Kleiner Plausch gefällig? #5

Über Themen, die mein Lesen bestimmen

Eigentlich hatte ich für diese Woche gar keinen Beitrag geplant, aber als ich lohntdaslesen.de, den Blog der lieben Andrea, besucht habe, hat es mich dann doch gepackt. Sie hat sich in einem Beitrag mit den Themen beschäftigt, die sie bei Büchern catchen und Leitfragen, die sie durch Lektüre beantwortet haben möchte.

Des Pudels Kern

Anders als Andrea kann ich leider nicht mit hochtrabenden Motiven dienen, die mich beim Lesen beschäftigen. Wenn ich mir die Bücher anschaue, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, ist ein wichtiges Thema für mich persönliches Wachstum von Figuren. Zum Beispiel ein Mädchen, das sich auf eine Reise begibt und dabei lernt, selbstständig zu handeln und ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Oder ein Junge, der nach dem Stein der Weisen sucht, dann einen ganz anderen Schatz findet und feststellt, dass ewiges Leben nicht das Erstrebenswerteste ist. Gerade habe ich mit der Serie Outlander von Diana Gabaldon angefangen, die genau zu diesem Thema passt.

Ein weiterer Aspekt, der mich immer begeistert, ist gut ausgearbeitete Beziehungsentwicklung. Dieser Aspekt mag sehr primitiv erscheinen, aber einige Autoren werfen Figuren ungefähr so elegant zusammen wie Kinder, die Barbie und Ken zum Küssen zwingen. Slow Burn, wie das gemächliche Anbahnen einer Beziehung in Fanfiktionkreisen bezeichnet wird, ist ein Tanz mit sehr individuellen Regeln. Zwei Figuren können schnell „klicken“, andere sind wie Öl und Wasser und lassen sich einfach nicht zusammenbringen. Gerade diese Unterschiede herauszuarbeiten ist für mich ein großer Genuss. Und das gilt natürlich für alle Arten von Beziehung, nicht nur solche, die in das Biest mit zwei Rücken münden. Weil ich mir gerade ein neues Buch von Trudi Canavan zugelegt habe, fallen mir zu dieser Thematik die zwei Trilogien rund um die Magierin Sonea ein, die sehr viele unterschiedliche Beziehungen und deren Entwicklung schildern.

Die Gretchenfrage

„Nun sag, wie steht es bei dir mit Feminismus?“ Auf diesem Blog habe ich mich noch viel zu wenig mit feministischer Literatur beschäftigt, was sich definitiv ändern muss! Feminismus ist ein wichtiges Thema, mit dem ich mich eigentlich täglich beschäftige und das mein Leben seit geraumer Zeit stark beeinflusst. Mittlerweile habe ich mir diverse Film-, Fernseh- und Buchklassiker verdorben und habe andere zu schätzen gelernt. Insgesamt bin aber um einiges aufmerksamer geworden, wenn es um die Welt und die Gesellschaft geht, in der wir leben. Bücher, die sich hierfür anbieten, gibt es einige, zum Beispiel Hidden Figures von Margot Lee Shetterly und bald werde ich Jack Urwins Boys don’t cry: Identität, Gefühl und Männlichkeit lesen.

Ein Vortrag, der mich in Sachen Feminismus so richtig Feuer und Flamme werden lassen hat, ist der später unter dem Titel We should all be feminists als Buch erschienen TED-Vortrag von Chimamanda Ngozi Adichie. Damit ihr nicht suchen müsst, hier das Video:

– Q

Kleiner Plausch gefällig? #4

Über Chicklit, Magie in Essex und fragwürdige E-Book-Preise

Ich habe gesündigt. Ab in die Hölle mit mir! Teeren, federn und an den Pranger! Aber ich bin ehrlich, Selbstbeherrschung war noch nie eine Stärke, die ich mir zugeschrieben habe. Also: Ich habe aus Spaß gelesen. (An dieser Stelle bitte ein kopfschüttelndes Studiopublikum vorstellen, gekleidet in Sonntagsroben.)

Jede Menge Funken

Schuld ist eigentlich die Autorin Gail Carriger, die in ihrem Newsletter die Schmonzette Fast Connection angepriesen hat. Von dem Buch hatte ich bereits auf einer buchaffinen Seite gelesen, als ich auf der Suche nach homoerotischer Literatur war. Es gehört zu der vierteiligen Reihe Cyberlove und war bei Amazon gerade im Angebot, also habe ich zugeschlagen.
Fast Connection handelt von zwei Männern, die an unterschiedlichen Phasen ihres Lebens sind und sich über Grindr kennenlernen. Wer die App kennt, kann sich vermutlich die Art der Beziehung vorstellen, die die beiden zu Beginn führen und doch entwickeln sich von Hookup zu Hookup Gefühle und beide Protagonisten müssen entscheiden, ob sie sich der Herausforderung einer ernsthaften Beziehung stellen wollen.
Empfehlen kann ich das Buch Lesern, die auf E-Books mit der Beschreibung „standalone, full-length romance novel with no cliffhanger“ stehen. Übersetzt heißt das, es ist wenig anspruchsvoll, aber für den Moment sehr unterhaltsam. Außerdem geht es um zwei heiße Typen. Was will man mehr?

„Fast Connection“ von Megan Erickson & Santino Hassell

Magie liegt in der Luft

Buch Nummer zwei ging dann in eine vollkommen andere Richtung. Von Strange Magic habe ich bereits auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse gelesen und war vom Cover und dem Klappentext so begeistert, dass es gleich auf meiner Wunschliste gelandet ist.
Das Buch handelt von Rosie Strange, die das Essex Witch Museum erbt. Leider interessiert sie sich so gar nicht für Magie, weswegen sie ihr Erbe nur besucht, um es für eine Veräußerung vorzubereiten. Dort angekommen, werden sie und ihr mal mehr, aber eher weniger sympatischer Kurator in die Suche nach dem Skelett einer berüchtigen Hexe verwickelt, an der das Leben eines Kindes und eine großzügige Belohnung hängt. Und so stürzen sich die beiden in eine Jagd, die bei Rosie die Frage aufwirft, ob Magie nicht doch lebendiger ist, als sie es ahnte.
Strange Magic lebt von einer quirligen und selbstbewussten Protagonistin, die weiß, was sie auf dem Kasten hat und sich ohne Wenn und Aber an Herausforderungen misst. Außerdem lernt der Leser nicht nur viel über die Geschichte der Hexenverfolgung, sondern auch ihre Signifikanz für die heutige Zeit.
Im Herbst erfahre ich dann, was als nächstes auf Rosie und Kurator Sam Stone zukommt, denn das Buch bildet den Auftakt für die Trilogie Essex Witch Museum Mystery. 

„Strange Magic“ von Syd Moore

Was Fragen aufwirft

Man könnte meinen, ich hätte die beiden Bewertungen auch einfach ausbauen und in zwei einzelne Beiträge zerteilen können, aber abgesehen von meiner Begeisterung gibt es noch mehr über die beiden Titel zu sagen. Lasst mich über was ganz unerotisches reden: E-Book-Preise!
Jetzt könnte man stöhnen und sagen, das Thema hatten wir doch schon x-mal, aber ich finde es immernoch interessant, also watch me! Fast Connection kostet 4,45€, wie auch alle anderen Titel der Reihe. Für den Preis hätte ich das Buch nicht gekauft, im Angebot betrug der Preis gerade einmal 0,99€. Das gebe ich ganz offen zu, denn es ist nur ein Spaß für zwischendurch und deswegen ist meine Zahlungsbereitschaft entsprechend im Keller. Das klingt fies, denn das Buch hat immerhin 247 Seiten, aber literarisch und inhaltlich ist es einfach kein großer Wurf.
Strange Magic ist ein Titel, der einiges an Recherche erfordert und eine Reihe von Fragen aufwirft. Trotzdem kostet das E-Book beim Händler meines Vertrauens gerade einmal 1,66€. Der zweite Teil Strange Sight lässt sich für 7,49€ vorbestellen. An diesen Titeln merkt man, dass der Verlag versucht, strategisch mit dem ersten Band anzufüttern, um die Reihe attraktiver zu machen. Es stellt sich aber die Frage, ob sie sich damit nicht schaden, denn meine Zahlungsbereitschaft haben sie damit bereits beschädigt. Da ich weiß, dass der dritte Teil vermutlich weitere fünf Monate nach dem zweiten erscheinen wird, werde ich vermutlich abwarten, ob auch der zweite Teil erneut im Preis sinkt. Kann das gewünscht sein?

Auf Basis von was?

Für das Festlegen von E-Book-Preisen fehlt aktuell ein einheitliches System unterhalb den Verlagen. Anders als bei gedruckten Büchern lassen sich die Preise nicht anhand der Kosten einer festgelegten Auflage bestimmen, denn E-Books müssen nur einmal produziert werden und können dann ohne einen großen Mehraufwand immer und immer wieder verkauft werden. Deshalb ist es schwer, zu sagen, was ein E-Book kosten soll.
Preise, die jenseits von gut und böse sind, helfen dabei aber auch nicht, langfristig eine gesunde Zahlungsbereitschaft bei uns Lesern zu etablieren. Wenn ich vermuten kann, dass ein Preis innerhalb des kommenden Jahres fällt und es sich nicht um ein brandaktuelles Thema handelt, dann kann ich auf ein Buch warten. Die meisten Leser haben aus allen Nähten platzende Wunschlisten.

– Q

P. S. Für alle, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch Magie mit funkelnden Seifenblasen, gefunden auf dem Youtube-Kanal Kuma Films:

Bibliografische Angaben

Fast Connection von Megan Erickson und Santino Hassell
Megtino Press, erschienen Juli 2016
247 Seiten
ISBN 978-1-536-80353-2 (Printausgabe)
4,45€ (E-Book)
Kindle-Version

Strange Magic von Syd Moore
Oneworld Publications, erschienen Mai 2017
288 Seiten
ISBN-epub: 978-1-786-07099-9
1,99€
BUY LOCAL!
Kindle-Version

Kleiner Plausch gefällig? #1

Aufgrund einer Leseflaute ist mir heute nach Sinnieren. Natürlich über das Lesen.

Kann man von Gewohnheiten sprechen, wenn sich die meinen je nach Lebenslage und Arbeitspensum ändern? Hier mein Versuch darüber nachzudenken:

Interessengebiete

Urban Fantasy wird vermutlich auf ewig mein Wohlfühlgenre sein. Emily Laing ist und bleibt die Figur, die mich darin bestärkt, dass ich auf eine ganz fabulöse Weise anders bin. Jeder Leser hat vermutlich das eine Buch, die eine Reihe oder den Autor, das/die/der als sicherer Hafen auf turbulenter See dient. Aber seit einiger Zeit ziehen immer mehr Titel in meinem Bücherregal ein, die außerhalb meiner Komfortzone* liegen. Science Fiction und Feminismus sind dabei die zwei Genre, denen ich mich seit cirka einem Jahr immer öfter zuwende, was sie schon wieder Teil der Zone machen könnte. Allerdings bin ich in den Themenbereich noch nicht „angekommen“, kenne noch nicht alle Theorien und Fakten (im Falle des Feminismus) und alle Tropes und Eigenarten (was die Science Fiction betrifft). Ein Genre, vom dem ich mich nahezu vollständig verabschiedet habe, ist Contemporary Young Adult. Die Titel sind auf die Dauer einfach nicht nahrhaft genug für mich.

* Ich nutze das Wort hierbei, um einen Bereich abzugrenzen, auf dem ich mich alltäglich bewege und nicht um einen Versuch zu beschreiben, in Themengebiete vorzustoßen, die mich nicht interessieren oder mir Unbehagen bereiten.

Quantitatives Lesevolumen

Im Vergleich zur Allgemeinheit mag ich als Vielleserin gelten. Im Sinne eines Buchbloggers, egal wie professionell oder amateurhaft, lese ich vergleichsweise wenige Bücher. Zum einen mag dies an meinem Faible für Fanfictions liegen, denn in dem Bereich sorgt mein Lesevolumen seit Jahren für Besorgnis bei meiner parentalen Generation. Andererseits bin ich unglaublich wählerisch, was meine Lektüre angeht. Bevor ich ein Buch kaufe, checke ich Rezensionen auf Goodreads oder suche nach Bloggern, die bereits ihren Eindruck dazu geschildert haben. Des weiteren stecke ich mitten in meiner Bachelorarbeit, was dazu führt, dass ich mich nicht traue, mir einen Tag Zeit zu nehmen, um Bücher durchzulesen und gerade dieses Bingen bereitet mir besondere Freude.

Qualitative Auseinandersetzung

Im Onlinemagazin JETZT erschien Anfang Mai ein Artikel, der sich mit dem Mangel an weiblichen Autoren im literarischen Schul- und Universitätskanon auseinandersetzt (Hier zum Nachlesen zu finden). Die Autorin hat daraufhin ihre eigenen Lesegewohnheiten beobachtet und festgestellt, dass sie selbst immer öfter zu Titeln von Autorinnen greift. Beim Lesen dieses Artikels habe ich großkotzig gedacht, dass ich eindeutig mehr weibliche Autoren lese als männliche, aber die Analyse meiner Bücherschränke zeigte mir, dass ich deutlich falsch lag. Das Gesamtwerk von Christoph Marzi (24 Titel), Bücher von Tolkien, Patrick Rothfuss und Tad Williams sowie alle Bände von Orson Scott Cards Ender-Reihe sorgen dafür, dass in meiner Sammlung 133 Titel aus männlicher Feder stammen. Weibliche Autoren sind hingegen mit lediglich 20 Büchern mehr vertreten. Asche auf mein Haupt, Hochmut kommt vor dem Fall, knapp daneben ist auch vorbei. Von der fehlenden kulturellen Diversität möchte ich gar nicht anfangen. Auf meiner Leseliste landen bereits seit einiger Zeit nur noch Bücher, die sich Underdogs widmen. Und Feminismus. Und Lesben im All. Das gute Zeug halt.



Der versöhnliche Schluss

Lesen will gelernt sein, gerade wenn man den Anspruch erhebt, nicht immer nur den gleichen Einheitsbrei zu lesen und sich mit Themen zu beschäftigen, mit denen man im Alltag nicht konfrontiert wird. Meine Leseliste verspricht einen soliden Sprung über den Tellerrand und mit diesem Gedanken motiviere ich mich in den kommenden Bachelor-dominierten Wochen.

– Q

P. S.: Absolut sehens- und lesenswert ist Autorin Marie Brennans Versuch, in einem viktorianischen Kleid Karate zu praktizieren. Den Bericht dazu ist nachzulesen auf Tor.com und beinhaltet ihre genaue Analyse, wie die einzelnen Stolpersteine des Kleides ihre Form beeinflussten.

Hier das Video, das auch auf dem Youtube-Kanal von Tor.com zu finden ist:

Leipziger Buchmesse 2017: Da war ja was!

Das Gesamturteil meiner Buchmesse lautet: Am Blog arbeiten und nächstes Jahr akkreditieren lassen!

Donnerstag

Warum ist der erste Messetag eigentlich mein Lieblingstag?
Morgens aufwachen, verfrüht in den Bus, am Bahnhof umsteigen und sich wie ein kleines Kind freuen, wenn man eine leere Bahn erwischt. #Zusatzbahnenftw
In der Bahn habe ich dieses Jahr die fabelhafte Artikelsammlung Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack von William Gibson gelesen.

Wer einen der wichtigsten SF-Autoren aller Zeiten über seine Faszination für Bücher, Musik und Reisen in asiatische Städte berichten hören möchte, dem sei dieses Buch besonders empfohlen.

Aber zurück zur Messe: An der Endstation ausgestiegen, ging es dann für mich zum CCL-Eingang. Sehr erfreut war ich in diesem Jahr über die Taschenkontrollen. Der einzige Kritikpunkt, den ich dazu anbringen möchte: Für mehr als einen Blick hineinwerfen hätten sich die Kontrolleure dann doch gerne Zeit nehmen können. Drinnen erwartete mich dann – ganz im Karopartnerlook – die Freundin, die mich Donnerstag und Freitag gerne begleitet.
Als erste Amtshandlung haben wir uns auf die Suche des Kiepenheuer&Witsch-Stands gemacht, der eindeutig die schönsten Stofftaschen verteilt. Danach ging es dann an die systematische Erkundung aller Hallen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir vor allem die Ausstellung Schönste Bücher aus aller Welt, die – ganz überraschend – Buchkunst aus verschiedenen Ländern präsentierte.
Zu meiner großen Freude befand sich darunter auch eine schwedische Ausgabe von Roxane Gays Bad Feminist. Da wünsche ich mir glatt, Schwedisch sprechen zu können.

Der erste Tag bot mir einen guten Einblick über alle aktuellen Neuerscheinungen der Verlage, die mich interessieren. Hier ein paar Titel, die ganz sicher auf meiner Leseliste landen werden:

In der oberen Reihe befinden sich folgende Titel:

  • Wir waren doch mal Feministinnen – Von Riot Grrrl zum Covergirl – Der Ausverkauf einer politischen Bewegung von Andi Zeisler (Rotpunktverlag.)
  • Das antikapitalistische Buch der Mode von Tansy E. Hoskins (Rotpunktverlag.)
  • Weltgeschichte für junge Leserinnen von Kerstin Lückner und Ute Daenschel (Kein&Aber)
  • Why I March – Images From The Women’s March Around The World (Abrams Books)

In der unteren Reihe sind zu sehen:

  • Das Herz kommt zuletzt von Margaret Atwood (Berlin Verlag)
  • Big Shots! Places – Die Geheimnisse der Location-Fotografie von Henry Carroll (Midas Collection)

Manga-Comic-Con

Irgendwie konnten wir uns letzten Endes nicht davon abhalten, gleich am ersten Tag Halle Eins zu besuchen. Endlich konnte ich hier den neuen Roman von A. C. Lelis kaufen.  Kaffeekavalier schließt an die Grundstimmung ihres letzten Buches an und bescherte mir einen wundervollen Leseabend, den nur von gelegentlichen Seufzern oder einem frustrierten „NEIN!“ unterbrochen wurde. Zurück nach Halle Eins: Hightlight des Tages war dann aber das Maskottchen des japanischen Fernsehsenders NHK World, das bereits zum zweiten Mal in Folge zu Gast auf der Leipziger Buchmesse war und natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, mit Domo zu posieren. Wobei posieren wohl ein etwas übertriebener Ausdruck für Hinstellen und Schild schief halten ist.

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Freitag

Der zweite Messetag begann für mich sehr produktiv mit einer Buchmesseführung zum Thema Frauen gehen in Führung. Diese und weitere Rundgänge auf der Leipziger und Frankfurter Buchmesse werden vom Projekt Verlage der Zukunft veranstaltet, in diesem Fall in Zusammenarbeit mit dem Verein Bücherfrauen. Angeleitet von einer der Vorstandsmitgliederinnen besuchte unsere Gruppe den Stand von Tolino Media, der Selfpublishing-Plattform der Tolino Allianz, die Leiterin des Phantastikbereichs beim Ullstein Verlag sowie die Gründerin der Schreibschule Zeilensprung.
Danach ging es für mich wieder kreuz und quer über die Messe. Ein paar meiner weiteren Funde:

Das erste Buch steht für einen familieninternen Running Gag, denn ich habe panische Angst vor Haien. Kennt noch jemand die Was ist was?-Bücher aus dem Tessloff Verlag? Ich kannte die genaue Seitenzahl, auf der eben jene Meereslebenwesen vorgestellt wurden und habe sie jedes Mal konsequent überblättert. Hai Ahoi von Owen Davey (Knesebeck) hätte mich als Kind sicherlich hinter die Couch geschickt. Ari Turunens Titel Kann mir bitte jemand das Wasser reichen? (Piper) ist so plakativ, dass man darüber wenigstens ein wenig kichern muss. Ebenso mein absoluter Favourit aus dem Bereich Unterhaltung/Poetry Slam. Lars Ruppel ist mit dem Gedicht Holger, die Waldfee bereits zu den Poetry Slam Meisterschaften 2013 angetreten. Ein Jahr später habe ich auch von der Veranstaltung erfahren und endlich diesen unvergleichlich wortgewandten Poeten kennengelernt. Ähnlich verdreht-ulkig kann vermutlich nur Olaf Schubert denken.

Am Abend stand der Besuch der Nordischen Literaturnacht im Werk 2 an. Zu Gast waren hier insgesamt zwölf Autoren aus fünf – wieder so überraschend – nordischen Ländern, vom noch weniger bekannten Literaten bis zu Superstars. Was gut gemeint war, stellte sich als echtes Ausdauertraining heraus, denn die Autoren waren dazu angehalten worden, in ihrer Muttersprache zu sprechen. Auch wenn ich die Intension verstehen kann, dem Publikum die Vielfalt der nordischen Sprachen nahe bringen zu wollen, sorgte diese Vorgabe dafür, dass im Publikum einige Nickerchen gehalten wurden. Tatsächtlich lohnen würde sich dieses Konzept nur bei einer polyglotten Zielgruppe. Zusätzlich gingen viele Emotionen verloren, vom Verlust von Details will ich gar nicht beginnen. Meine Begleitung und ich haben schließlich nur bis cirka zur Mitte der Veranstaltung durchgehalten, denn wir wollten unbedingt Jostein Gaader zu Gesicht und auf die Ohren bekommen. Danach war dann einfach die Luft raus.

Was hat mir am Freitag am meisten gefehlt? Die Podiumsdiskussion Buchbeschleuniger. In den vergangen Jahren wurden hier aktuelle Branchenthemen wie zum Beispiel der Konflikt zwischen Feuilleton und Buchblog diskutiert. Doch in diesem Jahr war die Veranstaltung aus dem Programm verschwunden. Schade, vielleicht wieder nächstes Jahr? (Falls ich den Programmpunkt übersehen habe, möchte ich gerne in dem Glauben gelassen werden, dass er nie existiert hat.)

Und der ganze Rest

Samstag fiel für mich aufgrund von #Womensproblems mager aus. Erst nach 15 Uhr wagte ich mich auf die Messe und verbrachte zwei anregende Stunden im Taz Studio, der Leseplattform der gleichnamigen Tageszeitung. Redakteurin Doris Akrap interviewte zuerst den slowenischen Autor Dino Bauk, der sein Debüt Ende. Abermals (Hollitzer Verlag) vorstellte. Darin beschreibt er die Geschichte von Denis, einem Ausgelöschten. Diese Bevölkerungsgruppe verfügt über keine Staatenzugehörigkeit und wurde durch die Trennung des slowenischen Staates von Jugoslawien geschaffen.
Anschließend war ZEIT-Redakteur Mohamed Amjahid zu Gast auf der Bühne, der mit Doris Akrap über sein Buch Unter Weißen: Was es heißt, privilegiert zu sein (Hanser Berlin) sprach. Drin beschäftigt er sich mit einer Analyse der weißen Bevölkerungsschicht und zeigt auf, dass alle Bio-Deutschen Alltagsrassismus ausüben, ob dieser nun gewollt ist oder nicht. Ein lustiges, aber auch ergreifendes Gespräch.

Damit endete meine Leipziger Buchmesse 2017. Die Weltgeschichte für junge Leserinnen wartet bereits in meinem Bücherregal.

– Q

Rezension: Willkommen in Night Vale von Joseph Fink und Jeffrey Cranor

Wes Anderson meets Ethan and Joel Coen

Willkommen in Night Vale ist der Einstieg in ein multimediales Universum! Doch weil ich natürlich nicht voraussetzen kann, dass jeder den Stoff bereits kennt, hier erst einmal ein paar grundlegende Details.

Das Buch basiert auf einem Podcast, der von den Autoren geschaffen wurde und zweimal im Monat erweitert wird. Inhalt ist eine Radioshow in der fiktiven Stadt Night Vale, die ebenso verschlafen wie skurril ist. In einer wüstenähnlichen Region irgendwo in den USA gelegen, handelt es sich hierbei ganz und gar nicht um eine normale Stadt. Ständig passieren Katastrophen apokalyptischen Außmaßes, sei es der alljährliche Besuch der Stadtreinigung, Kinder, die in der Bibliothek verloren gehen oder Valentinstag. Auch spaltet die Gemeinde die Frage, ob Berge wirklich existieren. Und so berichtet Radiomoderator Cecil Palmer jeden Tag darüber, welches Chaos durch Night Vale wütet, stets überwacht von der Geheimpolizei und einer unbekannten, aber nichtsdestoweniger bedrohlichen Organisation.

Zurück zum Buch: Die Handlung findet um zwei Figuren statt. Jackie, die seit sie denken kann 19 Jahre alt ist und das Pfandhaus der Stadt leitet. Eines Tages gibt ein Mann einen Zettel mit der Aufschrift KING CITY auf und das Unglück nimmt seinen Lauf, denn egal, was Jackie tut, der Zettel findet seinen Weg immer wieder in ihre Hand und nimmt ihr die Fähigkeit an etwas anderes zu denken als an das Gekritzel. Die andere Hauptperson ist Diane, die alleinerziehend ist. Ihr Arbeitskollege verschwindet und niemand außer ihr erinnert sich an ihn. Außerdem ist der Vater ihres Sohnes wieder in der Stadt und unter keinen Umständen sollen die beiden aufeinander treffen. Welches Unheil sucht die Stadt in diesen Tagen heim? Unterstützt von Wissenschaftlern, die gerne Dinge aufschreiben und Engeln, deren Existenz illegal ist, machen die beiden Frauen sich zuerst getrennt und dann gewungenermaßen gemeinsam auf, die Wurzel des Übels zu finden und sie zu Sinn und Verstand zu kitzeln.

Was bekommt man mit dem Buch Willkommen in Night Vale? Einen irren Trip, der an einen Drogenrausch erinnert. Die Erzählweise ist auf eine unvergleichliche Art und Weise kurios, was aber nicht dazu führt, dass das Buch schwer verständlich oder schlecht zu lesen ist. Immer und immer wieder werden Aussagen aufgestellt, nur um im nächsten Satz bereits wieder negiert zu werden. Was faszinierend daran ist, sind die klaren Momente innerhalb der sprachlichen Achterbahnfahrt.So schwadroniert Carlos , seines Zeichens Wissenschaftler und Cecils Liebhaber, über die Eigenheiten der Wüstenstadt und dass keine Wege von Night Vale nach King City führen, nur um am Ende festzustellen, dass er Night Vale nicht verlassen will:

„»(…)Oh, tut mir leid, ich muss gehen. Oder du musst gehen. Ich werde hierbleiben, das ist mein Labor. Nur, dass Cecils Sendung gleich anfängt und ich sie nie verpasse.
Nein, ich bin noch gar nicht lang genug geblieben«, sagte Carlos.“
(S.101)

Doch warum sollte man sich das Buch auf Deutsch kaufen, wenn doch der Podcast nur auf Englisch verfügbar ist? Ein mit Fliegen bedrucktes Vorsatzpapier!

Besucht auch die >>Webseite des Podcasts, der bereits 100 Folgen umfasst.

– Q

Bibliografische Angaben

Wilkommen in Night Vale von Joseph Fink & Jeffrey Cranor
Hobbit Presse, erstmals erschienen 2016
378 Seiten
ISBN 978-3-608-96137-9
19,95 €

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