Rezension: Who runs the world? von Virginia Bergin

Die Frage ist nicht, wer am Hebel sitzt.

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Glücklicherweise habe ich mich erst nach der Hälfte des Buches gefragt, ob von Who runs the world? weitere Teile erscheinen. Die Rezensionen auf Goodreads hätten mich sonst womöglich davon abgehalten, das Buch überhaupt in die Hand zu nehmen. Und was wäre mir da für ein bissiges Werk entgangen!

Der Plot

60 Jahre sind vergangen seit ein Virus fast die gesamte männliche Weltbevölkerung ausgelöscht hat und so versteht River zuerst gar nicht, welche Sensation ihr auf ihrem Weg zurück ins Dorf begegnet. Das Wesen, der Mann, der Junge wie sie später feststellt, ist mehr tot als lebendig und sein Verhalten verängstigt River, ein Gefühl, das sie gegenüber einem Menschen bisher noch nie empfunden hatte. Sie will ihn vom seinem Leid erlösen – das verlangt der Anstand -, kann sich aber nicht dazu durchringen und übergibt ihn zurück im Dorf in die Obhut der Großmutter. Als diese erfährt, dass der Junge bereits mehr als einen Tag im Freien umhergeirrt ist, gerät sie in Aufregung, denn noch nie hat ein Mensch mit XY-Chromosomen dem Virus, der noch immer wütet, standhalten können.

River ahnt noch nicht, dass ihre Welt aus den Angeln gehoben und umgekehrt wird. Denn der Junge, Mason, sorgt dafür, dass die Frage aufkommt, ob die Gesellschaft, in der River lebt, so friedliebend und fair ist, wie zuvor angenommen. Wie sich herausstellt, leben die Personen, die mit einem XY-Chromosom geboren wurden, kein so behütetes Leben, wie es das nationale Konzil behauptet.

Die Intension der Autorin

In einem Nachwort erklärt Virginia Bergin, dass sie das literarische Konzept der Männer als Unterdrücker und der Frauen als Unterdrückte nicht einfach umkehren wollte. Bei der Entwicklung des Buches bemerkte sie, dass sie gar nicht wusste, was das soziale weibliche Geschlecht ausmachte. Umso mehr sie darüber nachdachte, desto mehr wollte sie wissen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der Vorstellungen über das soziale Geschlecht unser Denken nicht beeinflusst.

In Who runs the world? werden die Frauen überwiegend in drei Gruppen geteilt: Die Großmütter haben den Ausbruch des Virus erlebt und dafür gesorgt, dass die Männer, die überlebt haben, in Quarantänestationen sicher untergebracht werden. Dann sind da die Mütter, welche bereits in einer Welt aufgewachsen sind, in der Männer keine Rolle im täglichen Leben gespielt haben. Sie legten die sieben globalen Vereinbarungen fest, welche das Miteinander der Menschen regeln und strukturierten die Welt damit für nachkommende Generationen. Zu denen gehört auch River, eines der Kinder, das die globalen Vereinbarungen aufgewachsen ist und anstrebt, seinen Betrag für Fortschritt und Wohlergehen der Menschen zu leisten.

Die Negation der Negation ist positiv?

Was ich besonders interessant fand, waren die Konflikte zwischen River und ihrer Großmutter Kate, welche durch ihre unterschiedlichen Lebenserfahrungen immer wieder auftraten. So verstanden River und ihre Mutter nicht, warum die Großmutter darauf bestand, dass sie in Masons Gegenwart stets bekleidet sein müssen. Die Großmutter versuchte in mehreren Anläufen zu erklären, warum Nacktheit in Anwesenheit eines Mannes unangebracht sei, gab aber schließlich auf und verlangte, dass die beiden Frauen die neue Regel ihr zuliebe umsetzen sollten.

Zudem trifft Virginia Bergin den Ton eines Teenagers meiner Meinung nach ziemlich gut. River ist, solange sie sich in ihrem Wohlfühlbereich befindet, ein analytischer Charakter, der nicht gerne im Mittelpunkt steht. Durch die Masons Ankunft muss sie sich immer wieder Situationen stellen, die ihr ganz und gar nicht geheuert sind und dank Hormone kocht sie deswegen hin und wieder über. Trotzdem wagt sie sich, über ihre Grenzen hinaus zu gehen und ist in ihrer Begeisterung kaum zu bremsen, wenn es um Themen geht, die sie interessieren.

Die Metaebene

Die Autorin schafft es immer wieder geschickt, feministische Grundideen und Problematiken in der Handlung unterzubringen, die dem Leser* bekannt vorkommen werden, so zum Beispiel „Was ist so schlimm daran, ein Mädchen zu sein?“. Vielleicht sind ein paar der Leser*, die sich auf Goodreads über das Buch echauffiert haben, davon ausgegangen, dass der Klappentext „Welcome to the matriarchy“ bedeutet, dass hier von einer Utopie berichtet werden soll. Doch bei Who runs the world? handelt es sich eindeutig um eine Dystopie, nur, dass es dieses Mal eben die Frauen sind, welche die Fehler gehen.
So müssen River und ihre Vertrauten gegen Ende des Buches überlegen, was aus Mason werden soll.

‚The way you’re talking… you’re making it sound like he’s a different species or something.‘ […]

‚He might as well be a different species,‘ says Kate. […]

‚I’ve read about this‘, Plat says, ‚about the way some men used to talk about women – now listen to how you’re talking about him.‘

Während Kate durch einen Vorfall, in den River verwickelt war, an all die Dinge erinnert wurde, durch die Frauen vor dem Ausbruch des Virus herabgesetzt wurden und diese nun gegen Mason einsetzt, können River und ihre Freundin Plat die Situation ohne Altlasten einschätzen und die Doppelmoral von Kate durchschauen.

Wofür könnte dieses Buch eine Metapher sein? Zum einen, dass ein Teil der Weltbevölkerung in ihrem Denken weiter ist als andere Teile und dass diese Teile nicht vergessen werden dürfen. Ansonsten wird Kluft innerhalb gesellschaftlicher Strömungen immer tiefer. Zum anderen, dass die Zukunft nur eine Utopie werden kann, wenn die Geschlechter auf Augenhöhe interagieren und ihnen dieselben Rechte und Pflichten zugesprochen werden. Und zuletzt dafür, dass man sich immer fragen sollte, was Fortschritt und der eigene Wohlstand wert sind, wenn diese auf Kosten anderer erreicht werden.

Mein Fazit

Wie bei Beauty Queens von Libba Bray habe ich nicht mit einer so gut durchdachten Handlung gerechnet. Bitte keine Nachfragen warum dem so ist, denn ich kann es mir selbst nicht erklären. Natürlich ist das Buch nicht ohne Fehler, da ist zum einen die fehlende Auseinandersetzung mit Menschen, deren sexuelles Geschlecht nicht eindeutig zugeordnet werden kann oder mit abweichender Geschlechtsidentität. Außerdem erfährt man auch wenig über die gesellschaftlichen Strukturen, die außerhalb Rivers Dorf herrschen. Interessant gewesen wären zudem mehr Hintergründe zu den Quarantänestationen.
Doch das Buch bietet eine willkommene Abwechslung zu männlich dominierten Apokalypsen. Ich bin nun gespannt auf Naomi Aldermans Die Gabe. In dem Buch werden Frauen durch eine Fähigkeit plötzlich das mächtigere Geschlecht und auch hier ergeben sich weitreichende Veränderungen beim Zusammenleben der Geschlechter. Das Buch erscheint im März bei Heyne auf Deutsch.

Und wer mir erzählen möchte, dass River nicht in Plat verliebt ist: Fight me! (An dieser Stelle einen gerade aus dem Winterschlaf erwachten Grizzly vorstellen, der Hunger hat und dem ein anderer Grizzly den Weg zum Fluss mit den besten Lachsen versperrt.)

– Q

P.S.: Die Antwort auf die Frage Who runs the world? ist meiner Meinung nach übrigens: Das ist völlig egal, solange nicht alle Menschen die gleichen Rechte und Pflichten unabhängig jeglicher Persönlichkeitsmerkmale besitzen. Und dadurch erhält jeder dieselbe Chance sie mitzugestalten.

Bibliografische Angaben

Who runs the world? von Virginia Bergin
Pan Macmillan, erschienen 2017
352 Seiten
ISBN 978-1-509-83403-7
9,49 €

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Kleiner Plausch gefällig? #3

Schreiben wir an der Zielgruppe vorbei? Und wenn ja, was ist die Konsequenz?

Langsam könnte ich das Ding beim Namen nennen und sagen: Ich befinde mich in einer unfreiwilligen Sommerpause. Aber wirklich nur unfreiwillig und bis zur Abgabe meiner Bachelorarbeit, an der ich gerade fast Vollzeit sitze, sind es noch cirka zweieinhalb Monate. Bis dahin ist, was vergnügtes Lesen angeht, weiterhin Ebbe.

Die Ausgangssituation

Da ich Buchhandel/Verlagswirtschaft in Leipzig studiere, beschäftige ich mich nicht nur in meiner Freizeit mit dem Thema Buch. In dem Modul Online-Marketing diskutieren wir aktuell über Social Media Marketing, heute stand die Blogosphäre auf dem Plan. Eine Kommilitonin ist selbst erfolgreiche Buchbloggerin und hat ein wenig aus dem (Statistik-)Nähkästchen geplaudert. Sie selbst bloggt vor allem über deutschsprachige YA und New Adult Fantasy und nimmt an einigen Blogtouren von Verlagen wie beispielsweise Carlsen Impress teil.

Wenn man sich in der Blogosphäre umschaut, geht es vor allem um Rezensionen. Schließlich wollen die Leser der Blogs doch wissen, ob der Autor oder die Autorin das Thema gut umgesetzt hat und die Handlung mitreißt und was noch so vom Kauf überzeugt. Die Kommilitonin hat allerdings festgestellt, dass Rezensionen im Vergleich zu Blogtour-Artikeln sehr viel weniger gelesen werden. Dabei greifen diese Artikel meist nur einzelne Aspekte eines Buches auf und eine Bewertung wird in der Regel nicht gefordert.

Literarische Welten
Literarische Welten

Die Schlussfolgerung

Aufgrund fehlender Reichweite kann ich leider nicht bewerten, ob es Unterschiede zwischen der Zielgruppe meiner Kommilitonin und meiner (potentiellen) Zielgruppe gibt und so bleibt mir nur die Möglichkeit darüber zu philosophieren. Whatever, gonna try that anyway. Also wenn scheinbar eine ganze Reihe Leser gar keine Rezensionen lesen möchte, was kann die Blogosphäre tun, um das Buch an den Leser zu bringen?

Natürlich vor allem kreativ sein. Wer in Kunst nicht unbedingt ein Ass war (Ich erinnere mich gerne an ein Bild, das sowohl Stalin als auch Flamingos zeigte. Dafür habe ich 15 Punkte kassiert. Interpretation ist alles!), dem bleibt immer noch das Schreiben. In dem Buch führt die Autorin ein spannendes neues Magiesystem ein? Dann lass hören, was du damit anstellen würdest. Die Figuren verhalten sich toxisch, aber irgendwie kommt aus dem Kontext nicht hervor, dass es sich dabei um ein problematisches Verhalten handelt? Dann lass uns darüber reden. Der Autor zeichnet besonders durchdachte Charaktere? Dann sprich über die Feinheiten und was daran fesselt.

Und wenn alles versagt, gibt es immer noch die gute alte gestaltende Interpretation. Der Notenretter in Gestalt einer Klausur. Ich drifte ab. Wäre es nicht spannend, sich Büchern auf einer solchen Ebene zu nähern? Quasi Auge in Auge mit dem Verfasser?

Mein Fazit

Die Überschrift kommt jetzt etwas reaktionär daher, weil ich gerade eben noch mokiert habe, dass es sein kann, dass wir am Leser vorbeischreiben. In meinem Fall zwar nur an potentiellen Lesern, aber welche Konsequenz ziehe ich persönlich, wenn meine These der Wahrheit entspricht? Nun, ich werde vermutlich nach dem Bachelor, dann wenn ich mich zuhause mit meinem TBR einschließe und mir von REWE Lebensmittel liefern lasse, mehr Beiträge in dem Stil schreiben, den ich auch schon für mein Gushing über Emily Laing gewählt habe. Schwafeln ist mein Ding und da das hier ein Blog ist, sollte ich mich auf einige Details konzentrieren, um nicht Aufsätze zu liefern.

– Q

P.S.: Das mit REWE war übrigens ein Scherz. Ich bin Student. Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen.

P.P.S.: Langsam wird der Blog hier zu einem Paradebeispiel von Style over Story, aber ich verspreche, dass in spätestens drei Monaten Inhalte kommen.

P.P.P.S.: Hier ein augenöffnender Beitrag von Pop Culture Detective, der sich mit der aus der Norm fallenden Maskulinität von Newt Scamander in Fantastic Beasts beschäftigt hat: