Worauf ich mich in 2018 freue!

Wenn ich mich denn mal aus meinem selbst auferlegten Buchkaufbann erlöse…

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Das neue Jahr naht und damit auch viele spannende Neuveröffentlichungen. Ich habe noch nicht Vorschauen für 2018 gesichtet, werde es mir vermutlich sparen, da meine Leseliste eh dauerhaft im Wandel ist. Außerdem gehe ich viel lieber in Buchhandlungen und lasse mich überraschen, was die Einkäufer so als relevant erachten. Einige Titel haben es nichtsdestotrotz bereits auf meine Leseliste geschafft.

Murakami geht bekanntlich immer

Gerade war mir aufgefallen, dass mal wieder Bücher von japanischen Autoren fällig sind, da erfahre ich von den neuen Romanen von Haruki Murakami. Perfektes Timing! Fast 1.000 Seiten haben die beiden Titel zusammen und ich bin gespannt, ob mich das neue Werk ähnlich fesseln wird wie 1Q84.
Die Handlung wird sich um einen jungen Maler drehen, der in eine Schaffenskrise verfällt, als er einen reichen Auftraggeber portraitieren soll. Dann findet er ein Bild mit Titel „Die Ermordung des Commendatore“ und ist wie besessen von dem meisterhaften Werk. Merkwürdige Geschehnisse um den Ich-Erzähler bringen ihn dazu, sich an seinen Auftraggeber zu wenden. Als er dies tut, muss er feststellen, dass der Herr einen ungeahnten Einfluss auf sein Leben ausübt.
Band 1: Eine Idee erscheint am 22. Januar 2018 bei Dumont, Band 2: Eine Metapher wandelt sich folgt am 16. April 2018.

Cover von Mitternacht von Christoph Marzi

Neue Phantastik von Christoph Marzi

Bekanntlich liebe ich Christoph Marzis Bücher über alles. Doch ich gebe ehrlich zu, dass mir seine nicht-phantastischen Titel, was die Handlung betrifft, oft zu ähnlich und zu liebeslastig sind (Tief in meinem Inneren bin ich der Grinch.). Deshalb freue ich mich besonders, dass nun endlich Mitternacht erscheint, der Erscheinungstermin war nach hinten verlegt worden.
Auch in seinem neusten Roman spielt Marzi mit dem Übergang zwischen zwei Welten und lässt seinen Helden in die Welt der Geister stolpern. Unterstützt von einem reisenden Geist und einem Findelgeistmädchen (Ja, es stiehlt das Herz des Helden, damit muss ich jetzt einfach klarkommen.) führt der Weg des Jungen zu einem Ort, der den Namen Mitternacht trägt und an dem Hoffnung geboren wird und Träume sterben.
Mitternacht erscheint am 1. März 2018 bei Piper und ich werde bereit sein für das Abenteuer!

Cover von Die Gabe von Naomi Alderman

Die Preisträgerin des Baileys Women’s Prize for Fiction 2017

Dank der Auszeichnung mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction hat Naomi Alderman für ihrem Roman Die Gabe 2017 bereits viel Aufmerksamkeit erhalten. 2018 erscheint der Titel endlich in Deutschland und ich bin gespannt, wie der Titel beim deutschen Publikum ankommt.
In Die Gabe erhalten Frauen plötzlich die Fähigkeit, mit ihren Händen Stromschläge auszusenden, was die Vorstellung, welches Geschlecht das stärkere ist, völlig auf den Kopf stellt. Betroffen ist nicht nur die Elite der Gesellschaft, sondern auch die, deren Stimmen sonst nur allzu einfach überhört werden.
Die Gabe erscheint am 12. März 2018 bei Heyne.

Cover von Autonom von Annalee Newitz

Arbeiten bis in den Tod

Autonom ist ein typischer Fall von „Oh, das Cover sieht aber interessant aus!“. Dass William Gibson den Titel lobt, schadet allerdings auch nicht. Wobei ich vermutlich noch einmal darüber nachdenken werde, ob ich mir wirklich zur deutschsprachige Ausgabe greife. Leider überzeugt mich die Qualität der Taschenbücher von Fischer Tor nicht so richtig. Das für den Buchdeckel verwendete Papier habe ich als preiswert empfunden. Aber zurück zum Buch!
Eine neue Droge sorgt dafür, dass Menschen solange arbeiten, bis ihr Körper versagt. Jack ist eine Patentpiratin, sie kopiert Präparate und verkauft sie auf dem Schwarzmarkt. Als die tödliche Nebenwirkung der neuen Droge bekannt wird, kommen Jacks Kopien in den Verdacht. Doch sie ist sich sicher, dass die Pharmakonzerne selbst die Übeltäter sind und macht sich zusammen mit Freunden auf die Ursachensuche. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, denn die Pharmakonzerne haben sich bereits an die Fersen von Jack geheftet und sie als Terroristin verleumdet.
Autonom erscheint am 24. Mai 2018 bei Fischer Tor und ich freue mich auf eine atemlose Verfolgungsjagd.

Cover von Almost Love von Louise O'Neill

Ein feministisches Eisbad

Von Louise O’Neill habe ich in diesem Jahr bereits Only ever yours gelesen und nicht rezensiert, weil ich eine furchtbare, furchtbare Bloggerin bin. Empfehlen kann ich das Buch jedoch über alle Maßen. Es ist kein angenehmes Buch, aber eins das wichtig ist und lange nach der letzten Seite immer wieder zum Nachdenken anregt. Ebenfalls für 2018 vorgenommen habe ich mir Asking for it, das vermutlich wieder schockieren und eine unbezahlbare Lektion sein wird.
In Almost Love verliebt sich Sarah in einen Mann namens Matthew. Er ist zwanzig Jahre älter als sie und ihre Freunde und Familie sind schockiert, aber all das ist Sarah egal, denn Matthew bedeutet ihr alles. Selbst als sie kurz davor steht ihre Arbeit zu verlieren, ist alles, woran sie denken kann, Matthew. Ihre Liebe ist nicht ohne Schmerz, aber so soll Liebe doch anfühlen?
Almost Love wird von riverrun am 1. März 2018 veröffentlicht und ich bin so gespannt, auf den Abgrund, in den Louise O’Neill mich in diesem Buch entführen wird.

Cover von American Panda von Gloria Chao

Der Fluch der elterlichen Erwartungen

Zwischen hartem Science-Fiction und ernsthaften Romanen werde ich auch in 2018 immer wieder mal einen fluffig-leichten YA-Roman einschieben. Darunter fällt auch American Panda von Gloria Chao, auf das ich dank einer animierten Version des Covers auf Twitter aufmerksam geworden bin. Manchmal bin ich echt so cheap…
Mei ist endlich am Ziel der Träume (ihrer Eltern) angekommen, dem Medizinprogramm des MIT und das mit nur 17 Jahren. Dumm nur, dass der Masterplan ihrer Eltern nicht berücksichtigt, dass Mei Keime und Bakterien hasst und der Junge ihrer Träume nicht der gewünschte taiwanesische Schwiegersohn ist, sondern ihr japanischer Kommilitone. Ihr Bruder wurde aus der Familie verstoßen, als er eine aus elterlicher Sicht falsche Partnerin gewählt hatte. Als Mei ihn wieder trifft, muss sie abwägen, was ihr die gesponnenen Lügen wert sind und ob sie sich aus dem Netz befreien kann, um sie selbst zu sein.
American Panda erscheint am 6. Februar 2018 bei Simon Pulse.

Cover von From Twinkle, with Love von Sandhya Menon

Der Wunsch gehört zu werden

When Dimple met Rishi habe ich dieses Jahr eigentlich nur gekauft, weil es gerade bei Kindle im Angebot war. Es hat mich dann aber so mitgerissen, dass ich auch das neue Buch von Sandhya Menon lesen werde.
In From Twinkle, With Love geht es erneut um einen Contest. Dieses Mal möchte die aufstrebende Regisseurin Twinkle einen Film beim Summer Festival einreichen, sodass ihre Stimme endlich gehört wird. Auf das Festival aufmerksam macht sie Sahil, ebenfalls ein Filmbegeisterter. Neben der Chance endlich einen ihrer eigenen Filme auf einer großen Leinwand zu sehen, lockt die Möglichkeit ihrem langjährigen Crush Neil, Sahils Zwilling, näher zu kommen. Als ein unbekannter Absender beginnt, Twinkle Emails zu schreiben, ist sie sich sicher, dass Neil dahinter steckt. Wer sonst könnte sich hinter „N“ verbergen? Und dann sind da auch noch die Gefühle, die sie langsam für Sahil entwickelt.
From Twinkle, With Love erscheint am 22. Mai 2018 bei Simon Pulse.

Comics in 2018

Die Kategorie, in der ich für 2018 am planlosesten bin, sind die Comics und Graphic Novels. Fest steht momentan nur ein Titel, aber der muss unbedingt. Moonstruck erscheint bei Image Comics und sieht goddamn adorable aus. Wenn das kein Kaufgrund ist, dann möchte ich darauf hinweisen, dass die Geschichte von der Lumberjanes-Autorin Grace Ellis geschrieben wurde. Eine weitere Reihe, die ich noch lesen möchte…

Cover der Howls Moving Castle Trilogy von Diana Wynne Jones

Eine Reise in eine wohlbekannte, zauberhafte Welt

Die World of Howl-Trilogie von Diana Wynne Jones ist zwar keine Neuerscheinung, aber fest für meinen Kanon des nächsten Jahres eingeplant. Ich möchte unbedingt wissen, was nach Das wandelnde Schloss passiert und erneut in die zauberhafte Welt eintauchen, die die Autorin geschaffen hat. Außerdem interessiert mich, wie stark Buch und Film voneinander abweichen. Welchen besseren Anlass kann man für einen Hayao Miyazaki-Filmeabend haben?

Drückt mir die Daumen, dass mir nicht doch noch eine Vorschau in die Hände fällt. Aktuell gefällt mir der Plan, so wie er ist.

– Q

Rezension: The Good Immigrant – herausgegeben von Nikesh Shukla

Starke Geschichten über Anerkennung, das Sich-fremd-fühlen in der Heimat und die Zugehörigkeit zu einer Minderheit

Jedes Jahr erscheinen x Bücher über Selbstoptimierung, aber eins der wichtigsten Bücher, welches aus den Leben von Mitgliedern von ethnischen Minderheiten in Großbritannien berichtet und bereits 2016 erschienen ist, wurde bis jetzt nicht übersetzt? Manchmal verstehe ich die Buchbranche nicht so richtig. Gatekeeper? Na offensichtlich an der falschen Stelle.

Der Inhalt

The Good Immigrant umfasst 21 Essays von Autorinnen und Autoren, die aufgrund ihrer Herkunft als Mitglieder von ethnischen Minderheiten gelten. Während diese in den USA als People of Color bezeichnet werden, hat sich in Großbritannien der Begriff BAME (Black, Asian and Minority Ethnic) durchgesetzt. Oder sagen wir nicht durchgesetzt, denn so wie das in anderen Lebensbereichen mit den Schubladen ist, bevorzugt auch hier jede Person eine andere Bezeichnung. So handelt es sich bei den Essays nicht nur aufgrund der Vielfalt der Migrationshintergründe, sondern aufgrund der Persönlichkeiten der Autorinnen und Autoren um 21 sehr persönliche und sehr unterschiedliche Erfahrungsberichte.
Was allerdings übereinstimmend ist: Die Ignoranz der weißen Mehrheit, sich in die Lage der als anders eingestuften Personen hineinzuversetzen oder diese gar als gleichwertig anzusehen. Und so erzählen einige Essays von dem Aufwand, welcher für die Person nötig ist, um Meilensteine zu erreichen, die weißen Personen einfach zu fliegen. Deshalb ist es besonders schön zu lesen, wie berauschend es für die Autorin oder den Autor gewesen ist, wenn sie oder er endlich in die Position gekommen ist, sich von diesen Zwängen zu befreien. Was leider viel zu selten vorkommt.
Die Autorinnen und Autoren kommen aus unterschiedlichen beruflichen Feldern, darunter dem Verlagsbereich, Film und Fernsehen, Comedy und Lehramt.

Das Leseerlebnis

Über Erfahrungen mit Rassismus habe ich bisher noch wenig gelesen. The Hate You Give von Angie Thomas steht noch ungelesen in meinem Schrank. Was echt nicht in Ordnung ist, denn durch The Good Immigrant habe ich bemerkt, wie wenig mir bewusst ist, wie stark Rassismus das Leben von ethnischen Minderheiten in Großbritannien beeinflusst. Natürlich wusste ich von dem Anstieg an rassistischen Übergriffen seit der Entscheidung über Brexit, aber bei meinen Reisen nach London wirkte die Stadt bunt, sodass ich nicht geahnt habe, wie stark das alltäglichen Leben der Betreffenden beeinflusst wird.
Why I’m No Longer Talking to White People About Race von Reni Eddo-Lodge hat mir bereits vor The Good Immigrant einen ersten Eindruck über Großbritanniens Rassismus und Klassensystem gegeben. Durch die Essays wird bewusst, wie einzelne Personen auf unterschiedliche, aber doch ähnliche Weise daran gehindert werden, ein rundum glückliches Leben zu führen.

Das Fazit

Kann das Buch bitte ein deutscher Verlag übersetzen und umfangreich bewerben? The Good Immigrant ist ein Beispiel dafür, welche Vielfalt an Einflüssen und Denkweisen eine Gesellschaft verliert, die darauf besteht, nur aus Weißbroten zu bestehen und in weiß zu denken. Außerdem zeigt der Titel, dass es eben nicht die eine Immigrantin oder den einen Immigranten gibt, sondern, dass sich hinter dem Wort aberhunderte Schicksale und Persönlichkeiten verbergen, die ein Recht auf ein gleichberechtigtes Leben haben.

Prädikat: Besonders wertvoll und ein Must-have für jedem Lesekanon!

– Q

Bibliographische Angaben

The Good Immigrant – herausgegeben von Nikesh Shukla
Unbound, erschienen 2016
272 Seiten
ISBN 978-1-783-52295-8
10,99 €

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Rezension: Who runs the world? von Virginia Bergin

Die Frage ist nicht, wer am Hebel sitzt.

Glücklicherweise habe ich mich erst nach der Hälfte des Buches gefragt, ob von Who runs the world? weitere Teile erscheinen. Die Rezensionen auf Goodreads hätten mich sonst womöglich davon abgehalten, das Buch überhaupt in die Hand zu nehmen. Und was wäre mir da für ein bissiges Werk entgangen!

Der Plot

60 Jahre sind vergangen seit ein Virus fast die gesamte männliche Weltbevölkerung ausgelöscht hat und so versteht River zuerst gar nicht, welche Sensation ihr auf ihrem Weg zurück ins Dorf begegnet. Das Wesen, der Mann, der Junge wie sie später feststellt, ist mehr tot als lebendig und sein Verhalten verängstigt River, ein Gefühl, das sie gegenüber einem Menschen bisher noch nie empfunden hatte. Sie will ihn vom seinem Leid erlösen – das verlangt der Anstand -, kann sich aber nicht dazu durchringen und übergibt ihn zurück im Dorf in die Obhut der Großmutter. Als diese erfährt, dass der Junge bereits mehr als einen Tag im Freien umhergeirrt ist, gerät sie in Aufregung, denn noch nie hat ein Mensch mit XY-Chromosomen dem Virus, der noch immer wütet, standhalten können.

River ahnt noch nicht, dass ihre Welt aus den Angeln gehoben und umgekehrt wird. Denn der Junge, Mason, sorgt dafür, dass die Frage aufkommt, ob die Gesellschaft, in der River lebt, so friedliebend und fair ist, wie zuvor angenommen. Wie sich herausstellt, leben die Personen, die mit einem XY-Chromosom geboren wurden, kein so behütetes Leben, wie es das nationale Konzil behauptet.

Die Intension der Autorin

In einem Nachwort erklärt Virginia Bergin, dass sie das literarische Konzept der Männer als Unterdrücker und der Frauen als Unterdrückte nicht einfach umkehren wollte. Bei der Entwicklung des Buches bemerkte sie, dass sie gar nicht wusste, was das soziale weibliche Geschlecht ausmachte. Umso mehr sie darüber nachdachte, desto mehr wollte sie wissen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der Vorstellungen über das soziale Geschlecht unser Denken nicht beeinflusst.

In Who runs the world? werden die Frauen überwiegend in drei Gruppen geteilt: Die Großmütter haben den Ausbruch des Virus erlebt und dafür gesorgt, dass die Männer, die überlebt haben, in Quarantänestationen sicher untergebracht werden. Dann sind da die Mütter, welche bereits in einer Welt aufgewachsen sind, in der Männer keine Rolle im täglichen Leben gespielt haben. Sie legten die sieben globalen Vereinbarungen fest, welche das Miteinander der Menschen regeln und strukturierten die Welt damit für nachkommende Generationen. Zu denen gehört auch River, eines der Kinder, das die globalen Vereinbarungen aufgewachsen ist und anstrebt, seinen Betrag für Fortschritt und Wohlergehen der Menschen zu leisten.

Die Negation der Negation ist positiv?

Was ich besonders interessant fand, waren die Konflikte zwischen River und ihrer Großmutter Kate, welche durch ihre unterschiedlichen Lebenserfahrungen immer wieder auftraten. So verstanden River und ihre Mutter nicht, warum die Großmutter darauf bestand, dass sie in Masons Gegenwart stets bekleidet sein müssen. Die Großmutter versuchte in mehreren Anläufen zu erklären, warum Nacktheit in Anwesenheit eines Mannes unangebracht sei, gab aber schließlich auf und verlangte, dass die beiden Frauen die neue Regel ihr zuliebe umsetzen sollten.

Zudem trifft Virginia Bergin den Ton eines Teenagers meiner Meinung nach ziemlich gut. River ist, solange sie sich in ihrem Wohlfühlbereich befindet, ein analytischer Charakter, der nicht gerne im Mittelpunkt steht. Durch die Masons Ankunft muss sie sich immer wieder Situationen stellen, die ihr ganz und gar nicht geheuert sind und dank Hormone kocht sie deswegen hin und wieder über. Trotzdem wagt sie sich, über ihre Grenzen hinaus zu gehen und ist in ihrer Begeisterung kaum zu bremsen, wenn es um Themen geht, die sie interessieren.

Die Metaebene

Die Autorin schafft es immer wieder geschickt, feministische Grundideen und Problematiken in der Handlung unterzubringen, die dem Leser* bekannt vorkommen werden, so zum Beispiel „Was ist so schlimm daran, ein Mädchen zu sein?“. Vielleicht sind ein paar der Leser*, die sich auf Goodreads über das Buch echauffiert haben, davon ausgegangen, dass der Klappentext „Welcome to the matriarchy“ bedeutet, dass hier von einer Utopie berichtet werden soll. Doch bei Who runs the world? handelt es sich eindeutig um eine Dystopie, nur, dass es dieses Mal eben die Frauen sind, welche die Fehler gehen.
So müssen River und ihre Vertrauten gegen Ende des Buches überlegen, was aus Mason werden soll.

‚The way you’re talking… you’re making it sound like he’s a different species or something.‘ […]

‚He might as well be a different species,‘ says Kate. […]

‚I’ve read about this‘, Plat says, ‚about the way some men used to talk about women – now listen to how you’re talking about him.‘

Während Kate durch einen Vorfall, in den River verwickelt war, an all die Dinge erinnert wurde, durch die Frauen vor dem Ausbruch des Virus herabgesetzt wurden und diese nun gegen Mason einsetzt, können River und ihre Freundin Plat die Situation ohne Altlasten einschätzen und die Doppelmoral von Kate durchschauen.

Wofür könnte dieses Buch eine Metapher sein? Zum einen, dass ein Teil der Weltbevölkerung in ihrem Denken weiter ist als andere Teile und dass diese Teile nicht vergessen werden dürfen. Ansonsten wird Kluft innerhalb gesellschaftlicher Strömungen immer tiefer. Zum anderen, dass die Zukunft nur eine Utopie werden kann, wenn die Geschlechter auf Augenhöhe interagieren und ihnen dieselben Rechte und Pflichten zugesprochen werden. Und zuletzt dafür, dass man sich immer fragen sollte, was Fortschritt und der eigene Wohlstand wert sind, wenn diese auf Kosten anderer erreicht werden.

Mein Fazit

Wie bei Beauty Queens von Libba Bray habe ich nicht mit einer so gut durchdachten Handlung gerechnet. Bitte keine Nachfragen warum dem so ist, denn ich kann es mir selbst nicht erklären. Natürlich ist das Buch nicht ohne Fehler, da ist zum einen die fehlende Auseinandersetzung mit Menschen, deren sexuelles Geschlecht nicht eindeutig zugeordnet werden kann oder mit abweichender Geschlechtsidentität. Außerdem erfährt man auch wenig über die gesellschaftlichen Strukturen, die außerhalb Rivers Dorf herrschen. Interessant gewesen wären zudem mehr Hintergründe zu den Quarantänestationen.
Doch das Buch bietet eine willkommene Abwechslung zu männlich dominierten Apokalypsen. Ich bin nun gespannt auf Naomi Aldermans Die Gabe. In dem Buch werden Frauen durch eine Fähigkeit plötzlich das mächtigere Geschlecht und auch hier ergeben sich weitreichende Veränderungen beim Zusammenleben der Geschlechter. Das Buch erscheint im März bei Heyne auf Deutsch.

Und wer mir erzählen möchte, dass River nicht in Plat verliebt ist: Fight me! (An dieser Stelle einen gerade aus dem Winterschlaf erwachten Grizzly vorstellen, der Hunger hat und dem ein anderer Grizzly den Weg zum Fluss mit den besten Lachsen versperrt.)

– Q

P.S.: Die Antwort auf die Frage Who runs the world? ist meiner Meinung nach übrigens: Das ist völlig egal, solange nicht alle Menschen die gleichen Rechte und Pflichten unabhängig jeglicher Persönlichkeitsmerkmale besitzen. Und dadurch erhält jeder dieselbe Chance sie mitzugestalten.

Bibliografische Angaben

Who runs the world? von Virginia Bergin
Pan Macmillan, erschienen 2017
352 Seiten
ISBN 978-1-509-83403-7
9,49 €

BUY LOCAL!

Kleiner Plausch gefällig? #5

Über Themen, die mein Lesen bestimmen

Eigentlich hatte ich für diese Woche gar keinen Beitrag geplant, aber als ich lohntdaslesen.de, den Blog der lieben Andrea, besucht habe, hat es mich dann doch gepackt. Sie hat sich in einem Beitrag mit den Themen beschäftigt, die sie bei Büchern catchen und Leitfragen, die sie durch Lektüre beantwortet haben möchte.

Des Pudels Kern

Anders als Andrea kann ich leider nicht mit hochtrabenden Motiven dienen, die mich beim Lesen beschäftigen. Wenn ich mir die Bücher anschaue, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, ist ein wichtiges Thema für mich persönliches Wachstum von Figuren. Zum Beispiel ein Mädchen, das sich auf eine Reise begibt und dabei lernt, selbstständig zu handeln und ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Oder ein Junge, der nach dem Stein der Weisen sucht, dann einen ganz anderen Schatz findet und feststellt, dass ewiges Leben nicht das Erstrebenswerteste ist. Gerade habe ich mit der Serie Outlander von Diana Gabaldon angefangen, die genau zu diesem Thema passt.

Ein weiterer Aspekt, der mich immer begeistert, ist gut ausgearbeitete Beziehungsentwicklung. Dieser Aspekt mag sehr primitiv erscheinen, aber einige Autoren werfen Figuren ungefähr so elegant zusammen wie Kinder, die Barbie und Ken zum Küssen zwingen. Slow Burn, wie das gemächliche Anbahnen einer Beziehung in Fanfiktionkreisen bezeichnet wird, ist ein Tanz mit sehr individuellen Regeln. Zwei Figuren können schnell „klicken“, andere sind wie Öl und Wasser und lassen sich einfach nicht zusammenbringen. Gerade diese Unterschiede herauszuarbeiten ist für mich ein großer Genuss. Und das gilt natürlich für alle Arten von Beziehung, nicht nur solche, die in das Biest mit zwei Rücken münden. Weil ich mir gerade ein neues Buch von Trudi Canavan zugelegt habe, fallen mir zu dieser Thematik die zwei Trilogien rund um die Magierin Sonea ein, die sehr viele unterschiedliche Beziehungen und deren Entwicklung schildern.

Die Gretchenfrage

„Nun sag, wie steht es bei dir mit Feminismus?“ Auf diesem Blog habe ich mich noch viel zu wenig mit feministischer Literatur beschäftigt, was sich definitiv ändern muss! Feminismus ist ein wichtiges Thema, mit dem ich mich eigentlich täglich beschäftige und das mein Leben seit geraumer Zeit stark beeinflusst. Mittlerweile habe ich mir diverse Film-, Fernseh- und Buchklassiker verdorben und habe andere zu schätzen gelernt. Insgesamt bin aber um einiges aufmerksamer geworden, wenn es um die Welt und die Gesellschaft geht, in der wir leben. Bücher, die sich hierfür anbieten, gibt es einige, zum Beispiel Hidden Figures von Margot Lee Shetterly und bald werde ich Jack Urwins Boys don’t cry: Identität, Gefühl und Männlichkeit lesen.

Ein Vortrag, der mich in Sachen Feminismus so richtig Feuer und Flamme werden lassen hat, ist der später unter dem Titel We should all be feminists als Buch erschienen TED-Vortrag von Chimamanda Ngozi Adichie. Damit ihr nicht suchen müsst, hier das Video:

– Q

Kleiner Plausch gefällig? #4

Über Chicklit, Magie in Essex und fragwürdige E-Book-Preise

Ich habe gesündigt. Ab in die Hölle mit mir! Teeren, federn und an den Pranger! Aber ich bin ehrlich, Selbstbeherrschung war noch nie eine Stärke, die ich mir zugeschrieben habe. Also: Ich habe aus Spaß gelesen. (An dieser Stelle bitte ein kopfschüttelndes Studiopublikum vorstellen, gekleidet in Sonntagsroben.)

Jede Menge Funken

Schuld ist eigentlich die Autorin Gail Carriger, die in ihrem Newsletter die Schmonzette Fast Connection angepriesen hat. Von dem Buch hatte ich bereits auf einer buchaffinen Seite gelesen, als ich auf der Suche nach homoerotischer Literatur war. Es gehört zu der vierteiligen Reihe Cyberlove und war bei Amazon gerade im Angebot, also habe ich zugeschlagen.
Fast Connection handelt von zwei Männern, die an unterschiedlichen Phasen ihres Lebens sind und sich über Grindr kennenlernen. Wer die App kennt, kann sich vermutlich die Art der Beziehung vorstellen, die die beiden zu Beginn führen und doch entwickeln sich von Hookup zu Hookup Gefühle und beide Protagonisten müssen entscheiden, ob sie sich der Herausforderung einer ernsthaften Beziehung stellen wollen.
Empfehlen kann ich das Buch Lesern, die auf E-Books mit der Beschreibung „standalone, full-length romance novel with no cliffhanger“ stehen. Übersetzt heißt das, es ist wenig anspruchsvoll, aber für den Moment sehr unterhaltsam. Außerdem geht es um zwei heiße Typen. Was will man mehr?

„Fast Connection“ von Megan Erickson & Santino Hassell

Magie liegt in der Luft

Buch Nummer zwei ging dann in eine vollkommen andere Richtung. Von Strange Magic habe ich bereits auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse gelesen und war vom Cover und dem Klappentext so begeistert, dass es gleich auf meiner Wunschliste gelandet ist.
Das Buch handelt von Rosie Strange, die das Essex Witch Museum erbt. Leider interessiert sie sich so gar nicht für Magie, weswegen sie ihr Erbe nur besucht, um es für eine Veräußerung vorzubereiten. Dort angekommen, werden sie und ihr mal mehr, aber eher weniger sympatischer Kurator in die Suche nach dem Skelett einer berüchtigen Hexe verwickelt, an der das Leben eines Kindes und eine großzügige Belohnung hängt. Und so stürzen sich die beiden in eine Jagd, die bei Rosie die Frage aufwirft, ob Magie nicht doch lebendiger ist, als sie es ahnte.
Strange Magic lebt von einer quirligen und selbstbewussten Protagonistin, die weiß, was sie auf dem Kasten hat und sich ohne Wenn und Aber an Herausforderungen misst. Außerdem lernt der Leser nicht nur viel über die Geschichte der Hexenverfolgung, sondern auch ihre Signifikanz für die heutige Zeit.
Im Herbst erfahre ich dann, was als nächstes auf Rosie und Kurator Sam Stone zukommt, denn das Buch bildet den Auftakt für die Trilogie Essex Witch Museum Mystery. 

„Strange Magic“ von Syd Moore

Was Fragen aufwirft

Man könnte meinen, ich hätte die beiden Bewertungen auch einfach ausbauen und in zwei einzelne Beiträge zerteilen können, aber abgesehen von meiner Begeisterung gibt es noch mehr über die beiden Titel zu sagen. Lasst mich über was ganz unerotisches reden: E-Book-Preise!
Jetzt könnte man stöhnen und sagen, das Thema hatten wir doch schon x-mal, aber ich finde es immernoch interessant, also watch me! Fast Connection kostet 4,45€, wie auch alle anderen Titel der Reihe. Für den Preis hätte ich das Buch nicht gekauft, im Angebot betrug der Preis gerade einmal 0,99€. Das gebe ich ganz offen zu, denn es ist nur ein Spaß für zwischendurch und deswegen ist meine Zahlungsbereitschaft entsprechend im Keller. Das klingt fies, denn das Buch hat immerhin 247 Seiten, aber literarisch und inhaltlich ist es einfach kein großer Wurf.
Strange Magic ist ein Titel, der einiges an Recherche erfordert und eine Reihe von Fragen aufwirft. Trotzdem kostet das E-Book beim Händler meines Vertrauens gerade einmal 1,66€. Der zweite Teil Strange Sight lässt sich für 7,49€ vorbestellen. An diesen Titeln merkt man, dass der Verlag versucht, strategisch mit dem ersten Band anzufüttern, um die Reihe attraktiver zu machen. Es stellt sich aber die Frage, ob sie sich damit nicht schaden, denn meine Zahlungsbereitschaft haben sie damit bereits beschädigt. Da ich weiß, dass der dritte Teil vermutlich weitere fünf Monate nach dem zweiten erscheinen wird, werde ich vermutlich abwarten, ob auch der zweite Teil erneut im Preis sinkt. Kann das gewünscht sein?

Auf Basis von was?

Für das Festlegen von E-Book-Preisen fehlt aktuell ein einheitliches System unterhalb den Verlagen. Anders als bei gedruckten Büchern lassen sich die Preise nicht anhand der Kosten einer festgelegten Auflage bestimmen, denn E-Books müssen nur einmal produziert werden und können dann ohne einen großen Mehraufwand immer und immer wieder verkauft werden. Deshalb ist es schwer, zu sagen, was ein E-Book kosten soll.
Preise, die jenseits von gut und böse sind, helfen dabei aber auch nicht, langfristig eine gesunde Zahlungsbereitschaft bei uns Lesern zu etablieren. Wenn ich vermuten kann, dass ein Preis innerhalb des kommenden Jahres fällt und es sich nicht um ein brandaktuelles Thema handelt, dann kann ich auf ein Buch warten. Die meisten Leser haben aus allen Nähten platzende Wunschlisten.

– Q

P. S. Für alle, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch Magie mit funkelnden Seifenblasen, gefunden auf dem Youtube-Kanal Kuma Films:

Bibliografische Angaben

Fast Connection von Megan Erickson und Santino Hassell
Megtino Press, erschienen Juli 2016
247 Seiten
ISBN 978-1-536-80353-2 (Printausgabe)
4,45€ (E-Book)
Kindle-Version

Strange Magic von Syd Moore
Oneworld Publications, erschienen Mai 2017
288 Seiten
ISBN-epub: 978-1-786-07099-9
1,99€
BUY LOCAL!
Kindle-Version

Kleiner Plausch gefällig? #3

Schreiben wir an der Zielgruppe vorbei? Und wenn ja, was ist die Konsequenz?

Langsam könnte ich das Ding beim Namen nennen und sagen: Ich befinde mich in einer unfreiwilligen Sommerpause. Aber wirklich nur unfreiwillig und bis zur Abgabe meiner Bachelorarbeit, an der ich gerade fast Vollzeit sitze, sind es noch cirka zweieinhalb Monate. Bis dahin ist, was vergnügtes Lesen angeht, weiterhin Ebbe.

Die Ausgangssituation

Da ich Buchhandel/Verlagswirtschaft in Leipzig studiere, beschäftige ich mich nicht nur in meiner Freizeit mit dem Thema Buch. In dem Modul Online-Marketing diskutieren wir aktuell über Social Media Marketing, heute stand die Blogosphäre auf dem Plan. Eine Kommilitonin ist selbst erfolgreiche Buchbloggerin und hat ein wenig aus dem (Statistik-)Nähkästchen geplaudert. Sie selbst bloggt vor allem über deutschsprachige YA und New Adult Fantasy und nimmt an einigen Blogtouren von Verlagen wie beispielsweise Carlsen Impress teil.

Wenn man sich in der Blogosphäre umschaut, geht es vor allem um Rezensionen. Schließlich wollen die Leser der Blogs doch wissen, ob der Autor oder die Autorin das Thema gut umgesetzt hat und die Handlung mitreißt und was noch so vom Kauf überzeugt. Die Kommilitonin hat allerdings festgestellt, dass Rezensionen im Vergleich zu Blogtour-Artikeln sehr viel weniger gelesen werden. Dabei greifen diese Artikel meist nur einzelne Aspekte eines Buches auf und eine Bewertung wird in der Regel nicht gefordert.

Literarische Welten
Literarische Welten

Die Schlussfolgerung

Aufgrund fehlender Reichweite kann ich leider nicht bewerten, ob es Unterschiede zwischen der Zielgruppe meiner Kommilitonin und meiner (potentiellen) Zielgruppe gibt und so bleibt mir nur die Möglichkeit darüber zu philosophieren. Whatever, gonna try that anyway. Also wenn scheinbar eine ganze Reihe Leser gar keine Rezensionen lesen möchte, was kann die Blogosphäre tun, um das Buch an den Leser zu bringen?

Natürlich vor allem kreativ sein. Wer in Kunst nicht unbedingt ein Ass war (Ich erinnere mich gerne an ein Bild, das sowohl Stalin als auch Flamingos zeigte. Dafür habe ich 15 Punkte kassiert. Interpretation ist alles!), dem bleibt immer noch das Schreiben. In dem Buch führt die Autorin ein spannendes neues Magiesystem ein? Dann lass hören, was du damit anstellen würdest. Die Figuren verhalten sich toxisch, aber irgendwie kommt aus dem Kontext nicht hervor, dass es sich dabei um ein problematisches Verhalten handelt? Dann lass uns darüber reden. Der Autor zeichnet besonders durchdachte Charaktere? Dann sprich über die Feinheiten und was daran fesselt.

Und wenn alles versagt, gibt es immer noch die gute alte gestaltende Interpretation. Der Notenretter in Gestalt einer Klausur. Ich drifte ab. Wäre es nicht spannend, sich Büchern auf einer solchen Ebene zu nähern? Quasi Auge in Auge mit dem Verfasser?

Mein Fazit

Die Überschrift kommt jetzt etwas reaktionär daher, weil ich gerade eben noch mokiert habe, dass es sein kann, dass wir am Leser vorbeischreiben. In meinem Fall zwar nur an potentiellen Lesern, aber welche Konsequenz ziehe ich persönlich, wenn meine These der Wahrheit entspricht? Nun, ich werde vermutlich nach dem Bachelor, dann wenn ich mich zuhause mit meinem TBR einschließe und mir von REWE Lebensmittel liefern lasse, mehr Beiträge in dem Stil schreiben, den ich auch schon für mein Gushing über Emily Laing gewählt habe. Schwafeln ist mein Ding und da das hier ein Blog ist, sollte ich mich auf einige Details konzentrieren, um nicht Aufsätze zu liefern.

– Q

P.S.: Das mit REWE war übrigens ein Scherz. Ich bin Student. Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen.

P.P.S.: Langsam wird der Blog hier zu einem Paradebeispiel von Style over Story, aber ich verspreche, dass in spätestens drei Monaten Inhalte kommen.

P.P.P.S.: Hier ein augenöffnender Beitrag von Pop Culture Detective, der sich mit der aus der Norm fallenden Maskulinität von Newt Scamander in Fantastic Beasts beschäftigt hat:

Kleiner Plausch gefällig? #2 

Meine Liebesgeschichte zu Emily Laing. Und London.

Alles begann, als meine Mutter mir in jungen Jahren* den ersten Band der Saga um Emily Laing schenkte. Ich bilde mir ein, dass es ungefähr zwischen meinem 12. und 13. Geburtstag passierte und mein Bett stand zu diesem Zeitpunkt unter der Dachschräge direkt unterhalb eines kleinen Fensters, das meine Mutter mit einer Lichterkette bestückt hatte. Die Atmosphäre war also entsprechend kuschelig und obwohl der Einband von einer adligen Ratte erzählt – Etwas, das ich zu diesem Zeitpunkt furchtbar absurd fand -, schlug ich Seite eins von Lycidas auf und ein neues Abenteuer begann.

*Ich will hiermit von dem Fakt ablenken, dass ich keine Ahnung habe, wann genau es passierte.

Eine nächtliche Flucht und ein mürrischer Alchemist

Egal, wie viel man liest, es gibt Sätze, die sich in das Hirn eines Lesers einbrennen und der erste Satz von Lycidas war vermutlich der Grund, warum ich meine Vorbehalte über Bord warf und mich auf Emily Laing und ihre Geschichte einließ.

„Die Welt ist gierig, und manchmal verschlingt sie kleine Kinder mit Haut und Haaren.“

Emily Laing ist ein Waisenkind und zusammen mit ihrer Freundin Aurora Fitzrovia lebt sie in einem der furchtbarsten Waisenhäuser Londons. Doch eines Nachts wird eines der kleineren Kinder entführt und Emily begibt sich auf Flucht, denn der Entführer ist auch ihr auf den Fersen. Als sie in der U-Bahn von einer Ratte namens Hironymus Brewster gerettet wird, kann sie noch gar nicht ahnen, dass sie ihr altes Leben bereits hinter sich gelassen hat. Wenig später wird ihr der mürrische Alchemist Wittgenstein vorgestellt, in dessen Herz sie sich nach und nach schleicht.

Eine neue Welt öffnet sich Emily, denn unter der Untergrundbahn Londons befindet sich die Stadt unter der Stadt, genannt Uralte Metropole, in der sich Rabenmenschen, Arachniden, steinerne Ritter und Götter herumtreiben. Ohne einen Lehrer ist das Betreten der Stadt unter der Stadt der sichere Tod und aus diesem Grund nimmt sich Wittgenstein Emily Laings an, denn das Schicksal des Mädchens ist eng mit der dunklen Metropole verknüpft.

Ein Ausschnitt der ersten Seite aus "Lycidas" von Christoph Marzi
Ein Ausschnitt der ersten Seite aus „Lycidas“ von Christoph Marzi

Girl Talk

Emily Laing ist keine der Figuren, die sich grundlos furchtbar finden und die sich von einem Aschenputtel in eine schöne Prinzessin verwandelt. Durch einen Unfall in ihrer Kindheit verlor sie ihr linkes Auge, was sie zum Gespött der anderen Kinder machte. Auch ist sie keines dieser liebenswerten Mädchen, die auf einen Traumprinzen warten und eine Horde Freunde um sich scharen. Als ihr größten Stärken empfinde ich ihre Dickköpfigkeit und ihre Wissbegierde. Egal, wie häufig Wittgenstein sie ermahnt – „Fragen Sie nicht!“ -, sie gibt keine Ruhe, bis sie nicht die ganze Wahrheit kennt.

Im Gegenzug findet man in Aurora eine liebevolle Freundin, die für Emily da ist, wenn alles zusammenbricht. Die Freundschaft der beiden muss innerhalb der drei Bände der Saga den ein oder anderen Stolperstein überstehen und das tut sie.

Oh London, mein London

Ich bin eine furchtbar schlechte Liebhaberin, denn eigentlich liebe ich vor allem die fantastische Version der Stadt. Noch jetzt kann ich mich daran erinnern, wie mein jüngeres Selbst eben jenes London erleben wollte, das Christoph Marzi als die Stadt unter der Stadt bezeichnet. Es ist nicht falsch zu sagen, dass ich wie eine dieser Chicklit-Leserinnen bin, die einen Bad Boy als ihren Traummann auserkoren haben. Genau wie sie liebe ich einen Charakterzug, der nur in meiner Fantasie existiert. Aber nichtsdestotrotz, bei all meinen Besuchen der Themse-Metropole habe ich Ausschau nach Mr. Fox und Mr. Wolf gehalten, den wohl charmantesten Söldnern, die je zu Papier gebracht wurden.

Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis "Lycidas"
Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis „Lycidas“

Warum die Uralte Metropole lesen?

Habe ich noch nicht genug geschwärmt? Nun gut:
Christoph Marzi ist ein Erzähler, der sein Handwerk versteht. Er nimmt Mythen und Legenden auf und verbindet sie mit dem Schicksal eines jungen Mädchens, das seinen Platz in einer Stadt sucht, die gierig ist und von gierigen Wesen bewohnt wird. Und so wird London, später Paris und Ägypten und noch später Prag zum Schauplatz eines Kampfes zwischen Elfen, Engeln, Göttern und der ersten Frau, die auf diesem Planeten wandelte. Christoph Marzi sicherte sich mit diesem Werk den Deutschen Phantastikpreis, verführt zum Schmunzeln und Träumen und lädt dazu ein, alte Legenden neu zu interpretieren.

Mehr möchte ich nicht verraten, denn ansonsten schreibe ich gleich noch einen Absatz über Mr. Fox und Mr. Wolf und dieser Absatz würde dann wohl nie enden.

– Q

P.S.: Vielen Dank an Andrea von lohntdaslesen.de für den Vorschlag über Emily zu blubbern. 🙂

Bibliografische Angaben

Band eins:
Lycidas von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2004, Neuauflage 2011
864 Seiten
ISBN 978-3-453-52910-6
9,99 €
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Band zwei:
Lilith von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2005, Neuauflage 2012
688 Seiten
ISBN 978-3-453-52911-3
9,99 €
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Band drei:
Lumen von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2006, Neuauflage 2012
800 Seiten
ISBN 978-3-453-52912-0
9,99 €
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