schleicht.

Eine neue Welt öffnet sich Emily, denn unter der Untergrundbahn Londons befindet sich die Stadt unter der Stadt, genannt Uralte Metropole, in der sich Rabenmenschen, Arachniden, steinerne Ritter und Götter herumtreiben. Ohne einen Lehrer ist das Betreten der Stadt unter der Stadt der sichere Tod und aus diesem Grund nimmt sich Wittgenstein Emily Laings an, denn das Schicksal des Mädchens ist eng mit der dunklen Metropole verknüpft.

Ein Ausschnitt der ersten Seite aus "Lycidas" von Christoph Marzi
Ein Ausschnitt der ersten Seite aus „Lycidas“ von Christoph Marzi

Girl Talk

Emily Laing ist keine der Figuren, die sich grundlos furchtbar finden und die sich von einem Aschenputtel in eine schöne Prinzessin verwandelt. Durch einen Unfall in ihrer Kindheit verlor sie ihr linkes Auge, was sie zum Gespött der anderen Kinder machte. Auch ist sie keines dieser liebenswerten Mädchen, die auf einen Traumprinzen warten und eine Horde Freunde um sich scharen. Als ihr größten Stärken empfinde ich ihre Dickköpfigkeit und ihre Wissbegierde. Egal, wie häufig Wittgenstein sie ermahnt – „Fragen Sie nicht!“ -, sie gibt keine Ruhe, bis sie nicht die ganze Wahrheit kennt.

Im Gegenzug findet man in Aurora eine liebevolle Freundin, die für Emily da ist, wenn alles zusammenbricht. Die Freundschaft der beiden muss innerhalb der drei Bände der Saga den ein oder anderen Stolperstein überstehen und das tut sie.

Oh London, mein London

Ich bin eine furchtbar schlechte Liebhaberin, denn eigentlich liebe ich vor allem die fantastische Version der Stadt. Noch jetzt kann ich mich daran erinnern, wie mein jüngeres Selbst eben jenes London erleben wollte, das Christoph Marzi als die Stadt unter der Stadt bezeichnet. Es ist nicht falsch zu sagen, dass ich wie eine dieser Chicklit-Leserinnen bin, die einen Bad Boy als ihren Traummann auserkoren haben. Genau wie sie liebe ich einen Charakterzug, der nur in meiner Fantasie existiert. Aber nichtsdestotrotz, bei all meinen Besuchen der Themse-Metropole habe ich Ausschau nach Mr. Fox und Mr. Wolf gehalten, den wohl charmantesten Söldnern, die je zu Papier gebracht wurden.

Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis "Lycidas"
Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis „Lycidas“

Warum die Uralte Metropole lesen?

Habe ich noch nicht genug geschwärmt? Nun gut:
Christoph Marzi ist ein Erzähler, der sein Handwerk versteht. Er nimmt Mythen und Legenden auf und verbindet sie mit dem Schicksal eines jungen Mädchens, das seinen Platz in einer Stadt sucht, die gierig ist und von gierigen Wesen bewohnt wird. Und so wird London, später Paris und Ägypten und noch später Prag zum Schauplatz eines Kampfes zwischen Elfen, Engeln, Göttern und der ersten Frau, die auf diesem Planeten wandelte. Christoph Marzi sicherte sich mit diesem Werk den Deutschen Phantastikpreis, verführt zum Schmunzeln und Träumen und lädt dazu ein, alte Legenden neu zu interpretieren.

Mehr möchte ich nicht verraten, denn ansonsten schreibe ich gleich noch einen Absatz über Mr. Fox und Mr. Wolf und dieser Absatz würde dann wohl nie enden.

– Q

P.S.: Vielen Dank an Andrea von lohntdaslesen.de für den Vorschlag über Emily zu blubbern. 🙂

Bibliografische Angaben

Band eins:
Lycidas von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2004, Neuauflage 2011
864 Seiten
ISBN 978-3-453-52910-6
9,99 €
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Band zwei:
Lilith von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2005, Neuauflage 2012
688 Seiten
ISBN 978-3-453-52911-3
9,99 €
BUY LOCAL!

Band drei:
Lumen von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2006, Neuauflage 2012
800 Seiten
ISBN 978-3-453-52912-0
9,99 €
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Webcontent #2

Über eine Odyssee, einen Geschichtenerzähler und ein weißes Kaninchen

Im zweiten Teil meiner Webcontent-Sammlung möchte ich die Willigen nach Creepytown entführen und drei gespenstige Podcasts vorstellen, die mich seit einiger Zeit begleiten. Alle drei sind nur in Englisch verfügbar, haben aber keinen höheren Anspruch als ein durchdachter, englischsprachiger Vlog. Also hinein ins Abenteuer und immer auf den eigenen Kopf achten, sodass er dort bleibt, wo er hingehört.

Alice Isn't Dead © Rob Wilson
Alice Isn’t Dead © Rob Wilson

Die Odyssee einer Truckerin

Alice ist nicht tot. Da ist sich Keisha ganz sicher und macht auf die Suche nach ihrer verschwundenen Frau. Um ungehindert reisen zu können, nimmt sie einen Job als Truckerin an. Auf einer Tour begegnet sie in einem Diner einem geheimnisvollen Mann, der eine Jacke mit der Aufschrift Thistle trägt und sich merkwürdig, gar unmenschlich verhält. Bei seinem Anblick läuft Keisha ein Schauer über den Rücken und es wird nicht das letzte Mal sein, dass sie ihm begegnet. Keine erholsamen Begegnungen. Und doch ist Keisha bereit, die Gefahr und die einsamen Stunden hinter dem Steuer ihres Trucks auf sich zu nehmen, um herauszufinden, was mit Alice geschehen ist. Denn so viel steht fest: Alice ist nicht tot. 



Was ist sonst noch zu sagen? 

Autor Joseph Fink lieferte bereits mit Welcome to Night Vale (in Zusammenarbeit mit Jeffrey Cranor) einen Podcast, der nicht nur unterhält, sondern auch zum Denken anregt. Mit Alice Isn’t Dead lädt er zu einer neuen Reise in eine Welt ein, die unserer ähnelt, aber einen Ticken geheimnisvoller ist. Sprecherin Jasika Nicole schafft es, Keisha eine zerbrechliche Seite zu geben und das Zweifeln an ihrer Mission wirklich und greifbar zu machen, gleichzeitig haucht sie der Figur Kraft ein, um über ihre Reise zu reflektieren:



“I must always remember that not visible to me and not in existence are not the same thing.“ 
(Aus „Mouth of the Water“, S2 E2)

Die erste Staffel ist bereits komplett verfügbar.

Hier findest du Folge eins, „Omelet“. 


 

Lore © Aaron Mahnke
Lore © Aaron Mahnke

Ein talentierter Geschichtenerzähler

Wenn wir Geschichten wie die von Werwölfen, Vampiren und sich wie von Geisterhand bewegten Puppen hören, bleibt oft die Frage, wie viel wahrer Kern in diesen Mythen steckt. Autor Aaron Mahnke erkundet in Lore eben diesen Kern. In jeder Folge nimmt er sich eine neue Schauergeschichte vor und untersucht, welche menschliche Angst ihr zugrunde liegt. Auch wenn er damit die Basis einer puren Neuauflage alten Aberglaubens legt, behält er genug Abstand, um immer wieder aus der jeweiligen Geschichte herauszutreten und darauf hinzuweisen, dass die meisten Vorkommnisse Spekulation sind oder warum der Bericht manipuliert sein könnte. Was den Podcast so populär gemacht hat, ist Aaron Mahnkes Gespür für besondere, abwechslungsreiche und gut recherchierte Geschichten und sein Talent, diese so zu erzählen, dass dem Zuhörer (oder sagen wir: mir) selbst bei strahlendem Sonnenschein mulmig zumute wird.

Welche spannenden Projekte erweitern den Podcast bald?

In diesem Jahr wird basierend auf dem Podcast eine Serie auf Amazon Prime veröffentlicht, für die bereits zwei namenhafte Produzenten engagiert wurden. Gerade gab der Autor zudem bekannt, einen Buchdeal mit dem Verlag Del Rey abgeschlossen zu haben. Laut Entertainment Weekly wird sich eine ganze Reihe unter dem Titel The World of Lore mit Mythen aus aller Welt beschäftigen.

Hier findest du Folge eins, „They made a tonic“.

 

Point Mystic © Point Mystic Historical Society
Point Mystic © Point Mystic Historical Society

Ein weißes Kaninchen, das den Tod mit sich bringt

Ebenfalls mit der Wahrheit hinter Mysterien, Magie und Unerklärlichem sucht Point Mystic. Doch auf etwas andere Weise. Die erste Geschichte des Autors Christopher Reynaga erzählt von Kindern, die im Wald hölzerne Konstruktionen bauen. Überhaupt verfügt der Wald der Stadt, in der sich der Sprecher mit Frau und Sohn Fox niedergelassen hat, über eine große Anzahl sehr alter Exemplare dieser Gebilde. Dann ist da noch die allgemeine Faszination für Türen und besonders diese eine besonders rätselhafte Tür, die bei den Kindern der Stadt Träume von gespenstigen Gestalten auslöst. Und was meint Fox damit, dass ein weißes Kaninchen kommen wird und mit ihm die Toten auferstehen werden?

Was macht Point Mystic aus?

Anders als bei Lore und Alice Isn’t Dead wird die Handlung gleich von drei Sprechern getragen, dem Erzähler, seiner Frau sowie Fox, daneben finden weitere Stimmen ihren Platz. Zum Beispiel widmet sich eine Folge intensiv einer alleinerziehenden, schwarzen Mutter, die von ihrem Anteil an der Bürgerrechtsbewegung erzählt und wie diese die Erziehung ihres Sohns beeinflusste. Ich bin gespannt auf weitere solcher Ausflüge in kommenden Folgen. Aktuell ist die gesamte Geschichte vom weißen Kaninchen verfügbar und ein Bericht über eine Pandemie, die im Falle einer Infektion spontane menschliche Selbstentzündung auslöst und über ein geheimes Quarantäne-Camp, das die Bedrohung durch Gruppengesänge in Schach hält.

Hier findest du Folge null, „The Fireman“. 



– Q

Webcontent #1

Über Monstermädchen, die nicht weinen und mordende Llamas

Zwei Texte wirbelten gestern an die Oberfläche des Internets und haben mich berührt, aufgerüttelt und aufhorchen lassen.

Monstermädchen, die nicht weinen

Die diesjährigen Hugo Awards haben mich zum Uncanny Magazine geführt, einer halbprofessionellen Zeitschrift für Science Fiction und Fantasy. Aller zwei Monate gibt die Redaktion eine Ausgabe vollgestopft mit Kurzgeschichten, Gedichten, Essays, Kunst und Interviews heraus.
Die Kurzgeschichte, die mir sofort ins Auge stach, trägt den Namen Monster Girls Don’t Cry. Sie besticht durch einen sehr ruhigen und bildhaften Stil und erzählt von zwei Schwestern, die Monster sind, weil ihre Mutter bereits ein Monster war. Die eine versteckt ihre Andersartigkeit nicht, darf deswegen aber nicht das alte Haus verlassen, in dem die Schwestern mit ihrer Mutter wohnen. Die andere feilt sich ihre Hörner ab und versteckt ihre winzigen Flügel. Dann stirbt ihre Mutter oder vielmehr: Ihre Mutter wird von Monsterjägern umgebracht und die beiden Mädchen leben alleine. Während die eine glücklich ist hinter den Mauern des alten Hauses, studiert die andere und trifft sich mit Männern. Doch wie ihre Mutter bereits prophezeit hat: Männer sind nicht gut für Monstermädchen…
A. Merc Rustad beschreibt zwei grundverschiedene Ansätze zu dem Versuch, glücklich zu werden.
Die Kurzgeschichte enthält kurze Passagen mit Beschreibungen sexueller Gewalt, also bitte die Finger davon lassen, falls das triggert. Ansonsten ist die Kurzgeschichte auf der Webseite des Magazines zu finden.

Mordende Llamas

Autorin Kameron Hurley befasst sich in dem Essay We have always fought: Challenging the ‚Women, Cattle and Slave‘ narrative mit dem Problem der einen Geschichte.
Wir kennen das alle aus dem Geschichtsunterricht: Auf fünf wichtige Zeitgenossen des männlichen Geschlechts kommt eine weibliche. Die Geschichte von Frauen, die die Welt veränderten, fallen gerne und häufig unter den Tisch. Am 12. November 1918 wurde dem weiblichen Geschlecht in Deutschland das Wahlrecht zugesprochen. Damit fallen jahrhundertelanges Bemühen und Ringen um eine der wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen unter den Tisch.
Aber zurück zu den Llamas und der einen Geschichte: Kameron Hurley beginnt ihren Essay mit der Schilderung über eine besonders aggressive Sorte dieser Tiere, die das Bewusstsein für all die anderen Exemplare, die einfach nur flauschig sind und Gräser fressen wollen, vertreibt. Zurück bleibt die eine Geschichte und auch in unserer realen Geschichtserzählung passiert diese Verdrängung. Frauen, die Revolutionen neben ihren männlichen Mitstreitenden bestritten haben, werden übergangen. Und auch die Literatur ist davor nicht gefeit. Häufig werden Frauen durch traumatische Erlebnisse motiviert, große Dinge zu vollbringen. Männer können Abenteuer bestreiten, einfach, weil sie sich dazu berufen fühlen.
Doch wir können diese eine Geschichte bekämpfen, indem wir uns an die anderen Llamas erinnern, die wir schon fast vedrängt haben, die niedlichen, die mürrischen, die mit den merkwürdig anmutenden Angewohnheiten und auch die, die einfach nur ein anderes fell tragen.
Der Essay, der später noch einmal in dem Buch The Geek Feminist Revolution (BUY LOCAL!) veröffentlich wurde, ist auf A Dribble of Ink zu finden.

– Q

Rezension: Willkommen in Night Vale von Joseph Fink und Jeffrey Cranor

Wes Anderson meets Ethan and Joel Coen

Willkommen in Night Vale ist der Einstieg in ein multimediales Universum! Doch weil ich natürlich nicht voraussetzen kann, dass jeder den Stoff bereits kennt, hier erst einmal ein paar grundlegende Details.

Das Buch basiert auf einem Podcast, der von den Autoren geschaffen wurde und zweimal im Monat erweitert wird. Inhalt ist eine Radioshow in der fiktiven Stadt Night Vale, die ebenso verschlafen wie skurril ist. In einer wüstenähnlichen Region irgendwo in den USA gelegen, handelt es sich hierbei ganz und gar nicht um eine normale Stadt. Ständig passieren Katastrophen apokalyptischen Außmaßes, sei es der alljährliche Besuch der Stadtreinigung, Kinder, die in der Bibliothek verloren gehen oder Valentinstag. Auch spaltet die Gemeinde die Frage, ob Berge wirklich existieren. Und so berichtet Radiomoderator Cecil Palmer jeden Tag darüber, welches Chaos durch Night Vale wütet, stets überwacht von der Geheimpolizei und einer unbekannten, aber nichtsdestoweniger bedrohlichen Organisation.

Zurück zum Buch: Die Handlung findet um zwei Figuren statt. Jackie, die seit sie denken kann 19 Jahre alt ist und das Pfandhaus der Stadt leitet. Eines Tages gibt ein Mann einen Zettel mit der Aufschrift KING CITY auf und das Unglück nimmt seinen Lauf, denn egal, was Jackie tut, der Zettel findet seinen Weg immer wieder in ihre Hand und nimmt ihr die Fähigkeit an etwas anderes zu denken als an das Gekritzel. Die andere Hauptperson ist Diane, die alleinerziehend ist. Ihr Arbeitskollege verschwindet und niemand außer ihr erinnert sich an ihn. Außerdem ist der Vater ihres Sohnes wieder in der Stadt und unter keinen Umständen sollen die beiden aufeinander treffen. Welches Unheil sucht die Stadt in diesen Tagen heim? Unterstützt von Wissenschaftlern, die gerne Dinge aufschreiben und Engeln, deren Existenz illegal ist, machen die beiden Frauen sich zuerst getrennt und dann gewungenermaßen gemeinsam auf, die Wurzel des Übels zu finden und sie zu Sinn und Verstand zu kitzeln.

Was bekommt man mit dem Buch Willkommen in Night Vale? Einen irren Trip, der an einen Drogenrausch erinnert. Die Erzählweise ist auf eine unvergleichliche Art und Weise kurios, was aber nicht dazu führt, dass das Buch schwer verständlich oder schlecht zu lesen ist. Immer und immer wieder werden Aussagen aufgestellt, nur um im nächsten Satz bereits wieder negiert zu werden. Was faszinierend daran ist, sind die klaren Momente innerhalb der sprachlichen Achterbahnfahrt.So schwadroniert Carlos , seines Zeichens Wissenschaftler und Cecils Liebhaber, über die Eigenheiten der Wüstenstadt und dass keine Wege von Night Vale nach King City führen, nur um am Ende festzustellen, dass er Night Vale nicht verlassen will:

„»(…)Oh, tut mir leid, ich muss gehen. Oder du musst gehen. Ich werde hierbleiben, das ist mein Labor. Nur, dass Cecils Sendung gleich anfängt und ich sie nie verpasse.
Nein, ich bin noch gar nicht lang genug geblieben«, sagte Carlos.“
(S.101)

Doch warum sollte man sich das Buch auf Deutsch kaufen, wenn doch der Podcast nur auf Englisch verfügbar ist? Ein mit Fliegen bedrucktes Vorsatzpapier!

Besucht auch die >>Webseite des Podcasts, der bereits 100 Folgen umfasst.

– Q

Bibliografische Angaben

Wilkommen in Night Vale von Joseph Fink & Jeffrey Cranor
Hobbit Presse, erstmals erschienen 2016
378 Seiten
ISBN 978-3-608-96137-9
19,95 €

BUY LOCAL!

Rezension: Slade House von David Mitchell

Alle neun Jahre verschwindet ein Mensch im gruslig-schönen Slade House.

Alle neun Jahre wird ein Mensch wie von einem Magnet angezogen in die Slade Alley und kehrt nicht zurück. Im Slade House erwartet ihn eine Zwillingspaar, welches sich von der Seele der jeweiligen Person ernährt um selbst unsterblich zu sein.

Zugegebenermaßen, die Handlung ist keineswegs neu, aber die Umsetzung gestattet ein großes Lesevergnügen. Das Buch umfasst fünf Kapitel und jedes davon umfasst einen Handlungszyklus. Die Zyklen bauen aufeinander auf, da das Verschwinden der betreffenden Personen natürlich nicht unbemerkt bleibt.

Insgesamt ist das Buch genau richtig für Leser, die mysteriöse Vorkommnisse mögen, sich aber nicht zu Tode gruseln wollen und eine gute Verschwörungtheorie zu schätzen wissen. Mitchell schafft es, die unterschiedlichen Personen, aus deren Sichtweise die Geschichte erzählt wird, authentisch zu gestalten und der Geschichte das bisschen Zauber und wabernde Schatten zu geben, die es braucht, um ihr Leben einzuhauchen.

Ein schönes Plus sind die Tweets der letzten betroffenen Person, die zeigen, wie sich die von den Zwillingen besessenen Menschen fühlen. Des weiteren wirft es die Frage auf: Hätten die Ereignisse schon viel früher gestoppt werden können, wenn es Twitter bereits 1979 gegeben hätte?

– Q

Bibliografische Angaben

Slade House von David Mitchell
Sceptre (Hoddor & Stoughton), erstmals erschienen 2015
266 Seiten
ISBN 978-1-473-61670-7
£ 7.99

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