Rezension: Die 33. Hochzeit der Donia Nour von Hazem Ilmi

Mit einem Fingerschnippen gegen die islamistische Diktatur 2.0.

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Wir schreiben das Jahr 2048 und das Land Großägypten wird durch die Neo-Scharia und eine Gruppe von Oligarchen kontrolliert, die das Land vollständig abgeriegelt haben. Die Bevölkerung wird ähnlich des Kastensystems in drei Gruppen gegliedert und lebt in abgegrenzten Landesteilen. Donia Nour muss nur noch einmal für eine Nacht Braut sein, dann hat sie genug Gold angespart, um die Schlepper zu finanzieren, die sie über die Landesgrenze bringen sollen.

Seit Ostaz Mukhtar das letzte Mal Koshari gegessen hat, sind etwas weniger als 100 Jahre vergangen – zumindest auf der Erde, denn gefühlt waren es für ihn nur zwei Jahre seit eine Gruppe Außerirdische ihn entführte. Nun soll er zurück nach Großägypten, denn um die Revolution zu beginnen, die zum Zusammenfall des Regimes führt, benötigt Donia Nour seine Unterstützung.

Überwachung

Neben der Grausamkeit die Donia in ihrem Leben erfährt, waren es die Überwachung und die Isolation, die sie aushalten muss, die besonders stark auf mich gewirkt haben. Zu Beginn des Buches auf dem Weg zur Arbeit verrutscht ihre E-Hidschab und sofort geht neben ihr ein Detektor los, der sie und ihr unmittelbares Umfeld auf diesen Verstoß aufmerksam macht. Teil der täglichen Religiosität sind elektronische Rosenkränze, welche das Beten des Nutzers aufzeichnen. Der Person werden daraufhin Punkte auf ein Gute-Taten-Punktekonto gutgeschrieben, welches prognostiziert, ob der Weg in den Himmel sicher ist.

Isolation

Isolation wird durch die Sprache der Gläubigen erzielt. Donia unterhält sich an einem Punkt des Buches mit einer Kollegin und da jeder zweite Satz eine Lobpreisung auf ihren Gott enthält, liest sich die Unterhaltung so, als würden die Frauen aneinander vorbeireden. Erst viel später, als Donia einen Tiefpunkt erreicht und beginnt das System ihres Heimatlandes zu hinterfragen, findet in den Gesprächen mit ihren Mitmenschen ein Austausch von Gedanken statt.

Isolation durch das herrschende Regime wird zudem durch das Verwehren eines Zugangs zum Internet erreicht. Das ist mir erst relativ spät aufgefallen, weil ich davon ausgegangen bin, dass eine so hypermoderne Gesellschaft einfach ständig mit dem Internet verbunden sein muss, aber natürlich lässt sich durch das Verwehren des Zugangs Wissen extrem gut kontrollieren. Das Internet ist für mich bereits eine essentielle Quelle für Informationen geworden und ich gebe gerne zu, dass ich ohne diesen einfachen Zugang echt aufgeschmissen wäre. Auch wenn ich weiß, wie ich zur Bibliothek komme.

Die Pyramiden von Gizeh

Grausamkeit

Vermutlich ist es keine allzu große Überraschung, dass dieses Buch den Niedergang einer zutiefst patriarchischen Gesellschaft erzählt. Jungfräulichkeit für Frauen und Ehen mit mehreren Frauen für Männer, you know the drill. Donia lernt bereits früh, dass den Männern in ihrem Umfeld nicht zu trauen und Flucht ihre einzige Möglichkeit ist, um dem erdrückenden System zu entkommen. Jede einzelne ihrer Hochzeiten ist ein notweniges Übel, um ihr Ziel zu erreichen. Überhaupt ist der Hang zur Gewalt bei den Männern, die ihr begegnen, deutlich. Auch Ostaz muss dies am eigenen Leib spüren, als er sich öffentlich kritisch zum Fundamentalismus äußert.

Mein Fazit

Die 33. Hochzeit der Donia Nour erzählt von einer Gesellschaft, die am Fundamentalismus und der Gier einer Oligarchie krankt. Die Kritik an der Auslegung des Koran sowie dem Drang, Menschen daran zu hindern, über Glauben nachzudenken und damit ihren eigenen Weg zur Religiosität, zum Atheismus oder Agnostizismus zu finden, ist nicht zwischen den Zeilen versteckt, sondern deutlich ausformuliert. Glaube ist Privatsache und Hazem Ilmi beschreibt, was passiert, wenn Überwachung und Isolation genutzt werden, um die Umsetzung unreflektierter religiöser Grundsätze zur Staatsangelegenheit zu machen.

Natürlich musste ich an einigen Stellen des Buches ordentlich schlucken. Die Ehemänner von Donia Nour schrecken nicht davor zurück, Gewalt auszuüben, um das zu bekommen, wofür sie einen Brautpreis bezahlen. Für wen sexuelle Gewalt ein Triggerthema ist, dem rate ich deshalb von der Lektüre ab. Ansonsten empfehle ich das Buch jedem, der nach einer Dystopie sucht, die von einer starken Frau handelt, die ihr Ziel unablässig verfolgt.

– Q

Bibliografische Angaben

Die 33. Hochzeit der Donia Nour von Hazem Ilmi
Blumenbar, erschienen 2016
272 Seiten
ISBN 978-3-351-05027-6
18 €

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Kleiner Plausch gefällig? #1

Aufgrund einer Leseflaute ist mir heute nach Sinnieren. Natürlich über das Lesen.

Kann man von Gewohnheiten sprechen, wenn sich die meinen je nach Lebenslage und Arbeitspensum ändern? Hier mein Versuch darüber nachzudenken:

Interessengebiete

Urban Fantasy wird vermutlich auf ewig mein Wohlfühlgenre sein. Emily Laing ist und bleibt die Figur, die mich darin bestärkt, dass ich auf eine ganz fabulöse Weise anders bin. Jeder Leser hat vermutlich das eine Buch, die eine Reihe oder den Autor, das/die/der als sicherer Hafen auf turbulenter See dient. Aber seit einiger Zeit ziehen immer mehr Titel in meinem Bücherregal ein, die außerhalb meiner Komfortzone* liegen. Science Fiction und Feminismus sind dabei die zwei Genre, denen ich mich seit cirka einem Jahr immer öfter zuwende, was sie schon wieder Teil der Zone machen könnte. Allerdings bin ich in den Themenbereich noch nicht „angekommen“, kenne noch nicht alle Theorien und Fakten (im Falle des Feminismus) und alle Tropes und Eigenarten (was die Science Fiction betrifft). Ein Genre, vom dem ich mich nahezu vollständig verabschiedet habe, ist Contemporary Young Adult. Die Titel sind auf die Dauer einfach nicht nahrhaft genug für mich.

* Ich nutze das Wort hierbei, um einen Bereich abzugrenzen, auf dem ich mich alltäglich bewege und nicht um einen Versuch zu beschreiben, in Themengebiete vorzustoßen, die mich nicht interessieren oder mir Unbehagen bereiten.

Quantitatives Lesevolumen

Im Vergleich zur Allgemeinheit mag ich als Vielleserin gelten. Im Sinne eines Buchbloggers, egal wie professionell oder amateurhaft, lese ich vergleichsweise wenige Bücher. Zum einen mag dies an meinem Faible für Fanfictions liegen, denn in dem Bereich sorgt mein Lesevolumen seit Jahren für Besorgnis bei meiner parentalen Generation. Andererseits bin ich unglaublich wählerisch, was meine Lektüre angeht. Bevor ich ein Buch kaufe, checke ich Rezensionen auf Goodreads oder suche nach Bloggern, die bereits ihren Eindruck dazu geschildert haben. Des weiteren stecke ich mitten in meiner Bachelorarbeit, was dazu führt, dass ich mich nicht traue, mir einen Tag Zeit zu nehmen, um Bücher durchzulesen und gerade dieses Bingen bereitet mir besondere Freude.

Qualitative Auseinandersetzung

Im Onlinemagazin JETZT erschien Anfang Mai ein Artikel, der sich mit dem Mangel an weiblichen Autoren im literarischen Schul- und Universitätskanon auseinandersetzt (Hier zum Nachlesen zu finden). Die Autorin hat daraufhin ihre eigenen Lesegewohnheiten beobachtet und festgestellt, dass sie selbst immer öfter zu Titeln von Autorinnen greift. Beim Lesen dieses Artikels habe ich großkotzig gedacht, dass ich eindeutig mehr weibliche Autoren lese als männliche, aber die Analyse meiner Bücherschränke zeigte mir, dass ich deutlich falsch lag. Das Gesamtwerk von Christoph Marzi (24 Titel), Bücher von Tolkien, Patrick Rothfuss und Tad Williams sowie alle Bände von Orson Scott Cards Ender-Reihe sorgen dafür, dass in meiner Sammlung 133 Titel aus männlicher Feder stammen. Weibliche Autoren sind hingegen mit lediglich 20 Büchern mehr vertreten. Asche auf mein Haupt, Hochmut kommt vor dem Fall, knapp daneben ist auch vorbei. Von der fehlenden kulturellen Diversität möchte ich gar nicht anfangen. Auf meiner Leseliste landen bereits seit einiger Zeit nur noch Bücher, die sich Underdogs widmen. Und Feminismus. Und Lesben im All. Das gute Zeug halt.



Der versöhnliche Schluss

Lesen will gelernt sein, gerade wenn man den Anspruch erhebt, nicht immer nur den gleichen Einheitsbrei zu lesen und sich mit Themen zu beschäftigen, mit denen man im Alltag nicht konfrontiert wird. Meine Leseliste verspricht einen soliden Sprung über den Tellerrand und mit diesem Gedanken motiviere ich mich in den kommenden Bachelor-dominierten Wochen.

– Q

P. S.: Absolut sehens- und lesenswert ist Autorin Marie Brennans Versuch, in einem viktorianischen Kleid Karate zu praktizieren. Den Bericht dazu ist nachzulesen auf Tor.com und beinhaltet ihre genaue Analyse, wie die einzelnen Stolpersteine des Kleides ihre Form beeinflussten.

Hier das Video, das auch auf dem Youtube-Kanal von Tor.com zu finden ist:

Rezension: Shadow of the Hegemon von Orson Scott Card

Über neue Schatten und das Aus-dem-Schatten-treten.

Der Krieg gegen die Bugger liegt bereits einige Monate zurück und die Gruppe um Ender ist auf die Erde zurückgekehrt. Viel Zeit, sich an ihr neues Leben zu gewöhnen, bleibt ihnen aber nicht, denn als Petra eines Tages verschwindet, kündigt sich neues Unheil an. Bean entkommt mit seiner Familie nur knapp einem Anschlag und weiß sofort, welcher alte Feind ihm auf den Fersen ist. Zusammen mit Schwester Carlotta begibt er sich auf die Flucht. Bald zeigt sich, dass Petra und weitere entführte Kinder für weitaus dunklere Pläne ausgenutzt werden sollen als geahnt und so schließt sich Bean widerwillig mit Enders Bruder Peter zusammen, um seine ehemaligen Gefährten zu retten.

Nachdem ich dieses Buch fertig gelesen hatte, machte ich mir Gedanken, warum ich die Welt, die Card in der Shadow-Tetralogie schafft, so fesselnd finde. Zuerst einmal sind da all diese unterschiedlichen Ethnien, die in den Büchern eine Bühne erhalten. Die Kinder, die an der Battle School unterrichtet wurden, stammen aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Ländern. Als die Erdbevölkerung in Ender’s Shadow mit den Außerirdischen einen gemeinsamen Feind hatte, rückten die altvertrauten Konflikte in den Hintergrund und alle Nationen arbeiteten zusammen. In Shadow of the Hegemon gibt es zu Beginn keinen gemeinsamen Feind und die Länder gehen wieder zum Tagesgeschäft über und versuchen ihren Einfluss in der Welt zu festigen oder zu stärken. Von dieser Entwicklung werden auch die ehemaligen Schüler der Battle School beeinflusst. Kinder, die zuvor gemeinsam in Armeen gekämpft haben, stehen sich jetzt wieder feindselig gegenüber. Was diesen Teil so interessant gestaltet hat, ist, dass Card keine Positionen zu Konflikten bezieht. Natürlich gibt es Nationen, die Vorherrschaft erlangen wollen, aber er greift nicht darauf zurück, ein schwarz-weißes Bild zu zeichnen, sondern erklärt, woraus dieses Streben erwächst.

Ein weiterer Faktor, der die Faszination ausmacht, ist die Beziehung zwischen den Erwachsenen und Kindern. Gerade noch haben Bean, Petra und die weiteren Auserkorenen den entscheidenden Krieg gegen die außerirdische Invasion gewonnen. Zurück auf der Erde kehren sie in ein Leben zurück, mit welchem sie nichts verbindet außer verstaubte Erinnerungen. Unter den Erwachsenen herrscht eine Unsicherheit, was mit den Veteranen geschehen soll. Körperlich sehen die Schützlinge aus wie Kinder, aber ihre Erlebnisse im Weltall haben sie psychisch rapide altern lassen. Die Eltern der Kinder hegen den Wunsch, die verlorene Zeit mit ihren Kindern auszugleichen, während die zurückgekehrten Söhne und Töchter versuchen, sich in einen Welt einzufügen, die komplett andere Forderungen an sie stellt, als sie es aus der Battle School gewohnt sind.
Gleichzeitig herrschen Unterschiede in den Gefühlswelten der Kinder. Während Bean zufrieden mit seiner Position als Enders rechte Hand war, kämpft Petra immer noch mit dem Schamgefühl, welches die Erinnerung über ihren Zusammenbruch während der letzten Phase des Krieges auslöst. Gerade diese Nuancen herauszuarbeiten, ist eine von Cards großen Stärken. Ich konnte nicht voraussagen,  welche Figur auf eine Situation wie reagieren wird.

Besonders sind auch die emotionalen Momente des Buches, die nicht übertrieben wirken. Vielmehr gibt Card seinen Figuren genau das, wonach sie sich sehnen. Weil er zuvor viel Zeit dafür aufwendet, seine Hauptcharaktere im Detail vorzustellen, fällt es leicht nachzuvollziehen, warum eben jene Situation für die jeweilige Person wichtig ist. Ein ergreifendes Beispiel hierfür ist der Moment, als Peter seinen Eltern offenbart, dass er hinter den zwei einflussreichsten Personas steckt, die das aktuelle Weltgeschehen beeinflussen und seine Mutter ihm daraufhin sagt, dass sie und der Vater auf Peter im gleichem Maße stolz sind wie auf Ender. Peter, der nach der gleichen Anerkennung lechzt, die sein kleiner Bruder erhalten hat, erhält diese von seinen Eltern, womit er nie gerechnet hätte.

Eine Leseempfehlung kann ich natürlich nur Lesern aussprechen, die mindestens Ender’s Shadow gelesen haben. Aber all jene erwartet eine Welt mit politischen Verstrickungen, welche die Kinder der Battle School dringender denn je braucht.

– Q

Bibliografische Angaben

Shadow of the Hegemon von Orson Scott Card
TOR, erstmals erschienen 2000
451 Seiten
ISBN 978-0-812-56595-9
$ 7.99

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Rezension: Ender’s Shadow von Orson Scott Card

Im Schatten von Ender Wiggin.

Während Ender in einer glücklichen Familie aufwächst, abgesehen vom machthungrigen Bruder, muss Bean in den ersten Jahren seines Lebens um das blanke Überleben kämpfen.

Die Straßen von Rotterdam sind kein Ort um Freundschaften zu schließen und doch überzeugt Bean die Anführerin einer Kindergang von einem Plan, der das Leben aller Kinder auf den Straßen der Stadt verändern wird. Zusammen wollen sie einen der großen Jungen gefangen nehmen und zu ihrem Beschützer machen. Als der Plan gelingt, ist das Überleben der Gruppe vorerst gesichert, doch hinter der Fassade ihres selbsternannten Papas versteckt sich ein rachsüchtiger Mensch, der keine Kränkung verzeiht.
Schließlich kommt die Gruppe in Kontakt mit der Geistlichen Schwester Carlotta, die Potential in Bean sieht und ihn in der Battle School unterbringt.
Dort trifft er auf den Jungen Ender Wiggin, in dessen Schatten er sich zu einer der wichtigsten Personen im Krieg gegen die außerirdische Bedrohung entwickelt.

Wer Ender’s Game bereits gelesen hat, trifft hier all die bekannten Charaktere des ersten Teils der Ender Wiggin Saga wieder und erfährt aus einer völlig anderen Perspektive, wie sich die Ausbildung an der Battle School sowie der Kampf gegen die Bugger zugetragen hat.

Beans Intelligenz übertrifft die Enders um einige Prozente, aber seine Schwäche sind – vielleicht auch wegen den Jahren, die er auf der Straße verbracht hat – Gefühle. Gerade am Anfang des Buches reagiert er auf emotionale Situationen kalkulierend. Andererseits taucht man in seine Gedankenwelt tief ein und erfährt, warum er zu welcher Schlussfolgerung gelangt.
Immer wieder lässt Orson Scott Card Bean sehr überzeugt von seiner Meinung erscheinen, sodass ich mehrmals auf Ausführungen hereingefallen bin, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben.

Neu eigeführt in diesem Buch sorgt Schwester Carlotta immer wieder für ein Schmunzeln oder ausgewachsene Lacher. Für eine Geistliche redet sie sehr abgeklärt und sarkastisch daher. Gerne nutzt sie Bibelverse und christliche Überzeugungen in einer sehr freien Interpretation. Legendär sind ihre Unterhaltungen mit Graff, da die beiden kein gutes Haar aneinander lassen.

Das Buch empfiehlt sich jedem, der brillante Köpfe schätzt, die zehn Schritte im Voraus planen und natürlich alle, die Enders Geschichte von einer anderen Seite betrachten möchten.

– Q

Bibliografische Angaben

Ender’s Shadow von Orson Scott Card
TOR, erstmals erschienen 1999
469 Seiten
ISBN 978-0-812-57571-2
$ 8.99

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Rezension: A War Of Gifts von Orson Scott Card

Eine Münze, eine Socke und schließlich Erlösung.

Ender akzeptierte sein Schicksal und gewöhnte sich schnell an den Alltag der Battle School, doch bereits in Ender’s Game bemerkt man, dass es nicht allen Rekruten so ergeht.

Zeck ist ein brillanter Kopf. Er verfügt über eine unbegrenzte Erinnerung. Diese muss er allerdings geheim halten, denn sein Vater ist der Anführer einer christlichen Sekte und seine Mutter befürchtet, dass er Zecks Gabe als Teufelszeug interpretieren könnte.
Vor der internationalen Sternenflotte kann Zeck seine Fähigkeiten jedoch nicht verstecken, weshalb auch er eines Tages getestet und für die Battle School rekrutiert wird. Er geht – widerwillig.
Dort angekommen, folgt er zwar Befehlen, weigert sich aber eisern, aktiv an den Kämpfen zwischen den Armeen teilzunehmen. Angestachelt durch eine Socke und ein Gedicht bricht schließlich ein Glaubenskrieg zwischen den Kindern der Battle School aus, in dem auch Zeck keine weiße Weste vorweisen kann.

Was lediglich eine weitere Geschichte über einen Rekruten der Battle School sein könnte, ist eine spannende Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche. Zeck ist aufgrund seiner Kindheit kein verlässlicher Erzähler. Je weiter die Erzählung voranschreitet, desto stärker drängt sich die Frage auf, warum er sich mit seinem Verhalten so offensichtlich selbst im Weg steht.

In dieser Geschichte wird nicht nur die Figur Zeck vorgestellt, sondern auch alte Bekannte kehren zurück. Die Kapitel werden abwechselnd aus Zecks Perspektive und der eines anderen Charakters erzählt. Einen Gastauftritt erhält Enders Bruder Peter, der seine Mutter dabei beobachtet, wie sie über Enders Weihnachtsstrumpf weint. Im Laufe der Szene wird offensichtlich, dass zumindest die Mutter nicht ganz unwissend ist, was Peters Charakterzüge angeht.
Doch ein viel wichtigerer Charakter ist Dink Meeker, der versucht, etwas Menschlichkeit in die Battle School zu bringen und immer wieder mit Zeck aneckt. An ihm merkt man, wie auch an Zeck, dass sich nicht alle Rekruten in eine Form pressen lassen.

Neben dem psychologischen Faktor spielen philosophische und religiöse Fragen eine entscheidende Rolle für die Handlung. Zeck hegt ein starkes Verlangen nach Reinheit, kann diesen Zustand aber nie erreichen. Später im Buch stellt sich die Frage, ob Traditionen wie die Bescherung an Weihnachten oder Sinterklaas Day religiöse Feste sind oder lediglich Praktiken einer Nation. Hintergrund hierfür ist das allgemeine Religionsverbot an der Battle School.

Eine Leseempfehlung spreche ich vor allem für all diejenigen aus, die bereits Ender’s Game gelesen haben und sich nicht davor scheuen, einem Hauptcharakter eins überziehen zu wollen.

– Q

Bibliografische Angaben

A War of Gifts von Orson Scott Card
TOR, erstmals erschienen 2007
196 Seiten
ISBN 978-0-765-35899-8
$ 5.99

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Rezension: Ender’s Game von Orson Scott Card

Psychologisches Fadenziehen in Zeiten des Krieges (gegen Außerirdische).

Die spannensten Bücher sind für mich die, an die ich mit niedrigen Erwartungen oder gar keinen Vorstellungen herangehe und die mich schließlich Schlag um Schlag umschauen. Genau das schaffte Ender’s Game.

Ender ist ein brillanter Junge, der von seiner Schwester geliebt und von seinem Bruder tyrannisiert wird. Trotzdem fällt es ihm schwer, eine Entscheidung zu treffen, als er für die Battle School rekrutiert wird. Doch es herrscht Krieg und die Akademie benötigt kluge Köpfe, um den Feind zu besiegen und so endet Enders Kindheit abrupt, als er sein Zuhause mit der Aussicht verlässt, frühestens in einigen Jahren wieder Kontakt zu seiner Familie aufnehmen zu dürfen.
Der wichtigste Teil der Ausbildung an der Battle School ist, wie der Name es vermuten lässt, der Kampf. Dafür werden die Kinder nach der Zeit in der Grundausbildung in verschiedene Armeen unterteilt. Mit Laserpistolen ausgestattet, treten die Teams bei null Gravitation gegeneinander an. Ender besitzt eine Gabe für die Analyse der einzelnen Teams und fordert die unterschiedlichen Armeen mit immer neuen Strategien heraus.

Was sehr brutal klingt, setzt Orson Scott Card auf eine psychologische Weise um. Die Handlung rund um Ender erinnert an ein Schachspiel, bei die Erwachsenen Ender vor Situationen stellen, die ihn überfordern und an denen er wachsen muss, ob er will oder nicht.
Dabei wird Ender aber nicht zu einem alles könnenden Charakter, der die Situationen einfach abhakt, nachdem er sie überstanden hat. Immer wieder holen ihn Erlebnisse ein und beeinflussen seine zukünftigen Entscheidungen.

Faszinierend sind auch die Außerirdischen, die Bugger genannt werden. Ich möchte nicht allzuviel über sie sagen, da es dabei leicht zu Spoilern kommen kann und ich es selbst als faszinierend empfunden habe, als Ender das erste Mal mehr über sie erfahren hat. Was aber gesagt werden muss: Card liefert mit diesen Kreaturen einen außergewöhnlichen Feind abseits von Marsmännchen und anderen glibberigen Figuren.

Was die Handlung umso komplexer macht, ist die Sichtweise von Enders Schwester Valentine, die mit sich zusammen mit Enders psycho- und soziopathischem Bruder Peter in die Belange der Weltregierung einmischt. Denn nach dem Ende des Krieges gegen die Buggers prophezeit Peter einen neuen Krieg auf der Erde und meint zu wissen, wie dieser zu verhindern ist. Also erstellen die beiden Internetpersonas, die ihr Alter verbergen und beginnen, sich Einfluss zu verschaffen.
Ebenso wie Ender muss Valentine mit den Nebenwirkungen ihrer Entscheidungen leben und fürchtet sich nicht nur einmal vor sich selbst. Ihre Entwicklung fesselt vor allem mit der Frage, welcher Bruder ihr am Ende der Wichtigere sein wird, denn daraus ist zu schließen, ob ihr die Macht, die sie gewonnen hat, zu Kopfe gestiegen ist.

Ender’s Game ist eine Empfehlung für Leser, die eine komplexe Geschichte erleben wollen, bei der man sich hinterher fragen muss: „Wer war eigentlich der Böse?“

– Q

Bibliografische Angaben

Ender’s Game von Orson Scott Card
Orbit, erstmals erschienen 1985
352 Seiten
ISBN 978-0-356-50084-3
11€

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Rezension: Peripherie von William Gibson

Zeitreisen für alle, die keine Zeitreisen mögen.

Sechs Jahre nachdem ich wenig glorreich an dem ersten Band der Neuromancer-Trilogie gescheitert bin, habe ich mich an ein anderes Buch von William Gibson herangewagt. Peripherie ist nicht weniger anspruchsvoll als eben jener Titel, aber ich habe das Ziel erreicht, das ich mir selbst auferlegt habe: Durchhalten und durchlesen.

Laut New York Times schafft Gibson mit jedem Satz eine Welt und auch mir ist die Sprache in Peripherie besonders aufgefallen. Flynne und Wilf trennen Welten. Zwischen ihnen liegt der „Jackpot“, eine Art globales Desaster, das ihre Zeitstränge voneinander abspaltet. So ist die Zukunft, in der Wilf lebt, nicht linear mit der Vergangenheit verbunden, die Flynnes Zuhause ist. Als die Schwester von Wilfs Klientin ermordet wird und Flynne aufgrund eines Zufalls die einzige Zeugin ist, gelangt sie über ein geheimes chinesisches Netzwerk in Wilfs Welt und die Suche nach dem Mörder beginnt. Ein Hilfsmittel dafür ist ein Peripheral, eine Art Roboter, der dem Buch im Englischen auch den Namen liefert, in welches Flynnes Bewusstsein geladen wird.

Doch wie unterscheiden sich die Welten der beiden Hauptcharaktere? Während Flynnes Welt von Armut und Korruption geplagt ist, ist Wilfs Welt vollständig technologisiert, aber gezeichnet von den Folgen des Jackpots, welches sich zum Beispiel in Wilfs Ablehnung von Technologien widerspiegelt. Zusätzlich hat er ein Alkoholproblem. Flynne und die Bewohner ihrer Stadt müssen ihr Geld durch halblegale Arbeit verdienen. Der ganze Bezirk lebt von Geld aus der Drogenherstellung. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Persönlichkeiten der Charaktere. Wilf ist während der gesamten Handlung unsicher, was sein Platz in den Geschehnissen sein soll. Die Heldenrolle fällt Flynne zu, die sich zwar nicht ohne Bedenken ist, sich aber dennoch erfolgreich ins Abenteuer stürzt.

Gibson vereinfacht das Hineinfinden in die Handlung aber nicht nur durch Charaktere, in die man sich ohne Probleme hineinversetzen kann, sondern auch durch Sprache. Einerseits lässt er die Personen der beiden Zeitperioden auch auf unterschiedlichen Stilebenen kommunizieren. Gerade wenn Wilf und Flynne aufeinander treffen, wird deutlich, wie unterschiedlich sie sprechen. Informeller Wortschatz wird in Wilfs Realität nicht mehr allzu häufig gebraucht, denn er identifiziert Flynnes Art und Weise zu reden sofort als Prä-Jackpot. Andererseits differenzieren sich beide Welten von unserer Wirklichkeit, da viele der Technologien, die im Verlauf der Handlung eine Rolle spielen, wie im Genre üblich (noch) nicht existieren. Sie tragen exotische Namen und ihre Funktion wird dem Leser nicht in jedem Fall sofort erklärt. Die fehlende Erläuterung kann frustrieren, wirkt aber organisch, da den handelnden Personen klar ist, worum es sich handelt. Insgesamt schafft es Gibson die Sprache so zu gestalten, dass man jederzeit genau weiß, in welcher Zeitperiode die Handlung sich gerade zuträgt.

Während die schnellen Wechsel zwischen der Sicht von Flynne und Wilf (Jedes Kapitel ist nur wenige Seiten lang, sodass das Buch 124 Kapitel umfasst.) für eine gute Abwechslung beim Lesen sorgen und kein gedanklicher Sprung in der Handlung zurück von Nöten ist, beinhaltet die Handlung keine überraschenden Wendungen. Vielmehr ist es ein vorsichtiges Erkunden der Realität auf der jeweils anderen Seite der Netzwerks und der Versuch eine Katastrophe auf beiden Seiten zu verhindern. Gerade die Welt von Flynne wird von Wilfs Zukunft stark beeinflusst, was zu wirtschaftlichen und geschichtlichen Verschiebungen führt. Jedoch bleibt der so häufig im Genre thematisierte Schmetterlingseffekt aus, denn wie bereits erwähnt, sind die beiden Zeitperioden nicht miteinander verbunden.

Auch wenn es mir nicht durchgängig leicht fiel, das Buch immer wieder in die Hand zu nehmen, ist es trotzdem ein spannendes Leseerlebnis. William Gibson schafft eine Welt oder genau genommen zwei Welten, die zwar technisch weiter entwickelt sind als unsere Realität, deren Bewohner aber mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie wir: Armut, Klimawandel, Korruption, Katastrophen und Veränderungen, die über unsere Vorstellungskraft hinausgehen. Peripherie zeigt dem Leser zwei unterschiedliche Wege, in Ereignisse verwickelt zu werden, die hohe Ansprüche an seine Fähigkeiten stellen und an denen er wachsen kann.

– Q

Bibliografische Angaben

Peripherie von William Gibson
Tropen, erstmals erschienen 2016
616 Seiten
ISBN 978-3-608-50124-7
24,95 €

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