Kleiner Plausch gefällig? #4

Über Chicklit, Magie in Essex und fragwürdige E-Book-Preise

Ich habe gesündigt. Ab in die Hölle mit mir! Teeren, federn und an den Pranger! Aber ich bin ehrlich, Selbstbeherrschung war noch nie eine Stärke, die ich mir zugeschrieben habe. Also: Ich habe aus Spaß gelesen. (An dieser Stelle bitte ein kopfschüttelndes Studiopublikum vorstellen, gekleidet in Sonntagsroben.)

Jede Menge Funken

Schuld ist eigentlich die Autorin Gail Carriger, die in ihrem Newsletter die Schmonzette Fast Connection angepriesen hat. Von dem Buch hatte ich bereits auf einer buchaffinen Seite gelesen, als ich auf der Suche nach homoerotischer Literatur war. Es gehört zu der vierteiligen Reihe Cyberlove und war bei Amazon gerade im Angebot, also habe ich zugeschlagen.
Fast Connection handelt von zwei Männern, die an unterschiedlichen Phasen ihres Lebens sind und sich über Grindr kennenlernen. Wer die App kennt, kann sich vermutlich die Art der Beziehung vorstellen, die die beiden zu Beginn führen und doch entwickeln sich von Hookup zu Hookup Gefühle und beide Protagonisten müssen entscheiden, ob sie sich der Herausforderung einer ernsthaften Beziehung stellen wollen.
Empfehlen kann ich das Buch Lesern, die auf E-Books mit der Beschreibung „standalone, full-length romance novel with no cliffhanger“ stehen. Übersetzt heißt das, es ist wenig anspruchsvoll, aber für den Moment sehr unterhaltsam. Außerdem geht es um zwei heiße Typen. Was will man mehr?

„Fast Connection“ von Megan Erickson & Santino Hassell

Magie liegt in der Luft

Buch Nummer zwei ging dann in eine vollkommen andere Richtung. Von Strange Magic habe ich bereits auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse gelesen und war vom Cover und dem Klappentext so begeistert, dass es gleich auf meiner Wunschliste gelandet ist.
Das Buch handelt von Rosie Strange, die das Essex Witch Museum erbt. Leider interessiert sie sich so gar nicht für Magie, weswegen sie ihr Erbe nur besucht, um es für eine Veräußerung vorzubereiten. Dort angekommen, werden sie und ihr mal mehr, aber eher weniger sympatischer Kurator in die Suche nach dem Skelett einer berüchtigen Hexe verwickelt, an der das Leben eines Kindes und eine großzügige Belohnung hängt. Und so stürzen sich die beiden in eine Jagd, die bei Rosie die Frage aufwirft, ob Magie nicht doch lebendiger ist, als sie es ahnte.
Strange Magic lebt von einer quirligen und selbstbewussten Protagonistin, die weiß, was sie auf dem Kasten hat und sich ohne Wenn und Aber an Herausforderungen misst. Außerdem lernt der Leser nicht nur viel über die Geschichte der Hexenverfolgung, sondern auch ihre Signifikanz für die heutige Zeit.
Im Herbst erfahre ich dann, was als nächstes auf Rosie und Kurator Sam Stone zukommt, denn das Buch bildet den Auftakt für die Trilogie Essex Witch Museum Mystery. 

„Strange Magic“ von Syd Moore

Was Fragen aufwirft

Man könnte meinen, ich hätte die beiden Bewertungen auch einfach ausbauen und in zwei einzelne Beiträge zerteilen können, aber abgesehen von meiner Begeisterung gibt es noch mehr über die beiden Titel zu sagen. Lasst mich über was ganz unerotisches reden: E-Book-Preise!
Jetzt könnte man stöhnen und sagen, das Thema hatten wir doch schon x-mal, aber ich finde es immernoch interessant, also watch me! Fast Connection kostet 4,45€, wie auch alle anderen Titel der Reihe. Für den Preis hätte ich das Buch nicht gekauft, im Angebot betrug der Preis gerade einmal 0,99€. Das gebe ich ganz offen zu, denn es ist nur ein Spaß für zwischendurch und deswegen ist meine Zahlungsbereitschaft entsprechend im Keller. Das klingt fies, denn das Buch hat immerhin 247 Seiten, aber literarisch und inhaltlich ist es einfach kein großer Wurf.
Strange Magic ist ein Titel, der einiges an Recherche erfordert und eine Reihe von Fragen aufwirft. Trotzdem kostet das E-Book beim Händler meines Vertrauens gerade einmal 1,66€. Der zweite Teil Strange Sight lässt sich für 7,49€ vorbestellen. An diesen Titeln merkt man, dass der Verlag versucht, strategisch mit dem ersten Band anzufüttern, um die Reihe attraktiver zu machen. Es stellt sich aber die Frage, ob sie sich damit nicht schaden, denn meine Zahlungsbereitschaft haben sie damit bereits beschädigt. Da ich weiß, dass der dritte Teil vermutlich weitere fünf Monate nach dem zweiten erscheinen wird, werde ich vermutlich abwarten, ob auch der zweite Teil erneut im Preis sinkt. Kann das gewünscht sein?

Auf Basis von was?

Für das Festlegen von E-Book-Preisen fehlt aktuell ein einheitliches System unterhalb den Verlagen. Anders als bei gedruckten Büchern lassen sich die Preise nicht anhand der Kosten einer festgelegten Auflage bestimmen, denn E-Books müssen nur einmal produziert werden und können dann ohne einen großen Mehraufwand immer und immer wieder verkauft werden. Deshalb ist es schwer, zu sagen, was ein E-Book kosten soll.
Preise, die jenseits von gut und böse sind, helfen dabei aber auch nicht, langfristig eine gesunde Zahlungsbereitschaft bei uns Lesern zu etablieren. Wenn ich vermuten kann, dass ein Preis innerhalb des kommenden Jahres fällt und es sich nicht um ein brandaktuelles Thema handelt, dann kann ich auf ein Buch warten. Die meisten Leser haben aus allen Nähten platzende Wunschlisten.

– Q

P. S. Für alle, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch Magie mit funkelnden Seifenblasen, gefunden auf dem Youtube-Kanal Kuma Films:

Bibliografische Angaben

Fast Connection von Megan Erickson und Santino Hassell
Megtino Press, erschienen Juli 2016
247 Seiten
ISBN 978-1-536-80353-2 (Printausgabe)
4,45€ (E-Book)
Kindle-Version

Strange Magic von Syd Moore
Oneworld Publications, erschienen Mai 2017
288 Seiten
ISBN-epub: 978-1-786-07099-9
1,99€
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Kindle-Version

Webcontent #2

Über eine Odyssee, einen Geschichtenerzähler und ein weißes Kaninchen

Im zweiten Teil meiner Webcontent-Sammlung möchte ich die Willigen nach Creepytown entführen und drei gespenstige Podcasts vorstellen, die mich seit einiger Zeit begleiten. Alle drei sind nur in Englisch verfügbar, haben aber keinen höheren Anspruch als ein durchdachter, englischsprachiger Vlog. Also hinein ins Abenteuer und immer auf den eigenen Kopf achten, sodass er dort bleibt, wo er hingehört.

Alice Isn't Dead © Rob Wilson
Alice Isn’t Dead © Rob Wilson

Die Odyssee einer Truckerin

Alice ist nicht tot. Da ist sich Keisha ganz sicher und macht auf die Suche nach ihrer verschwundenen Frau. Um ungehindert reisen zu können, nimmt sie einen Job als Truckerin an. Auf einer Tour begegnet sie in einem Diner einem geheimnisvollen Mann, der eine Jacke mit der Aufschrift Thistle trägt und sich merkwürdig, gar unmenschlich verhält. Bei seinem Anblick läuft Keisha ein Schauer über den Rücken und es wird nicht das letzte Mal sein, dass sie ihm begegnet. Keine erholsamen Begegnungen. Und doch ist Keisha bereit, die Gefahr und die einsamen Stunden hinter dem Steuer ihres Trucks auf sich zu nehmen, um herauszufinden, was mit Alice geschehen ist. Denn so viel steht fest: Alice ist nicht tot. 



Was ist sonst noch zu sagen? 

Autor Joseph Fink lieferte bereits mit Welcome to Night Vale (in Zusammenarbeit mit Jeffrey Cranor) einen Podcast, der nicht nur unterhält, sondern auch zum Denken anregt. Mit Alice Isn’t Dead lädt er zu einer neuen Reise in eine Welt ein, die unserer ähnelt, aber einen Ticken geheimnisvoller ist. Sprecherin Jasika Nicole schafft es, Keisha eine zerbrechliche Seite zu geben und das Zweifeln an ihrer Mission wirklich und greifbar zu machen, gleichzeitig haucht sie der Figur Kraft ein, um über ihre Reise zu reflektieren:



“I must always remember that not visible to me and not in existence are not the same thing.“ 
(Aus „Mouth of the Water“, S2 E2)

Die erste Staffel ist bereits komplett verfügbar.

Hier findest du Folge eins, „Omelet“. 


 

Lore © Aaron Mahnke
Lore © Aaron Mahnke

Ein talentierter Geschichtenerzähler

Wenn wir Geschichten wie die von Werwölfen, Vampiren und sich wie von Geisterhand bewegten Puppen hören, bleibt oft die Frage, wie viel wahrer Kern in diesen Mythen steckt. Autor Aaron Mahnke erkundet in Lore eben diesen Kern. In jeder Folge nimmt er sich eine neue Schauergeschichte vor und untersucht, welche menschliche Angst ihr zugrunde liegt. Auch wenn er damit die Basis einer puren Neuauflage alten Aberglaubens legt, behält er genug Abstand, um immer wieder aus der jeweiligen Geschichte herauszutreten und darauf hinzuweisen, dass die meisten Vorkommnisse Spekulation sind oder warum der Bericht manipuliert sein könnte. Was den Podcast so populär gemacht hat, ist Aaron Mahnkes Gespür für besondere, abwechslungsreiche und gut recherchierte Geschichten und sein Talent, diese so zu erzählen, dass dem Zuhörer (oder sagen wir: mir) selbst bei strahlendem Sonnenschein mulmig zumute wird.

Welche spannenden Projekte erweitern den Podcast bald?

In diesem Jahr wird basierend auf dem Podcast eine Serie auf Amazon Prime veröffentlicht, für die bereits zwei namenhafte Produzenten engagiert wurden. Gerade gab der Autor zudem bekannt, einen Buchdeal mit dem Verlag Del Rey abgeschlossen zu haben. Laut Entertainment Weekly wird sich eine ganze Reihe unter dem Titel The World of Lore mit Mythen aus aller Welt beschäftigen.

Hier findest du Folge eins, „They made a tonic“.

 

Point Mystic © Point Mystic Historical Society
Point Mystic © Point Mystic Historical Society

Ein weißes Kaninchen, das den Tod mit sich bringt

Ebenfalls mit der Wahrheit hinter Mysterien, Magie und Unerklärlichem sucht Point Mystic. Doch auf etwas andere Weise. Die erste Geschichte des Autors Christopher Reynaga erzählt von Kindern, die im Wald hölzerne Konstruktionen bauen. Überhaupt verfügt der Wald der Stadt, in der sich der Sprecher mit Frau und Sohn Fox niedergelassen hat, über eine große Anzahl sehr alter Exemplare dieser Gebilde. Dann ist da noch die allgemeine Faszination für Türen und besonders diese eine besonders rätselhafte Tür, die bei den Kindern der Stadt Träume von gespenstigen Gestalten auslöst. Und was meint Fox damit, dass ein weißes Kaninchen kommen wird und mit ihm die Toten auferstehen werden?

Was macht Point Mystic aus?

Anders als bei Lore und Alice Isn’t Dead wird die Handlung gleich von drei Sprechern getragen, dem Erzähler, seiner Frau sowie Fox, daneben finden weitere Stimmen ihren Platz. Zum Beispiel widmet sich eine Folge intensiv einer alleinerziehenden, schwarzen Mutter, die von ihrem Anteil an der Bürgerrechtsbewegung erzählt und wie diese die Erziehung ihres Sohns beeinflusste. Ich bin gespannt auf weitere solcher Ausflüge in kommenden Folgen. Aktuell ist die gesamte Geschichte vom weißen Kaninchen verfügbar und ein Bericht über eine Pandemie, die im Falle einer Infektion spontane menschliche Selbstentzündung auslöst und über ein geheimes Quarantäne-Camp, das die Bedrohung durch Gruppengesänge in Schach hält.

Hier findest du Folge null, „The Fireman“. 



– Q

Rezension: I capture the castle von Dodie Smith

Eine verwitterte Burg, wilde Natur und das menschliche Treiben dazwischen

Aktuell stecke ich mitten in einem Bücherstapelabbau, denn im Laufe eines halben Jahres haben sich bei mir mehr als 30 ungelesene Bücher angesammelt. An I capture the castle hatte ich mich bereits vergangenen Herbst versucht, war aber nicht in der richtigen Stimmung. Unter dem Motto Take or Toss konnte ich mich nun doch überwinden und nach 50 Seiten hatte mich Dodie Smith in ihrer Hand.

Das Buch wird aus Sicht einer jungen Frau erzählt, die mit ihrer Familie in einer alten, verwitterten Burg auf dem englischen Land wohnt. Einst prachtvoll ist das Gemäuer zu einer Ruine verkommen und der Familie sind seit langem die finanziellen Mittel abhanden gekommen, irgendetwas an der Substanz zu verbessern. Genauer gesagt: Mittlerweile können sie sich kaum die Margarine auf dem Toast leisten.

Cassandra berichtet in Form von Notizbucheinträgen vom Alltag der Familie und von deren Eigenheiten. Ihr Vater ist ein Schriftsteller, der seit seinem ersten Roman kein Wort mehr geschrieben hat, ihre Stiefmutter, Model und Künstlerin, frönt regelmäßig ihrer Liebe zur Natur und ihre Schwester sehnt sich nach Wohlstand.
Doch als ihr Vermieter stirbt und wenig später seine Erben in Form zwei amerikanischen Gentlemen auftauchen, kündigen sich neue, bessere Zeiten für die Familie an.

Dodie Smiths Erzählung lebt von der Eigentümlichkeit ihrer Charaktere und der Direktheit von Cassandras Bericht. Es gibt keine Boshaftigkeit, die verkraftet werden muss, den Charakteren wird immer wieder die Chance gegeben zu wachsen.
Cassandra selbst wirkt am Anfang noch sehr naiv, fast wie ein Kind, aber im Laufe der Erzählung wird bewusst, dass sie älter ist, als vermutet. Ihre Schilderungen der Burg, der wilden Natur und der Menschen, die sie umgeben, sind unverklärt und intim.
Und teilweise einfach ehrlich, so zum Beispiel, als sie ihren Vater nach dem Fortschritt seines von der Familie sehnlichst herbeigewünschten zweiten Buches befragt:

‚How’s the work?‘ I asked.
A closed-up look came over his face and he said shortly: ‚You are too old to believe in fairy tales.‘

Heimliche Heldin des Romans könnte aber auch Topaz sein, die Stiefmutter, die sich aufopferungsvoll um die Familie kümmert und dafür sorgt, dass alle trotz der offensichtlichen Armut gut versorgt sind.

Doch nicht nur die Familie macht das Buch zu einem Pageturner, sondern auch Nebencharaktere wie die Lehrerin der örtlichen Dorfschule, welche die Familie mit den neuesten Büchern der Bibliothek versorgt, der wenig dogmatische Vicar, dank dem Cassandra ihr erstes Notizbuch erhält und die beiden Haustiere der Familie, Hel und Ad, welche Cassandra auf ihren Streifzügen durch die Umgebung um die Burg treu begleiten.

Unheimlich Spaß hat vor allem gemacht, sich das Leben in einer Burg vorzustellen. Zwar zerfällt das Mauerwerk immer mehr, aber trotzdem ist es erfüllt mit den Erinnerungen und Cassandra denkt das ein oder andere Mal an spezielle Momente. Das wäre zum Beispiel das Mittsommernachtsfest, das sie und ihre Schwester jedes Jahr mit einem Feuer und Tänzen feierten. Die beiden wachsen entfernt vom christlichen Einfluss auf, da der Vater und die Stiefmutter wenig Interesse an Kirchenbesuchen zeigen und finden so den Zugang zu dem heidnischen Fest. Umgeben von wildem Grün und der modernden Burg kommt man nicht umhin, an Naturgeister zu denken und nach Feen Ausschau zu halten.

Empfehlen möchte ich dieses Buch allen, die nach einem Rückzugsort suchen oder sich in einer längst vergessene Zeit zwischen Vergangenheit und Moderne zurückversetzen lassen möchten.

– Q

Bibliografische Angaben

I capture the castle von Dodie Smith
Penguin Books, erstmals erschienen 1949
535 Seiten
ISBN 978-0-141-37150-4
£ 7.99

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Webcontent #1

Über Monstermädchen, die nicht weinen und mordende Llamas

Zwei Texte wirbelten gestern an die Oberfläche des Internets und haben mich berührt, aufgerüttelt und aufhorchen lassen.

Monstermädchen, die nicht weinen

Die diesjährigen Hugo Awards haben mich zum Uncanny Magazine geführt, einer halbprofessionellen Zeitschrift für Science Fiction und Fantasy. Aller zwei Monate gibt die Redaktion eine Ausgabe vollgestopft mit Kurzgeschichten, Gedichten, Essays, Kunst und Interviews heraus.
Die Kurzgeschichte, die mir sofort ins Auge stach, trägt den Namen Monster Girls Don’t Cry. Sie besticht durch einen sehr ruhigen und bildhaften Stil und erzählt von zwei Schwestern, die Monster sind, weil ihre Mutter bereits ein Monster war. Die eine versteckt ihre Andersartigkeit nicht, darf deswegen aber nicht das alte Haus verlassen, in dem die Schwestern mit ihrer Mutter wohnen. Die andere feilt sich ihre Hörner ab und versteckt ihre winzigen Flügel. Dann stirbt ihre Mutter oder vielmehr: Ihre Mutter wird von Monsterjägern umgebracht und die beiden Mädchen leben alleine. Während die eine glücklich ist hinter den Mauern des alten Hauses, studiert die andere und trifft sich mit Männern. Doch wie ihre Mutter bereits prophezeit hat: Männer sind nicht gut für Monstermädchen…
A. Merc Rustad beschreibt zwei grundverschiedene Ansätze zu dem Versuch, glücklich zu werden.
Die Kurzgeschichte enthält kurze Passagen mit Beschreibungen sexueller Gewalt, also bitte die Finger davon lassen, falls das triggert. Ansonsten ist die Kurzgeschichte auf der Webseite des Magazines zu finden.

Mordende Llamas

Autorin Kameron Hurley befasst sich in dem Essay We have always fought: Challenging the ‚Women, Cattle and Slave‘ narrative mit dem Problem der einen Geschichte.
Wir kennen das alle aus dem Geschichtsunterricht: Auf fünf wichtige Zeitgenossen des männlichen Geschlechts kommt eine weibliche. Die Geschichte von Frauen, die die Welt veränderten, fallen gerne und häufig unter den Tisch. Am 12. November 1918 wurde dem weiblichen Geschlecht in Deutschland das Wahlrecht zugesprochen. Damit fallen jahrhundertelanges Bemühen und Ringen um eine der wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen unter den Tisch.
Aber zurück zu den Llamas und der einen Geschichte: Kameron Hurley beginnt ihren Essay mit der Schilderung über eine besonders aggressive Sorte dieser Tiere, die das Bewusstsein für all die anderen Exemplare, die einfach nur flauschig sind und Gräser fressen wollen, vertreibt. Zurück bleibt die eine Geschichte und auch in unserer realen Geschichtserzählung passiert diese Verdrängung. Frauen, die Revolutionen neben ihren männlichen Mitstreitenden bestritten haben, werden übergangen. Und auch die Literatur ist davor nicht gefeit. Häufig werden Frauen durch traumatische Erlebnisse motiviert, große Dinge zu vollbringen. Männer können Abenteuer bestreiten, einfach, weil sie sich dazu berufen fühlen.
Doch wir können diese eine Geschichte bekämpfen, indem wir uns an die anderen Llamas erinnern, die wir schon fast vedrängt haben, die niedlichen, die mürrischen, die mit den merkwürdig anmutenden Angewohnheiten und auch die, die einfach nur ein anderes fell tragen.
Der Essay, der später noch einmal in dem Buch The Geek Feminist Revolution (BUY LOCAL!) veröffentlich wurde, ist auf A Dribble of Ink zu finden.

– Q

Rezension: Slade House von David Mitchell

Alle neun Jahre verschwindet ein Mensch im gruslig-schönen Slade House.

Alle neun Jahre wird ein Mensch wie von einem Magnet angezogen in die Slade Alley und kehrt nicht zurück. Im Slade House erwartet ihn eine Zwillingspaar, welches sich von der Seele der jeweiligen Person ernährt um selbst unsterblich zu sein.

Zugegebenermaßen, die Handlung ist keineswegs neu, aber die Umsetzung gestattet ein großes Lesevergnügen. Das Buch umfasst fünf Kapitel und jedes davon umfasst einen Handlungszyklus. Die Zyklen bauen aufeinander auf, da das Verschwinden der betreffenden Personen natürlich nicht unbemerkt bleibt.

Insgesamt ist das Buch genau richtig für Leser, die mysteriöse Vorkommnisse mögen, sich aber nicht zu Tode gruseln wollen und eine gute Verschwörungtheorie zu schätzen wissen. Mitchell schafft es, die unterschiedlichen Personen, aus deren Sichtweise die Geschichte erzählt wird, authentisch zu gestalten und der Geschichte das bisschen Zauber und wabernde Schatten zu geben, die es braucht, um ihr Leben einzuhauchen.

Ein schönes Plus sind die Tweets der letzten betroffenen Person, die zeigen, wie sich die von den Zwillingen besessenen Menschen fühlen. Des weiteren wirft es die Frage auf: Hätten die Ereignisse schon viel früher gestoppt werden können, wenn es Twitter bereits 1979 gegeben hätte?

– Q

Bibliografische Angaben

Slade House von David Mitchell
Sceptre (Hoddor & Stoughton), erstmals erschienen 2015
266 Seiten
ISBN 978-1-473-61670-7
£ 7.99

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Rezension: Handmaid’s Tale von Margaret Atwood

Ein moderner Klassiker, dessen Thematik nie unrelevant werden wird.

Zugegeben The Handmaid’s Tale schafft es nicht in die Ränge meiner Lieblingstitel, aber aufgrund des Inhalts muss man den Titel wertschätzen.

Die Handlung ist in einer post-apokalyptischen Zeit angesetzt, wobei der Leser nicht vollständig darüber aufgeklärt wird, was eigentlich vor dem großen Umbruch passiert ist. Der Handlungsort ist jedoch vermutlich Nordamerika. Die Gesellschaft ist in verschiedene Schichten unterteilt und innerhalb dieser wurden den Menschen verschiedene Aufgaben zugewiesen: Marthas, Guardians oder Angels (Soldaten). Die Hauptperson Offred gehört zu einer Gruppe von Frauen, die dazu verpflichtet sind, Kinder zu produzieren, weswegen sie älteren Offizieren zugewiesen werden, deren Ehefrauen keine Kinder bekommen haben und nun zu alt sind, um diesen Defizit auszugleichen.

Den Hauptteil der Handlung nimmt der Alltag von Offred ein, wie sie mit einer anderen Magd einkaufen geht, wie sie ihre Rolle im Haushalt empfindet und wie sie versucht, Zeit totzuschlagen. Und natürlich die wenig erfolgreichen Befruchtungsversuche. Da sie einen Großteil ihrer Zeit keine Beschäftigung hat, schwelgt Offred häufig in Erinnerungen an die Zeit, als sie zur Magd trainiert wurde und wie ihre einzige richtige Freundin aus dem dafür errichteten Camp geflüchtet ist und an ihre kleine Familie, die sie bei einem Fluchtversuch über die Grenze ebenfalls verloren hat. Zusätzlich macht Offred sich Sorgen, was mit ihr geschiet, wenn sie nicht bald schwanger wird, denn die Frauen, die es nicht schaffen, werden in Kolonien geschickt um sich dort zu Tode zu arbeiten.

Das Buch hat alles, was man sich bei einem dystopischen Roman wünscht: Überwachung, Misstrauen und fehlende Informationen, einen sich bildenden Widerstand, feste soziale Schichten und einen Hauptcharakter, der versucht, sich an die Regeln zu halten, sie aber dann doch bricht um zu überleben. Teilweise ist die Erzählung etwas zäh, sodass man zum Querlesen verführt wird, vor allem, weil Offred selbst wenig über die aktuelle Lage der Nation weiß und man gerne mehr wüsste, aber es ist auch ein Titel, der 1986 erschienen ist und 30 Jahre später brandaktuell wirkt.

– Q

Bibliografische Angaben

Handmaid’s Tale von Margaret Atwood
Vintage, erstmals erschienen 1985
479 Seiten
ISBN 978-1-784-87144-4
£ 8.99

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