Rezension: The Good Immigrant – herausgegeben von Nikesh Shukla

Starke Geschichten über Anerkennung, das Sich-fremd-fühlen in der Heimat und die Zugehörigkeit zu einer Minderheit

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Jedes Jahr erscheinen x Bücher über Selbstoptimierung, aber eins der wichtigsten Bücher, welches aus den Leben von Mitgliedern von ethnischen Minderheiten in Großbritannien berichtet und bereits 2016 erschienen ist, wurde bis jetzt nicht übersetzt? Manchmal verstehe ich die Buchbranche nicht so richtig. Gatekeeper? Na offensichtlich an der falschen Stelle.

Der Inhalt

The Good Immigrant umfasst 21 Essays von Autorinnen und Autoren, die aufgrund ihrer Herkunft als Mitglieder von ethnischen Minderheiten gelten. Während diese in den USA als People of Color bezeichnet werden, hat sich in Großbritannien der Begriff BAME (Black, Asian and Minority Ethnic) durchgesetzt. Oder sagen wir nicht durchgesetzt, denn so wie das in anderen Lebensbereichen mit den Schubladen ist, bevorzugt auch hier jede Person eine andere Bezeichnung. So handelt es sich bei den Essays nicht nur aufgrund der Vielfalt der Migrationshintergründe, sondern aufgrund der Persönlichkeiten der Autorinnen und Autoren um 21 sehr persönliche und sehr unterschiedliche Erfahrungsberichte.
Was allerdings übereinstimmend ist: Die Ignoranz der weißen Mehrheit, sich in die Lage der als anders eingestuften Personen hineinzuversetzen oder diese gar als gleichwertig anzusehen. Und so erzählen einige Essays von dem Aufwand, welcher für die Person nötig ist, um Meilensteine zu erreichen, die weißen Personen einfach zu fliegen. Deshalb ist es besonders schön zu lesen, wie berauschend es für die Autorin oder den Autor gewesen ist, wenn sie oder er endlich in die Position gekommen ist, sich von diesen Zwängen zu befreien. Was leider viel zu selten vorkommt.
Die Autorinnen und Autoren kommen aus unterschiedlichen beruflichen Feldern, darunter dem Verlagsbereich, Film und Fernsehen, Comedy und Lehramt.

Das Leseerlebnis

Über Erfahrungen mit Rassismus habe ich bisher noch wenig gelesen. The Hate You Give von Angie Thomas steht noch ungelesen in meinem Schrank. Was echt nicht in Ordnung ist, denn durch The Good Immigrant habe ich bemerkt, wie wenig mir bewusst ist, wie stark Rassismus das Leben von ethnischen Minderheiten in Großbritannien beeinflusst. Natürlich wusste ich von dem Anstieg an rassistischen Übergriffen seit der Entscheidung über Brexit, aber bei meinen Reisen nach London wirkte die Stadt bunt, sodass ich nicht geahnt habe, wie stark das alltäglichen Leben der Betreffenden beeinflusst wird.
Why I’m No Longer Talking to White People About Race von Reni Eddo-Lodge hat mir bereits vor The Good Immigrant einen ersten Eindruck über Großbritanniens Rassismus und Klassensystem gegeben. Durch die Essays wird bewusst, wie einzelne Personen auf unterschiedliche, aber doch ähnliche Weise daran gehindert werden, ein rundum glückliches Leben zu führen.

Das Fazit

Kann das Buch bitte ein deutscher Verlag übersetzen und umfangreich bewerben? The Good Immigrant ist ein Beispiel dafür, welche Vielfalt an Einflüssen und Denkweisen eine Gesellschaft verliert, die darauf besteht, nur aus Weißbroten zu bestehen und in weiß zu denken. Außerdem zeigt der Titel, dass es eben nicht die eine Immigrantin oder den einen Immigranten gibt, sondern, dass sich hinter dem Wort aberhunderte Schicksale und Persönlichkeiten verbergen, die ein Recht auf ein gleichberechtigtes Leben haben.

Prädikat: Besonders wertvoll und ein Must-have für jedem Lesekanon!

– Q

Bibliographische Angaben

The Good Immigrant – herausgegeben von Nikesh Shukla
Unbound, erschienen 2016
272 Seiten
ISBN 978-1-783-52295-8
10,99 €

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Kleiner Plausch gefällig? #2 

Meine Liebesgeschichte zu Emily Laing. Und London.

Alles begann, als meine Mutter mir in jungen Jahren* den ersten Band der Saga um Emily Laing schenkte. Ich bilde mir ein, dass es ungefähr zwischen meinem 12. und 13. Geburtstag passierte und mein Bett stand zu diesem Zeitpunkt unter der Dachschräge direkt unterhalb eines kleinen Fensters, das meine Mutter mit einer Lichterkette bestückt hatte. Die Atmosphäre war also entsprechend kuschelig und obwohl der Einband von einer adligen Ratte erzählt – Etwas, das ich zu diesem Zeitpunkt furchtbar absurd fand -, schlug ich Seite eins von Lycidas auf und ein neues Abenteuer begann.

*Ich will hiermit von dem Fakt ablenken, dass ich keine Ahnung habe, wann genau es passierte.

Eine nächtliche Flucht und ein mürrischer Alchemist

Egal, wie viel man liest, es gibt Sätze, die sich in das Hirn eines Lesers einbrennen und der erste Satz von Lycidas war vermutlich der Grund, warum ich meine Vorbehalte über Bord warf und mich auf Emily Laing und ihre Geschichte einließ.

„Die Welt ist gierig, und manchmal verschlingt sie kleine Kinder mit Haut und Haaren.“

Emily Laing ist ein Waisenkind und zusammen mit ihrer Freundin Aurora Fitzrovia lebt sie in einem der furchtbarsten Waisenhäuser Londons. Doch eines Nachts wird eines der kleineren Kinder entführt und Emily begibt sich auf Flucht, denn der Entführer ist auch ihr auf den Fersen. Als sie in der U-Bahn von einer Ratte namens Hironymus Brewster gerettet wird, kann sie noch gar nicht ahnen, dass sie ihr altes Leben bereits hinter sich gelassen hat. Wenig später wird ihr der mürrische Alchemist Wittgenstein vorgestellt, in dessen Herz sie sich nach und nach schleicht.

Eine neue Welt öffnet sich Emily, denn unter der Untergrundbahn Londons befindet sich die Stadt unter der Stadt, genannt Uralte Metropole, in der sich Rabenmenschen, Arachniden, steinerne Ritter und Götter herumtreiben. Ohne einen Lehrer ist das Betreten der Stadt unter der Stadt der sichere Tod und aus diesem Grund nimmt sich Wittgenstein Emily Laings an, denn das Schicksal des Mädchens ist eng mit der dunklen Metropole verknüpft.

Ein Ausschnitt der ersten Seite aus "Lycidas" von Christoph Marzi
Ein Ausschnitt der ersten Seite aus „Lycidas“ von Christoph Marzi

Girl Talk

Emily Laing ist keine der Figuren, die sich grundlos furchtbar finden und die sich von einem Aschenputtel in eine schöne Prinzessin verwandelt. Durch einen Unfall in ihrer Kindheit verlor sie ihr linkes Auge, was sie zum Gespött der anderen Kinder machte. Auch ist sie keines dieser liebenswerten Mädchen, die auf einen Traumprinzen warten und eine Horde Freunde um sich scharen. Als ihr größten Stärken empfinde ich ihre Dickköpfigkeit und ihre Wissbegierde. Egal, wie häufig Wittgenstein sie ermahnt – „Fragen Sie nicht!“ -, sie gibt keine Ruhe, bis sie nicht die ganze Wahrheit kennt.

Im Gegenzug findet man in Aurora eine liebevolle Freundin, die für Emily da ist, wenn alles zusammenbricht. Die Freundschaft der beiden muss innerhalb der drei Bände der Saga den ein oder anderen Stolperstein überstehen und das tut sie.

Oh London, mein London

Ich bin eine furchtbar schlechte Liebhaberin, denn eigentlich liebe ich vor allem die fantastische Version der Stadt. Noch jetzt kann ich mich daran erinnern, wie mein jüngeres Selbst eben jenes London erleben wollte, das Christoph Marzi als die Stadt unter der Stadt bezeichnet. Es ist nicht falsch zu sagen, dass ich wie eine dieser Chicklit-Leserinnen bin, die einen Bad Boy als ihren Traummann auserkoren haben. Genau wie sie liebe ich einen Charakterzug, der nur in meiner Fantasie existiert. Aber nichtsdestotrotz, bei all meinen Besuchen der Themse-Metropole habe ich Ausschau nach Mr. Fox und Mr. Wolf gehalten, den wohl charmantesten Söldnern, die je zu Papier gebracht wurden.

Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis "Lycidas"
Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis „Lycidas“

Warum die Uralte Metropole lesen?

Habe ich noch nicht genug geschwärmt? Nun gut:
Christoph Marzi ist ein Erzähler, der sein Handwerk versteht. Er nimmt Mythen und Legenden auf und verbindet sie mit dem Schicksal eines jungen Mädchens, das seinen Platz in einer Stadt sucht, die gierig ist und von gierigen Wesen bewohnt wird. Und so wird London, später Paris und Ägypten und noch später Prag zum Schauplatz eines Kampfes zwischen Elfen, Engeln, Göttern und der ersten Frau, die auf diesem Planeten wandelte. Christoph Marzi sicherte sich mit diesem Werk den Deutschen Phantastikpreis, verführt zum Schmunzeln und Träumen und lädt dazu ein, alte Legenden neu zu interpretieren.

Mehr möchte ich nicht verraten, denn ansonsten schreibe ich gleich noch einen Absatz über Mr. Fox und Mr. Wolf und dieser Absatz würde dann wohl nie enden.

– Q

P.S.: Vielen Dank an Andrea von lohntdaslesen.de für den Vorschlag über Emily zu blubbern. 🙂

Bibliografische Angaben

Band eins:
Lycidas von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2004, Neuauflage 2011
864 Seiten
ISBN 978-3-453-52910-6
9,99 €
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Band zwei:
Lilith von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2005, Neuauflage 2012
688 Seiten
ISBN 978-3-453-52911-3
9,99 €
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Band drei:
Lumen von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2006, Neuauflage 2012
800 Seiten
ISBN 978-3-453-52912-0
9,99 €
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