Rezension: Boys Don’t Cry von Jack Urwin

Mentale Gesundheit vs. toxische Männlichkeit

„Fangt an zu reden, denn ich habe keinen Bock ein Buch über das Zeug zu schreiben.“, so endet der Vice-Artikel, auf dem Jack Urwins Buch basiert. Aber er ist nicht drum herum gekommen und der Originaltitel verrät auch, warum: Man Up. Surviving Modern Masculinity heißt das Sachbuch und beschäftigt sich mit den schädlichen Wirkungen von toxischer Männlichkeit für alle Beteiligten. Das Buch war meine schmerzhafteste Leseerfahrung seit Only Ever Yours von Louise O’Neill und das war bereits ein ordentlicher Schlag in die Magengrube.

Die Fakten

WARNUNG! Das Buch beschäftigt sich mit Themen wie Selbstmord, psychischen Erkrankungen und Rape Culture, wird dabei jedoch nicht grafisch. 

Ausgangspunkt für Jack Urwins Buch ist die Tatsache, dass die Selbstmordrate für Männer in Großbritannien (und auch in Deutschland) dreimal so hoch ist wie die von Frauen, während Frauen eher zu psychischen Erkrankungen neigen. Jeder kennt die Situation, in der ein Mann aus dem Umfeld krank ist und sich weigert zum Arzt zu gehen. Die Rate spiegelt nur das wieder, was gerne klischeehaft überspitzt wird: Männer reden nicht gerne über ihre Probleme, selbst dann nicht, wenn es ihnen wirklich übel geht.

Die Themen

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Bullshit, denn bei einer Studie, die Jack Urwin in seinem Buch erwähnt, bei der amerikanische Studenten gefragt wurden, ob sie eine Frau zum Beischlaf zwingen würden, wenn niemand je davon erfahren würde, antwortete ein Drittel der Befragten mit Ja. Als die Frage später umformuliert wurde und sie geradeheraus gefragt wurden, ob sie eine Frau vergewaltigen würden, wenn sie damit davon kommen würden, bestätigten nur noch/immer noch knapp 14 Prozent. Ein Teil der Befragten hatte folglich nicht mal Ahnung, was eine Vergewaltigung ist. Erschreckend und deshalb ist Schweigen Bullshit. Jack Urwin ruft dazu auf, die Schweigemauer zu brechen, denn jeder sollte wissen, wann Sex sicherer Sex ist.

Weitere wichtige Themen für ihn sind zum Beispiel Aggression und die Frage, warum manche Männer sind auf Biologie berufen, um Gewaltausbrüche zu legitimieren und der Körperkult, der nicht nur Frauen in ein gestörtes Körpergefühl treibt.

Mein Fazit

Es tut weh, aber lest das Buch! Es gab einige Stellen, an denen ich zum Taschentuch greifen musste und das nicht ohne Grund, denn die Gesellschaft stellt nicht nur absurde Anforderungen an Frauen, sondern auch an Männer. Um es mit High School Musical zu sagen: We all in this together, also müssen wir zusammenarbeiten, um den Hamsterkäfig lebenswerter zu machen.
Jack Urwin schreibt pointiert und schonungslos. Es fällt leicht, seinen Ausführungen zu folgen, sodass das Buch bei mir ein echter Pageturner war, den ich innerhalb eines Tages verschlungen habe. Er nimmt sich Zeit, am Anfang in die Thematik einzuführen, beschreibt zum Beispiel den Unterschied zwischen Geschlecht, Gender und Sexualität und geht auf Unterschiede zwischen Cis-Männern und LGBTQIA-Menschen ein. Interessant sind außerdem seine Rückgriffe auf passende Studien – siehe oben – sowie die Schilderung von Einzelschicksalen. So erzählt er von Erfahrungen von Soldaten, darunter auch die von Christina Bentley, die sich als erste Polizistin der Royal Air Force als Transgender outete und wie ihre Armeezeit den Wandel beeinflusste.

Also: An alle Feminist*innen, da draußen und alle, die das Leben ihrer Mitmenschen lebenswerter und glücklicher machen wollen: Lest das Buch!

– Q

P. S.: Wer eine Kostprobe von dem Buch möchte, dem empfehle ich in das Gespräch (und die Lesung) des Literaturhaus Zürichs mit Jack Urwin hinein zuhören. Ab 02:40 startet die Veranstaltung.

P. P. S.: Boys will be boys ist auch so ein dummer Spruch. Ein Arschlochkind ist halt einfach ein Arschlochkind.

Bibliografische Daten

Boys don’t cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit von Jack Urwin
Edition Nautilus, erschienen 2017
232 Seiten
ISBN 978-3-960-54042-7
16,90 €

BUY LOCAL!

Kleiner Plausch gefällig? #4

Über Chicklit, Magie in Essex und fragwürdige E-Book-Preise

Ich habe gesündigt. Ab in die Hölle mit mir! Teeren, federn und an den Pranger! Aber ich bin ehrlich, Selbstbeherrschung war noch nie eine Stärke, die ich mir zugeschrieben habe. Also: Ich habe aus Spaß gelesen. (An dieser Stelle bitte ein kopfschüttelndes Studiopublikum vorstellen, gekleidet in Sonntagsroben.)

Jede Menge Funken

Schuld ist eigentlich die Autorin Gail Carriger, die in ihrem Newsletter die Schmonzette Fast Connection angepriesen hat. Von dem Buch hatte ich bereits auf einer buchaffinen Seite gelesen, als ich auf der Suche nach homoerotischer Literatur war. Es gehört zu der vierteiligen Reihe Cyberlove und war bei Amazon gerade im Angebot, also habe ich zugeschlagen.
Fast Connection handelt von zwei Männern, die an unterschiedlichen Phasen ihres Lebens sind und sich über Grindr kennenlernen. Wer die App kennt, kann sich vermutlich die Art der Beziehung vorstellen, die die beiden zu Beginn führen und doch entwickeln sich von Hookup zu Hookup Gefühle und beide Protagonisten müssen entscheiden, ob sie sich der Herausforderung einer ernsthaften Beziehung stellen wollen.
Empfehlen kann ich das Buch Lesern, die auf E-Books mit der Beschreibung „standalone, full-length romance novel with no cliffhanger“ stehen. Übersetzt heißt das, es ist wenig anspruchsvoll, aber für den Moment sehr unterhaltsam. Außerdem geht es um zwei heiße Typen. Was will man mehr?

„Fast Connection“ von Megan Erickson & Santino Hassell

Magie liegt in der Luft

Buch Nummer zwei ging dann in eine vollkommen andere Richtung. Von Strange Magic habe ich bereits auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse gelesen und war vom Cover und dem Klappentext so begeistert, dass es gleich auf meiner Wunschliste gelandet ist.
Das Buch handelt von Rosie Strange, die das Essex Witch Museum erbt. Leider interessiert sie sich so gar nicht für Magie, weswegen sie ihr Erbe nur besucht, um es für eine Veräußerung vorzubereiten. Dort angekommen, werden sie und ihr mal mehr, aber eher weniger sympatischer Kurator in die Suche nach dem Skelett einer berüchtigen Hexe verwickelt, an der das Leben eines Kindes und eine großzügige Belohnung hängt. Und so stürzen sich die beiden in eine Jagd, die bei Rosie die Frage aufwirft, ob Magie nicht doch lebendiger ist, als sie es ahnte.
Strange Magic lebt von einer quirligen und selbstbewussten Protagonistin, die weiß, was sie auf dem Kasten hat und sich ohne Wenn und Aber an Herausforderungen misst. Außerdem lernt der Leser nicht nur viel über die Geschichte der Hexenverfolgung, sondern auch ihre Signifikanz für die heutige Zeit.
Im Herbst erfahre ich dann, was als nächstes auf Rosie und Kurator Sam Stone zukommt, denn das Buch bildet den Auftakt für die Trilogie Essex Witch Museum Mystery. 

„Strange Magic“ von Syd Moore

Was Fragen aufwirft

Man könnte meinen, ich hätte die beiden Bewertungen auch einfach ausbauen und in zwei einzelne Beiträge zerteilen können, aber abgesehen von meiner Begeisterung gibt es noch mehr über die beiden Titel zu sagen. Lasst mich über was ganz unerotisches reden: E-Book-Preise!
Jetzt könnte man stöhnen und sagen, das Thema hatten wir doch schon x-mal, aber ich finde es immernoch interessant, also watch me! Fast Connection kostet 4,45€, wie auch alle anderen Titel der Reihe. Für den Preis hätte ich das Buch nicht gekauft, im Angebot betrug der Preis gerade einmal 0,99€. Das gebe ich ganz offen zu, denn es ist nur ein Spaß für zwischendurch und deswegen ist meine Zahlungsbereitschaft entsprechend im Keller. Das klingt fies, denn das Buch hat immerhin 247 Seiten, aber literarisch und inhaltlich ist es einfach kein großer Wurf.
Strange Magic ist ein Titel, der einiges an Recherche erfordert und eine Reihe von Fragen aufwirft. Trotzdem kostet das E-Book beim Händler meines Vertrauens gerade einmal 1,66€. Der zweite Teil Strange Sight lässt sich für 7,49€ vorbestellen. An diesen Titeln merkt man, dass der Verlag versucht, strategisch mit dem ersten Band anzufüttern, um die Reihe attraktiver zu machen. Es stellt sich aber die Frage, ob sie sich damit nicht schaden, denn meine Zahlungsbereitschaft haben sie damit bereits beschädigt. Da ich weiß, dass der dritte Teil vermutlich weitere fünf Monate nach dem zweiten erscheinen wird, werde ich vermutlich abwarten, ob auch der zweite Teil erneut im Preis sinkt. Kann das gewünscht sein?

Auf Basis von was?

Für das Festlegen von E-Book-Preisen fehlt aktuell ein einheitliches System unterhalb den Verlagen. Anders als bei gedruckten Büchern lassen sich die Preise nicht anhand der Kosten einer festgelegten Auflage bestimmen, denn E-Books müssen nur einmal produziert werden und können dann ohne einen großen Mehraufwand immer und immer wieder verkauft werden. Deshalb ist es schwer, zu sagen, was ein E-Book kosten soll.
Preise, die jenseits von gut und böse sind, helfen dabei aber auch nicht, langfristig eine gesunde Zahlungsbereitschaft bei uns Lesern zu etablieren. Wenn ich vermuten kann, dass ein Preis innerhalb des kommenden Jahres fällt und es sich nicht um ein brandaktuelles Thema handelt, dann kann ich auf ein Buch warten. Die meisten Leser haben aus allen Nähten platzende Wunschlisten.

– Q

P. S. Für alle, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch Magie mit funkelnden Seifenblasen, gefunden auf dem Youtube-Kanal Kuma Films:

Bibliografische Angaben

Fast Connection von Megan Erickson und Santino Hassell
Megtino Press, erschienen Juli 2016
247 Seiten
ISBN 978-1-536-80353-2 (Printausgabe)
4,45€ (E-Book)
Kindle-Version

Strange Magic von Syd Moore
Oneworld Publications, erschienen Mai 2017
288 Seiten
ISBN-epub: 978-1-786-07099-9
1,99€
BUY LOCAL!
Kindle-Version