Rezension: Die 33. Hochzeit der Donia Nour von Hazem Ilmi

Mit einem Fingerschnippen gegen die islamistische Diktatur 2.0.

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Wir schreiben das Jahr 2048 und das Land Großägypten wird durch die Neo-Scharia und eine Gruppe von Oligarchen kontrolliert, die das Land vollständig abgeriegelt haben. Die Bevölkerung wird ähnlich des Kastensystems in drei Gruppen gegliedert und lebt in abgegrenzten Landesteilen. Donia Nour muss nur noch einmal für eine Nacht Braut sein, dann hat sie genug Gold angespart, um die Schlepper zu finanzieren, die sie über die Landesgrenze bringen sollen.

Seit Ostaz Mukhtar das letzte Mal Koshari gegessen hat, sind etwas weniger als 100 Jahre vergangen – zumindest auf der Erde, denn gefühlt waren es für ihn nur zwei Jahre seit eine Gruppe Außerirdische ihn entführte. Nun soll er zurück nach Großägypten, denn um die Revolution zu beginnen, die zum Zusammenfall des Regimes führt, benötigt Donia Nour seine Unterstützung.

Überwachung

Neben der Grausamkeit die Donia in ihrem Leben erfährt, waren es die Überwachung und die Isolation, die sie aushalten muss, die besonders stark auf mich gewirkt haben. Zu Beginn des Buches auf dem Weg zur Arbeit verrutscht ihre E-Hidschab und sofort geht neben ihr ein Detektor los, der sie und ihr unmittelbares Umfeld auf diesen Verstoß aufmerksam macht. Teil der täglichen Religiosität sind elektronische Rosenkränze, welche das Beten des Nutzers aufzeichnen. Der Person werden daraufhin Punkte auf ein Gute-Taten-Punktekonto gutgeschrieben, welches prognostiziert, ob der Weg in den Himmel sicher ist.

Isolation

Isolation wird durch die Sprache der Gläubigen erzielt. Donia unterhält sich an einem Punkt des Buches mit einer Kollegin und da jeder zweite Satz eine Lobpreisung auf ihren Gott enthält, liest sich die Unterhaltung so, als würden die Frauen aneinander vorbeireden. Erst viel später, als Donia einen Tiefpunkt erreicht und beginnt das System ihres Heimatlandes zu hinterfragen, findet in den Gesprächen mit ihren Mitmenschen ein Austausch von Gedanken statt.

Isolation durch das herrschende Regime wird zudem durch das Verwehren eines Zugangs zum Internet erreicht. Das ist mir erst relativ spät aufgefallen, weil ich davon ausgegangen bin, dass eine so hypermoderne Gesellschaft einfach ständig mit dem Internet verbunden sein muss, aber natürlich lässt sich durch das Verwehren des Zugangs Wissen extrem gut kontrollieren. Das Internet ist für mich bereits eine essentielle Quelle für Informationen geworden und ich gebe gerne zu, dass ich ohne diesen einfachen Zugang echt aufgeschmissen wäre. Auch wenn ich weiß, wie ich zur Bibliothek komme.

Die Pyramiden von Gizeh

Grausamkeit

Vermutlich ist es keine allzu große Überraschung, dass dieses Buch den Niedergang einer zutiefst patriarchischen Gesellschaft erzählt. Jungfräulichkeit für Frauen und Ehen mit mehreren Frauen für Männer, you know the drill. Donia lernt bereits früh, dass den Männern in ihrem Umfeld nicht zu trauen und Flucht ihre einzige Möglichkeit ist, um dem erdrückenden System zu entkommen. Jede einzelne ihrer Hochzeiten ist ein notweniges Übel, um ihr Ziel zu erreichen. Überhaupt ist der Hang zur Gewalt bei den Männern, die ihr begegnen, deutlich. Auch Ostaz muss dies am eigenen Leib spüren, als er sich öffentlich kritisch zum Fundamentalismus äußert.

Mein Fazit

Die 33. Hochzeit der Donia Nour erzählt von einer Gesellschaft, die am Fundamentalismus und der Gier einer Oligarchie krankt. Die Kritik an der Auslegung des Koran sowie dem Drang, Menschen daran zu hindern, über Glauben nachzudenken und damit ihren eigenen Weg zur Religiosität, zum Atheismus oder Agnostizismus zu finden, ist nicht zwischen den Zeilen versteckt, sondern deutlich ausformuliert. Glaube ist Privatsache und Hazem Ilmi beschreibt, was passiert, wenn Überwachung und Isolation genutzt werden, um die Umsetzung unreflektierter religiöser Grundsätze zur Staatsangelegenheit zu machen.

Natürlich musste ich an einigen Stellen des Buches ordentlich schlucken. Die Ehemänner von Donia Nour schrecken nicht davor zurück, Gewalt auszuüben, um das zu bekommen, wofür sie einen Brautpreis bezahlen. Für wen sexuelle Gewalt ein Triggerthema ist, dem rate ich deshalb von der Lektüre ab. Ansonsten empfehle ich das Buch jedem, der nach einer Dystopie sucht, die von einer starken Frau handelt, die ihr Ziel unablässig verfolgt.

– Q

Bibliografische Angaben

Die 33. Hochzeit der Donia Nour von Hazem Ilmi
Blumenbar, erschienen 2016
272 Seiten
ISBN 978-3-351-05027-6
18 €

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Kleiner Plausch gefällig? #2 

Meine Liebesgeschichte zu Emily Laing. Und London.

Alles begann, als meine Mutter mir in jungen Jahren* den ersten Band der Saga um Emily Laing schenkte. Ich bilde mir ein, dass es ungefähr zwischen meinem 12. und 13. Geburtstag passierte und mein Bett stand zu diesem Zeitpunkt unter der Dachschräge direkt unterhalb eines kleinen Fensters, das meine Mutter mit einer Lichterkette bestückt hatte. Die Atmosphäre war also entsprechend kuschelig und obwohl der Einband von einer adligen Ratte erzählt – Etwas, das ich zu diesem Zeitpunkt furchtbar absurd fand -, schlug ich Seite eins von Lycidas auf und ein neues Abenteuer begann.

*Ich will hiermit von dem Fakt ablenken, dass ich keine Ahnung habe, wann genau es passierte.

Eine nächtliche Flucht und ein mürrischer Alchemist

Egal, wie viel man liest, es gibt Sätze, die sich in das Hirn eines Lesers einbrennen und der erste Satz von Lycidas war vermutlich der Grund, warum ich meine Vorbehalte über Bord warf und mich auf Emily Laing und ihre Geschichte einließ.

„Die Welt ist gierig, und manchmal verschlingt sie kleine Kinder mit Haut und Haaren.“

Emily Laing ist ein Waisenkind und zusammen mit ihrer Freundin Aurora Fitzrovia lebt sie in einem der furchtbarsten Waisenhäuser Londons. Doch eines Nachts wird eines der kleineren Kinder entführt und Emily begibt sich auf Flucht, denn der Entführer ist auch ihr auf den Fersen. Als sie in der U-Bahn von einer Ratte namens Hironymus Brewster gerettet wird, kann sie noch gar nicht ahnen, dass sie ihr altes Leben bereits hinter sich gelassen hat. Wenig später wird ihr der mürrische Alchemist Wittgenstein vorgestellt, in dessen Herz sie sich nach und nach schleicht.

Eine neue Welt öffnet sich Emily, denn unter der Untergrundbahn Londons befindet sich die Stadt unter der Stadt, genannt Uralte Metropole, in der sich Rabenmenschen, Arachniden, steinerne Ritter und Götter herumtreiben. Ohne einen Lehrer ist das Betreten der Stadt unter der Stadt der sichere Tod und aus diesem Grund nimmt sich Wittgenstein Emily Laings an, denn das Schicksal des Mädchens ist eng mit der dunklen Metropole verknüpft.

Ein Ausschnitt der ersten Seite aus "Lycidas" von Christoph Marzi
Ein Ausschnitt der ersten Seite aus „Lycidas“ von Christoph Marzi

Girl Talk

Emily Laing ist keine der Figuren, die sich grundlos furchtbar finden und die sich von einem Aschenputtel in eine schöne Prinzessin verwandelt. Durch einen Unfall in ihrer Kindheit verlor sie ihr linkes Auge, was sie zum Gespött der anderen Kinder machte. Auch ist sie keines dieser liebenswerten Mädchen, die auf einen Traumprinzen warten und eine Horde Freunde um sich scharen. Als ihr größten Stärken empfinde ich ihre Dickköpfigkeit und ihre Wissbegierde. Egal, wie häufig Wittgenstein sie ermahnt – „Fragen Sie nicht!“ -, sie gibt keine Ruhe, bis sie nicht die ganze Wahrheit kennt.

Im Gegenzug findet man in Aurora eine liebevolle Freundin, die für Emily da ist, wenn alles zusammenbricht. Die Freundschaft der beiden muss innerhalb der drei Bände der Saga den ein oder anderen Stolperstein überstehen und das tut sie.

Oh London, mein London

Ich bin eine furchtbar schlechte Liebhaberin, denn eigentlich liebe ich vor allem die fantastische Version der Stadt. Noch jetzt kann ich mich daran erinnern, wie mein jüngeres Selbst eben jenes London erleben wollte, das Christoph Marzi als die Stadt unter der Stadt bezeichnet. Es ist nicht falsch zu sagen, dass ich wie eine dieser Chicklit-Leserinnen bin, die einen Bad Boy als ihren Traummann auserkoren haben. Genau wie sie liebe ich einen Charakterzug, der nur in meiner Fantasie existiert. Aber nichtsdestotrotz, bei all meinen Besuchen der Themse-Metropole habe ich Ausschau nach Mr. Fox und Mr. Wolf gehalten, den wohl charmantesten Söldnern, die je zu Papier gebracht wurden.

Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis "Lycidas"
Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis „Lycidas“

Warum die Uralte Metropole lesen?

Habe ich noch nicht genug geschwärmt? Nun gut:
Christoph Marzi ist ein Erzähler, der sein Handwerk versteht. Er nimmt Mythen und Legenden auf und verbindet sie mit dem Schicksal eines jungen Mädchens, das seinen Platz in einer Stadt sucht, die gierig ist und von gierigen Wesen bewohnt wird. Und so wird London, später Paris und Ägypten und noch später Prag zum Schauplatz eines Kampfes zwischen Elfen, Engeln, Göttern und der ersten Frau, die auf diesem Planeten wandelte. Christoph Marzi sicherte sich mit diesem Werk den Deutschen Phantastikpreis, verführt zum Schmunzeln und Träumen und lädt dazu ein, alte Legenden neu zu interpretieren.

Mehr möchte ich nicht verraten, denn ansonsten schreibe ich gleich noch einen Absatz über Mr. Fox und Mr. Wolf und dieser Absatz würde dann wohl nie enden.

– Q

P.S.: Vielen Dank an Andrea von lohntdaslesen.de für den Vorschlag über Emily zu blubbern. 🙂

Bibliografische Angaben

Band eins:
Lycidas von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2004, Neuauflage 2011
864 Seiten
ISBN 978-3-453-52910-6
9,99 €
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Band zwei:
Lilith von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2005, Neuauflage 2012
688 Seiten
ISBN 978-3-453-52911-3
9,99 €
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Band drei:
Lumen von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2006, Neuauflage 2012
800 Seiten
ISBN 978-3-453-52912-0
9,99 €
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