Worauf ich mich in 2018 freue!

Wenn ich mich denn mal aus meinem selbst auferlegten Buchkaufbann erlöse…

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Das neue Jahr naht und damit auch viele spannende Neuveröffentlichungen. Ich habe noch nicht Vorschauen für 2018 gesichtet, werde es mir vermutlich sparen, da meine Leseliste eh dauerhaft im Wandel ist. Außerdem gehe ich viel lieber in Buchhandlungen und lasse mich überraschen, was die Einkäufer so als relevant erachten. Einige Titel haben es nichtsdestotrotz bereits auf meine Leseliste geschafft.

Murakami geht bekanntlich immer

Gerade war mir aufgefallen, dass mal wieder Bücher von japanischen Autoren fällig sind, da erfahre ich von den neuen Romanen von Haruki Murakami. Perfektes Timing! Fast 1.000 Seiten haben die beiden Titel zusammen und ich bin gespannt, ob mich das neue Werk ähnlich fesseln wird wie 1Q84.
Die Handlung wird sich um einen jungen Maler drehen, der in eine Schaffenskrise verfällt, als er einen reichen Auftraggeber portraitieren soll. Dann findet er ein Bild mit Titel „Die Ermordung des Commendatore“ und ist wie besessen von dem meisterhaften Werk. Merkwürdige Geschehnisse um den Ich-Erzähler bringen ihn dazu, sich an seinen Auftraggeber zu wenden. Als er dies tut, muss er feststellen, dass der Herr einen ungeahnten Einfluss auf sein Leben ausübt.
Band 1: Eine Idee erscheint am 22. Januar 2018 bei Dumont, Band 2: Eine Metapher wandelt sich folgt am 16. April 2018.

Cover von Mitternacht von Christoph Marzi

Neue Phantastik von Christoph Marzi

Bekanntlich liebe ich Christoph Marzis Bücher über alles. Doch ich gebe ehrlich zu, dass mir seine nicht-phantastischen Titel, was die Handlung betrifft, oft zu ähnlich und zu liebeslastig sind (Tief in meinem Inneren bin ich der Grinch.). Deshalb freue ich mich besonders, dass nun endlich Mitternacht erscheint, der Erscheinungstermin war nach hinten verlegt worden.
Auch in seinem neusten Roman spielt Marzi mit dem Übergang zwischen zwei Welten und lässt seinen Helden in die Welt der Geister stolpern. Unterstützt von einem reisenden Geist und einem Findelgeistmädchen (Ja, es stiehlt das Herz des Helden, damit muss ich jetzt einfach klarkommen.) führt der Weg des Jungen zu einem Ort, der den Namen Mitternacht trägt und an dem Hoffnung geboren wird und Träume sterben.
Mitternacht erscheint am 1. März 2018 bei Piper und ich werde bereit sein für das Abenteuer!

Cover von Die Gabe von Naomi Alderman

Die Preisträgerin des Baileys Women’s Prize for Fiction 2017

Dank der Auszeichnung mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction hat Naomi Alderman für ihrem Roman Die Gabe 2017 bereits viel Aufmerksamkeit erhalten. 2018 erscheint der Titel endlich in Deutschland und ich bin gespannt, wie der Titel beim deutschen Publikum ankommt.
In Die Gabe erhalten Frauen plötzlich die Fähigkeit, mit ihren Händen Stromschläge auszusenden, was die Vorstellung, welches Geschlecht das stärkere ist, völlig auf den Kopf stellt. Betroffen ist nicht nur die Elite der Gesellschaft, sondern auch die, deren Stimmen sonst nur allzu einfach überhört werden.
Die Gabe erscheint am 12. März 2018 bei Heyne.

Cover von Autonom von Annalee Newitz

Arbeiten bis in den Tod

Autonom ist ein typischer Fall von „Oh, das Cover sieht aber interessant aus!“. Dass William Gibson den Titel lobt, schadet allerdings auch nicht. Wobei ich vermutlich noch einmal darüber nachdenken werde, ob ich mir wirklich zur deutschsprachige Ausgabe greife. Leider überzeugt mich die Qualität der Taschenbücher von Fischer Tor nicht so richtig. Das für den Buchdeckel verwendete Papier habe ich als preiswert empfunden. Aber zurück zum Buch!
Eine neue Droge sorgt dafür, dass Menschen solange arbeiten, bis ihr Körper versagt. Jack ist eine Patentpiratin, sie kopiert Präparate und verkauft sie auf dem Schwarzmarkt. Als die tödliche Nebenwirkung der neuen Droge bekannt wird, kommen Jacks Kopien in den Verdacht. Doch sie ist sich sicher, dass die Pharmakonzerne selbst die Übeltäter sind und macht sich zusammen mit Freunden auf die Ursachensuche. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, denn die Pharmakonzerne haben sich bereits an die Fersen von Jack geheftet und sie als Terroristin verleumdet.
Autonom erscheint am 24. Mai 2018 bei Fischer Tor und ich freue mich auf eine atemlose Verfolgungsjagd.

Cover von Almost Love von Louise O'Neill

Ein feministisches Eisbad

Von Louise O’Neill habe ich in diesem Jahr bereits Only ever yours gelesen und nicht rezensiert, weil ich eine furchtbare, furchtbare Bloggerin bin. Empfehlen kann ich das Buch jedoch über alle Maßen. Es ist kein angenehmes Buch, aber eins das wichtig ist und lange nach der letzten Seite immer wieder zum Nachdenken anregt. Ebenfalls für 2018 vorgenommen habe ich mir Asking for it, das vermutlich wieder schockieren und eine unbezahlbare Lektion sein wird.
In Almost Love verliebt sich Sarah in einen Mann namens Matthew. Er ist zwanzig Jahre älter als sie und ihre Freunde und Familie sind schockiert, aber all das ist Sarah egal, denn Matthew bedeutet ihr alles. Selbst als sie kurz davor steht ihre Arbeit zu verlieren, ist alles, woran sie denken kann, Matthew. Ihre Liebe ist nicht ohne Schmerz, aber so soll Liebe doch anfühlen?
Almost Love wird von riverrun am 1. März 2018 veröffentlicht und ich bin so gespannt, auf den Abgrund, in den Louise O’Neill mich in diesem Buch entführen wird.

Cover von American Panda von Gloria Chao

Der Fluch der elterlichen Erwartungen

Zwischen hartem Science-Fiction und ernsthaften Romanen werde ich auch in 2018 immer wieder mal einen fluffig-leichten YA-Roman einschieben. Darunter fällt auch American Panda von Gloria Chao, auf das ich dank einer animierten Version des Covers auf Twitter aufmerksam geworden bin. Manchmal bin ich echt so cheap…
Mei ist endlich am Ziel der Träume (ihrer Eltern) angekommen, dem Medizinprogramm des MIT und das mit nur 17 Jahren. Dumm nur, dass der Masterplan ihrer Eltern nicht berücksichtigt, dass Mei Keime und Bakterien hasst und der Junge ihrer Träume nicht der gewünschte taiwanesische Schwiegersohn ist, sondern ihr japanischer Kommilitone. Ihr Bruder wurde aus der Familie verstoßen, als er eine aus elterlicher Sicht falsche Partnerin gewählt hatte. Als Mei ihn wieder trifft, muss sie abwägen, was ihr die gesponnenen Lügen wert sind und ob sie sich aus dem Netz befreien kann, um sie selbst zu sein.
American Panda erscheint am 6. Februar 2018 bei Simon Pulse.

Cover von From Twinkle, with Love von Sandhya Menon

Der Wunsch gehört zu werden

When Dimple met Rishi habe ich dieses Jahr eigentlich nur gekauft, weil es gerade bei Kindle im Angebot war. Es hat mich dann aber so mitgerissen, dass ich auch das neue Buch von Sandhya Menon lesen werde.
In From Twinkle, With Love geht es erneut um einen Contest. Dieses Mal möchte die aufstrebende Regisseurin Twinkle einen Film beim Summer Festival einreichen, sodass ihre Stimme endlich gehört wird. Auf das Festival aufmerksam macht sie Sahil, ebenfalls ein Filmbegeisterter. Neben der Chance endlich einen ihrer eigenen Filme auf einer großen Leinwand zu sehen, lockt die Möglichkeit ihrem langjährigen Crush Neil, Sahils Zwilling, näher zu kommen. Als ein unbekannter Absender beginnt, Twinkle Emails zu schreiben, ist sie sich sicher, dass Neil dahinter steckt. Wer sonst könnte sich hinter „N“ verbergen? Und dann sind da auch noch die Gefühle, die sie langsam für Sahil entwickelt.
From Twinkle, With Love erscheint am 22. Mai 2018 bei Simon Pulse.

Comics in 2018

Die Kategorie, in der ich für 2018 am planlosesten bin, sind die Comics und Graphic Novels. Fest steht momentan nur ein Titel, aber der muss unbedingt. Moonstruck erscheint bei Image Comics und sieht goddamn adorable aus. Wenn das kein Kaufgrund ist, dann möchte ich darauf hinweisen, dass die Geschichte von der Lumberjanes-Autorin Grace Ellis geschrieben wurde. Eine weitere Reihe, die ich noch lesen möchte…

Cover der Howls Moving Castle Trilogy von Diana Wynne Jones

Eine Reise in eine wohlbekannte, zauberhafte Welt

Die World of Howl-Trilogie von Diana Wynne Jones ist zwar keine Neuerscheinung, aber fest für meinen Kanon des nächsten Jahres eingeplant. Ich möchte unbedingt wissen, was nach Das wandelnde Schloss passiert und erneut in die zauberhafte Welt eintauchen, die die Autorin geschaffen hat. Außerdem interessiert mich, wie stark Buch und Film voneinander abweichen. Welchen besseren Anlass kann man für einen Hayao Miyazaki-Filmeabend haben?

Drückt mir die Daumen, dass mir nicht doch noch eine Vorschau in die Hände fällt. Aktuell gefällt mir der Plan, so wie er ist.

– Q

Rezension: Who runs the world? von Virginia Bergin

Die Frage ist nicht, wer am Hebel sitzt.

Glücklicherweise habe ich mich erst nach der Hälfte des Buches gefragt, ob von Who runs the world? weitere Teile erscheinen. Die Rezensionen auf Goodreads hätten mich sonst womöglich davon abgehalten, das Buch überhaupt in die Hand zu nehmen. Und was wäre mir da für ein bissiges Werk entgangen!

Der Plot

60 Jahre sind vergangen seit ein Virus fast die gesamte männliche Weltbevölkerung ausgelöscht hat und so versteht River zuerst gar nicht, welche Sensation ihr auf ihrem Weg zurück ins Dorf begegnet. Das Wesen, der Mann, der Junge wie sie später feststellt, ist mehr tot als lebendig und sein Verhalten verängstigt River, ein Gefühl, das sie gegenüber einem Menschen bisher noch nie empfunden hatte. Sie will ihn vom seinem Leid erlösen – das verlangt der Anstand -, kann sich aber nicht dazu durchringen und übergibt ihn zurück im Dorf in die Obhut der Großmutter. Als diese erfährt, dass der Junge bereits mehr als einen Tag im Freien umhergeirrt ist, gerät sie in Aufregung, denn noch nie hat ein Mensch mit XY-Chromosomen dem Virus, der noch immer wütet, standhalten können.

River ahnt noch nicht, dass ihre Welt aus den Angeln gehoben und umgekehrt wird. Denn der Junge, Mason, sorgt dafür, dass die Frage aufkommt, ob die Gesellschaft, in der River lebt, so friedliebend und fair ist, wie zuvor angenommen. Wie sich herausstellt, leben die Personen, die mit einem XY-Chromosom geboren wurden, kein so behütetes Leben, wie es das nationale Konzil behauptet.

Die Intension der Autorin

In einem Nachwort erklärt Virginia Bergin, dass sie das literarische Konzept der Männer als Unterdrücker und der Frauen als Unterdrückte nicht einfach umkehren wollte. Bei der Entwicklung des Buches bemerkte sie, dass sie gar nicht wusste, was das soziale weibliche Geschlecht ausmachte. Umso mehr sie darüber nachdachte, desto mehr wollte sie wissen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der Vorstellungen über das soziale Geschlecht unser Denken nicht beeinflusst.

In Who runs the world? werden die Frauen überwiegend in drei Gruppen geteilt: Die Großmütter haben den Ausbruch des Virus erlebt und dafür gesorgt, dass die Männer, die überlebt haben, in Quarantänestationen sicher untergebracht werden. Dann sind da die Mütter, welche bereits in einer Welt aufgewachsen sind, in der Männer keine Rolle im täglichen Leben gespielt haben. Sie legten die sieben globalen Vereinbarungen fest, welche das Miteinander der Menschen regeln und strukturierten die Welt damit für nachkommende Generationen. Zu denen gehört auch River, eines der Kinder, das die globalen Vereinbarungen aufgewachsen ist und anstrebt, seinen Betrag für Fortschritt und Wohlergehen der Menschen zu leisten.

Die Negation der Negation ist positiv?

Was ich besonders interessant fand, waren die Konflikte zwischen River und ihrer Großmutter Kate, welche durch ihre unterschiedlichen Lebenserfahrungen immer wieder auftraten. So verstanden River und ihre Mutter nicht, warum die Großmutter darauf bestand, dass sie in Masons Gegenwart stets bekleidet sein müssen. Die Großmutter versuchte in mehreren Anläufen zu erklären, warum Nacktheit in Anwesenheit eines Mannes unangebracht sei, gab aber schließlich auf und verlangte, dass die beiden Frauen die neue Regel ihr zuliebe umsetzen sollten.

Zudem trifft Virginia Bergin den Ton eines Teenagers meiner Meinung nach ziemlich gut. River ist, solange sie sich in ihrem Wohlfühlbereich befindet, ein analytischer Charakter, der nicht gerne im Mittelpunkt steht. Durch die Masons Ankunft muss sie sich immer wieder Situationen stellen, die ihr ganz und gar nicht geheuert sind und dank Hormone kocht sie deswegen hin und wieder über. Trotzdem wagt sie sich, über ihre Grenzen hinaus zu gehen und ist in ihrer Begeisterung kaum zu bremsen, wenn es um Themen geht, die sie interessieren.

Die Metaebene

Die Autorin schafft es immer wieder geschickt, feministische Grundideen und Problematiken in der Handlung unterzubringen, die dem Leser* bekannt vorkommen werden, so zum Beispiel „Was ist so schlimm daran, ein Mädchen zu sein?“. Vielleicht sind ein paar der Leser*, die sich auf Goodreads über das Buch echauffiert haben, davon ausgegangen, dass der Klappentext „Welcome to the matriarchy“ bedeutet, dass hier von einer Utopie berichtet werden soll. Doch bei Who runs the world? handelt es sich eindeutig um eine Dystopie, nur, dass es dieses Mal eben die Frauen sind, welche die Fehler gehen.
So müssen River und ihre Vertrauten gegen Ende des Buches überlegen, was aus Mason werden soll.

‚The way you’re talking… you’re making it sound like he’s a different species or something.‘ […]

‚He might as well be a different species,‘ says Kate. […]

‚I’ve read about this‘, Plat says, ‚about the way some men used to talk about women – now listen to how you’re talking about him.‘

Während Kate durch einen Vorfall, in den River verwickelt war, an all die Dinge erinnert wurde, durch die Frauen vor dem Ausbruch des Virus herabgesetzt wurden und diese nun gegen Mason einsetzt, können River und ihre Freundin Plat die Situation ohne Altlasten einschätzen und die Doppelmoral von Kate durchschauen.

Wofür könnte dieses Buch eine Metapher sein? Zum einen, dass ein Teil der Weltbevölkerung in ihrem Denken weiter ist als andere Teile und dass diese Teile nicht vergessen werden dürfen. Ansonsten wird Kluft innerhalb gesellschaftlicher Strömungen immer tiefer. Zum anderen, dass die Zukunft nur eine Utopie werden kann, wenn die Geschlechter auf Augenhöhe interagieren und ihnen dieselben Rechte und Pflichten zugesprochen werden. Und zuletzt dafür, dass man sich immer fragen sollte, was Fortschritt und der eigene Wohlstand wert sind, wenn diese auf Kosten anderer erreicht werden.

Mein Fazit

Wie bei Beauty Queens von Libba Bray habe ich nicht mit einer so gut durchdachten Handlung gerechnet. Bitte keine Nachfragen warum dem so ist, denn ich kann es mir selbst nicht erklären. Natürlich ist das Buch nicht ohne Fehler, da ist zum einen die fehlende Auseinandersetzung mit Menschen, deren sexuelles Geschlecht nicht eindeutig zugeordnet werden kann oder mit abweichender Geschlechtsidentität. Außerdem erfährt man auch wenig über die gesellschaftlichen Strukturen, die außerhalb Rivers Dorf herrschen. Interessant gewesen wären zudem mehr Hintergründe zu den Quarantänestationen.
Doch das Buch bietet eine willkommene Abwechslung zu männlich dominierten Apokalypsen. Ich bin nun gespannt auf Naomi Aldermans Die Gabe. In dem Buch werden Frauen durch eine Fähigkeit plötzlich das mächtigere Geschlecht und auch hier ergeben sich weitreichende Veränderungen beim Zusammenleben der Geschlechter. Das Buch erscheint im März bei Heyne auf Deutsch.

Und wer mir erzählen möchte, dass River nicht in Plat verliebt ist: Fight me! (An dieser Stelle einen gerade aus dem Winterschlaf erwachten Grizzly vorstellen, der Hunger hat und dem ein anderer Grizzly den Weg zum Fluss mit den besten Lachsen versperrt.)

– Q

P.S.: Die Antwort auf die Frage Who runs the world? ist meiner Meinung nach übrigens: Das ist völlig egal, solange nicht alle Menschen die gleichen Rechte und Pflichten unabhängig jeglicher Persönlichkeitsmerkmale besitzen. Und dadurch erhält jeder dieselbe Chance sie mitzugestalten.

Bibliografische Angaben

Who runs the world? von Virginia Bergin
Pan Macmillan, erschienen 2017
352 Seiten
ISBN 978-1-509-83403-7
9,49 €

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Rezension: Boys Don’t Cry von Jack Urwin

Mentale Gesundheit vs. toxische Männlichkeit

„Fangt an zu reden, denn ich habe keinen Bock ein Buch über das Zeug zu schreiben.“, so endet der Vice-Artikel, auf dem Jack Urwins Buch basiert. Aber er ist nicht drum herum gekommen und der Originaltitel verrät auch, warum: Man Up. Surviving Modern Masculinity heißt das Sachbuch und beschäftigt sich mit den schädlichen Wirkungen von toxischer Männlichkeit für alle Beteiligten. Das Buch war meine schmerzhafteste Leseerfahrung seit Only Ever Yours von Louise O’Neill und das war bereits ein ordentlicher Schlag in die Magengrube.

Die Fakten

WARNUNG! Das Buch beschäftigt sich mit Themen wie Selbstmord, psychischen Erkrankungen und Rape Culture, wird dabei jedoch nicht grafisch. 

Ausgangspunkt für Jack Urwins Buch ist die Tatsache, dass die Selbstmordrate für Männer in Großbritannien (und auch in Deutschland) dreimal so hoch ist wie die von Frauen, während Frauen eher zu psychischen Erkrankungen neigen. Jeder kennt die Situation, in der ein Mann aus dem Umfeld krank ist und sich weigert zum Arzt zu gehen. Die Rate spiegelt nur das wieder, was gerne klischeehaft überspitzt wird: Männer reden nicht gerne über ihre Probleme, selbst dann nicht, wenn es ihnen wirklich übel geht.

Die Themen

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Bullshit, denn bei einer Studie, die Jack Urwin in seinem Buch erwähnt, bei der amerikanische Studenten gefragt wurden, ob sie eine Frau zum Beischlaf zwingen würden, wenn niemand je davon erfahren würde, antwortete ein Drittel der Befragten mit Ja. Als die Frage später umformuliert wurde und sie geradeheraus gefragt wurden, ob sie eine Frau vergewaltigen würden, wenn sie damit davon kommen würden, bestätigten nur noch/immer noch knapp 14 Prozent. Ein Teil der Befragten hatte folglich nicht mal Ahnung, was eine Vergewaltigung ist. Erschreckend und deshalb ist Schweigen Bullshit. Jack Urwin ruft dazu auf, die Schweigemauer zu brechen, denn jeder sollte wissen, wann Sex sicherer Sex ist.

Weitere wichtige Themen für ihn sind zum Beispiel Aggression und die Frage, warum manche Männer sind auf Biologie berufen, um Gewaltausbrüche zu legitimieren und der Körperkult, der nicht nur Frauen in ein gestörtes Körpergefühl treibt.

Mein Fazit

Es tut weh, aber lest das Buch! Es gab einige Stellen, an denen ich zum Taschentuch greifen musste und das nicht ohne Grund, denn die Gesellschaft stellt nicht nur absurde Anforderungen an Frauen, sondern auch an Männer. Um es mit High School Musical zu sagen: We all in this together, also müssen wir zusammenarbeiten, um den Hamsterkäfig lebenswerter zu machen.
Jack Urwin schreibt pointiert und schonungslos. Es fällt leicht, seinen Ausführungen zu folgen, sodass das Buch bei mir ein echter Pageturner war, den ich innerhalb eines Tages verschlungen habe. Er nimmt sich Zeit, am Anfang in die Thematik einzuführen, beschreibt zum Beispiel den Unterschied zwischen Geschlecht, Gender und Sexualität und geht auf Unterschiede zwischen Cis-Männern und LGBTQIA-Menschen ein. Interessant sind außerdem seine Rückgriffe auf passende Studien – siehe oben – sowie die Schilderung von Einzelschicksalen. So erzählt er von Erfahrungen von Soldaten, darunter auch die von Christina Bentley, die sich als erste Polizistin der Royal Air Force als Transgender outete und wie ihre Armeezeit den Wandel beeinflusste.

Also: An alle Feminist*innen, da draußen und alle, die das Leben ihrer Mitmenschen lebenswerter und glücklicher machen wollen: Lest das Buch!

– Q

P. S.: Wer eine Kostprobe von dem Buch möchte, dem empfehle ich in das Gespräch (und die Lesung) des Literaturhaus Zürichs mit Jack Urwin hinein zuhören. Ab 02:40 startet die Veranstaltung.

P. P. S.: Boys will be boys ist auch so ein dummer Spruch. Ein Arschlochkind ist halt einfach ein Arschlochkind.

Bibliografische Daten

Boys don’t cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit von Jack Urwin
Edition Nautilus, erschienen 2017
232 Seiten
ISBN 978-3-960-54042-7
16,90 €

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Kleiner Plausch gefällig? #1

Aufgrund einer Leseflaute ist mir heute nach Sinnieren. Natürlich über das Lesen.

Kann man von Gewohnheiten sprechen, wenn sich die meinen je nach Lebenslage und Arbeitspensum ändern? Hier mein Versuch darüber nachzudenken:

Interessengebiete

Urban Fantasy wird vermutlich auf ewig mein Wohlfühlgenre sein. Emily Laing ist und bleibt die Figur, die mich darin bestärkt, dass ich auf eine ganz fabulöse Weise anders bin. Jeder Leser hat vermutlich das eine Buch, die eine Reihe oder den Autor, das/die/der als sicherer Hafen auf turbulenter See dient. Aber seit einiger Zeit ziehen immer mehr Titel in meinem Bücherregal ein, die außerhalb meiner Komfortzone* liegen. Science Fiction und Feminismus sind dabei die zwei Genre, denen ich mich seit cirka einem Jahr immer öfter zuwende, was sie schon wieder Teil der Zone machen könnte. Allerdings bin ich in den Themenbereich noch nicht „angekommen“, kenne noch nicht alle Theorien und Fakten (im Falle des Feminismus) und alle Tropes und Eigenarten (was die Science Fiction betrifft). Ein Genre, vom dem ich mich nahezu vollständig verabschiedet habe, ist Contemporary Young Adult. Die Titel sind auf die Dauer einfach nicht nahrhaft genug für mich.

* Ich nutze das Wort hierbei, um einen Bereich abzugrenzen, auf dem ich mich alltäglich bewege und nicht um einen Versuch zu beschreiben, in Themengebiete vorzustoßen, die mich nicht interessieren oder mir Unbehagen bereiten.

Quantitatives Lesevolumen

Im Vergleich zur Allgemeinheit mag ich als Vielleserin gelten. Im Sinne eines Buchbloggers, egal wie professionell oder amateurhaft, lese ich vergleichsweise wenige Bücher. Zum einen mag dies an meinem Faible für Fanfictions liegen, denn in dem Bereich sorgt mein Lesevolumen seit Jahren für Besorgnis bei meiner parentalen Generation. Andererseits bin ich unglaublich wählerisch, was meine Lektüre angeht. Bevor ich ein Buch kaufe, checke ich Rezensionen auf Goodreads oder suche nach Bloggern, die bereits ihren Eindruck dazu geschildert haben. Des weiteren stecke ich mitten in meiner Bachelorarbeit, was dazu führt, dass ich mich nicht traue, mir einen Tag Zeit zu nehmen, um Bücher durchzulesen und gerade dieses Bingen bereitet mir besondere Freude.

Qualitative Auseinandersetzung

Im Onlinemagazin JETZT erschien Anfang Mai ein Artikel, der sich mit dem Mangel an weiblichen Autoren im literarischen Schul- und Universitätskanon auseinandersetzt (Hier zum Nachlesen zu finden). Die Autorin hat daraufhin ihre eigenen Lesegewohnheiten beobachtet und festgestellt, dass sie selbst immer öfter zu Titeln von Autorinnen greift. Beim Lesen dieses Artikels habe ich großkotzig gedacht, dass ich eindeutig mehr weibliche Autoren lese als männliche, aber die Analyse meiner Bücherschränke zeigte mir, dass ich deutlich falsch lag. Das Gesamtwerk von Christoph Marzi (24 Titel), Bücher von Tolkien, Patrick Rothfuss und Tad Williams sowie alle Bände von Orson Scott Cards Ender-Reihe sorgen dafür, dass in meiner Sammlung 133 Titel aus männlicher Feder stammen. Weibliche Autoren sind hingegen mit lediglich 20 Büchern mehr vertreten. Asche auf mein Haupt, Hochmut kommt vor dem Fall, knapp daneben ist auch vorbei. Von der fehlenden kulturellen Diversität möchte ich gar nicht anfangen. Auf meiner Leseliste landen bereits seit einiger Zeit nur noch Bücher, die sich Underdogs widmen. Und Feminismus. Und Lesben im All. Das gute Zeug halt.



Der versöhnliche Schluss

Lesen will gelernt sein, gerade wenn man den Anspruch erhebt, nicht immer nur den gleichen Einheitsbrei zu lesen und sich mit Themen zu beschäftigen, mit denen man im Alltag nicht konfrontiert wird. Meine Leseliste verspricht einen soliden Sprung über den Tellerrand und mit diesem Gedanken motiviere ich mich in den kommenden Bachelor-dominierten Wochen.

– Q

P. S.: Absolut sehens- und lesenswert ist Autorin Marie Brennans Versuch, in einem viktorianischen Kleid Karate zu praktizieren. Den Bericht dazu ist nachzulesen auf Tor.com und beinhaltet ihre genaue Analyse, wie die einzelnen Stolpersteine des Kleides ihre Form beeinflussten.

Hier das Video, das auch auf dem Youtube-Kanal von Tor.com zu finden ist:

Webcontent #1

Über Monstermädchen, die nicht weinen und mordende Llamas

Zwei Texte wirbelten gestern an die Oberfläche des Internets und haben mich berührt, aufgerüttelt und aufhorchen lassen.

Monstermädchen, die nicht weinen

Die diesjährigen Hugo Awards haben mich zum Uncanny Magazine geführt, einer halbprofessionellen Zeitschrift für Science Fiction und Fantasy. Aller zwei Monate gibt die Redaktion eine Ausgabe vollgestopft mit Kurzgeschichten, Gedichten, Essays, Kunst und Interviews heraus.
Die Kurzgeschichte, die mir sofort ins Auge stach, trägt den Namen Monster Girls Don’t Cry. Sie besticht durch einen sehr ruhigen und bildhaften Stil und erzählt von zwei Schwestern, die Monster sind, weil ihre Mutter bereits ein Monster war. Die eine versteckt ihre Andersartigkeit nicht, darf deswegen aber nicht das alte Haus verlassen, in dem die Schwestern mit ihrer Mutter wohnen. Die andere feilt sich ihre Hörner ab und versteckt ihre winzigen Flügel. Dann stirbt ihre Mutter oder vielmehr: Ihre Mutter wird von Monsterjägern umgebracht und die beiden Mädchen leben alleine. Während die eine glücklich ist hinter den Mauern des alten Hauses, studiert die andere und trifft sich mit Männern. Doch wie ihre Mutter bereits prophezeit hat: Männer sind nicht gut für Monstermädchen…
A. Merc Rustad beschreibt zwei grundverschiedene Ansätze zu dem Versuch, glücklich zu werden.
Die Kurzgeschichte enthält kurze Passagen mit Beschreibungen sexueller Gewalt, also bitte die Finger davon lassen, falls das triggert. Ansonsten ist die Kurzgeschichte auf der Webseite des Magazines zu finden.

Mordende Llamas

Autorin Kameron Hurley befasst sich in dem Essay We have always fought: Challenging the ‚Women, Cattle and Slave‘ narrative mit dem Problem der einen Geschichte.
Wir kennen das alle aus dem Geschichtsunterricht: Auf fünf wichtige Zeitgenossen des männlichen Geschlechts kommt eine weibliche. Die Geschichte von Frauen, die die Welt veränderten, fallen gerne und häufig unter den Tisch. Am 12. November 1918 wurde dem weiblichen Geschlecht in Deutschland das Wahlrecht zugesprochen. Damit fallen jahrhundertelanges Bemühen und Ringen um eine der wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen unter den Tisch.
Aber zurück zu den Llamas und der einen Geschichte: Kameron Hurley beginnt ihren Essay mit der Schilderung über eine besonders aggressive Sorte dieser Tiere, die das Bewusstsein für all die anderen Exemplare, die einfach nur flauschig sind und Gräser fressen wollen, vertreibt. Zurück bleibt die eine Geschichte und auch in unserer realen Geschichtserzählung passiert diese Verdrängung. Frauen, die Revolutionen neben ihren männlichen Mitstreitenden bestritten haben, werden übergangen. Und auch die Literatur ist davor nicht gefeit. Häufig werden Frauen durch traumatische Erlebnisse motiviert, große Dinge zu vollbringen. Männer können Abenteuer bestreiten, einfach, weil sie sich dazu berufen fühlen.
Doch wir können diese eine Geschichte bekämpfen, indem wir uns an die anderen Llamas erinnern, die wir schon fast vedrängt haben, die niedlichen, die mürrischen, die mit den merkwürdig anmutenden Angewohnheiten und auch die, die einfach nur ein anderes fell tragen.
Der Essay, der später noch einmal in dem Buch The Geek Feminist Revolution (BUY LOCAL!) veröffentlich wurde, ist auf A Dribble of Ink zu finden.

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