Webcontent #2

Über eine Odyssee, einen Geschichtenerzähler und ein weißes Kaninchen

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Im zweiten Teil meiner Webcontent-Sammlung möchte ich die Willigen nach Creepytown entführen und drei gespenstige Podcasts vorstellen, die mich seit einiger Zeit begleiten. Alle drei sind nur in Englisch verfügbar, haben aber keinen höheren Anspruch als ein durchdachter, englischsprachiger Vlog. Also hinein ins Abenteuer und immer auf den eigenen Kopf achten, sodass er dort bleibt, wo er hingehört.

Alice Isn't Dead © Rob Wilson
Alice Isn’t Dead © Rob Wilson

Die Odyssee einer Truckerin

Alice ist nicht tot. Da ist sich Keisha ganz sicher und macht auf die Suche nach ihrer verschwundenen Frau. Um ungehindert reisen zu können, nimmt sie einen Job als Truckerin an. Auf einer Tour begegnet sie in einem Diner einem geheimnisvollen Mann, der eine Jacke mit der Aufschrift Thistle trägt und sich merkwürdig, gar unmenschlich verhält. Bei seinem Anblick läuft Keisha ein Schauer über den Rücken und es wird nicht das letzte Mal sein, dass sie ihm begegnet. Keine erholsamen Begegnungen. Und doch ist Keisha bereit, die Gefahr und die einsamen Stunden hinter dem Steuer ihres Trucks auf sich zu nehmen, um herauszufinden, was mit Alice geschehen ist. Denn so viel steht fest: Alice ist nicht tot. 



Was ist sonst noch zu sagen? 

Autor Joseph Fink lieferte bereits mit Welcome to Night Vale (in Zusammenarbeit mit Jeffrey Cranor) einen Podcast, der nicht nur unterhält, sondern auch zum Denken anregt. Mit Alice Isn’t Dead lädt er zu einer neuen Reise in eine Welt ein, die unserer ähnelt, aber einen Ticken geheimnisvoller ist. Sprecherin Jasika Nicole schafft es, Keisha eine zerbrechliche Seite zu geben und das Zweifeln an ihrer Mission wirklich und greifbar zu machen, gleichzeitig haucht sie der Figur Kraft ein, um über ihre Reise zu reflektieren:



“I must always remember that not visible to me and not in existence are not the same thing.“ 
(Aus „Mouth of the Water“, S2 E2)

Die erste Staffel ist bereits komplett verfügbar.

Hier findest du Folge eins, „Omelet“. 


 

Lore © Aaron Mahnke
Lore © Aaron Mahnke

Ein talentierter Geschichtenerzähler

Wenn wir Geschichten wie die von Werwölfen, Vampiren und sich wie von Geisterhand bewegten Puppen hören, bleibt oft die Frage, wie viel wahrer Kern in diesen Mythen steckt. Autor Aaron Mahnke erkundet in Lore eben diesen Kern. In jeder Folge nimmt er sich eine neue Schauergeschichte vor und untersucht, welche menschliche Angst ihr zugrunde liegt. Auch wenn er damit die Basis einer puren Neuauflage alten Aberglaubens legt, behält er genug Abstand, um immer wieder aus der jeweiligen Geschichte herauszutreten und darauf hinzuweisen, dass die meisten Vorkommnisse Spekulation sind oder warum der Bericht manipuliert sein könnte. Was den Podcast so populär gemacht hat, ist Aaron Mahnkes Gespür für besondere, abwechslungsreiche und gut recherchierte Geschichten und sein Talent, diese so zu erzählen, dass dem Zuhörer (oder sagen wir: mir) selbst bei strahlendem Sonnenschein mulmig zumute wird.

Welche spannenden Projekte erweitern den Podcast bald?

In diesem Jahr wird basierend auf dem Podcast eine Serie auf Amazon Prime veröffentlicht, für die bereits zwei namenhafte Produzenten engagiert wurden. Gerade gab der Autor zudem bekannt, einen Buchdeal mit dem Verlag Del Rey abgeschlossen zu haben. Laut Entertainment Weekly wird sich eine ganze Reihe unter dem Titel The World of Lore mit Mythen aus aller Welt beschäftigen.

Hier findest du Folge eins, „They made a tonic“.

 

Point Mystic © Point Mystic Historical Society
Point Mystic © Point Mystic Historical Society

Ein weißes Kaninchen, das den Tod mit sich bringt

Ebenfalls mit der Wahrheit hinter Mysterien, Magie und Unerklärlichem sucht Point Mystic. Doch auf etwas andere Weise. Die erste Geschichte des Autors Christopher Reynaga erzählt von Kindern, die im Wald hölzerne Konstruktionen bauen. Überhaupt verfügt der Wald der Stadt, in der sich der Sprecher mit Frau und Sohn Fox niedergelassen hat, über eine große Anzahl sehr alter Exemplare dieser Gebilde. Dann ist da noch die allgemeine Faszination für Türen und besonders diese eine besonders rätselhafte Tür, die bei den Kindern der Stadt Träume von gespenstigen Gestalten auslöst. Und was meint Fox damit, dass ein weißes Kaninchen kommen wird und mit ihm die Toten auferstehen werden?

Was macht Point Mystic aus?

Anders als bei Lore und Alice Isn’t Dead wird die Handlung gleich von drei Sprechern getragen, dem Erzähler, seiner Frau sowie Fox, daneben finden weitere Stimmen ihren Platz. Zum Beispiel widmet sich eine Folge intensiv einer alleinerziehenden, schwarzen Mutter, die von ihrem Anteil an der Bürgerrechtsbewegung erzählt und wie diese die Erziehung ihres Sohns beeinflusste. Ich bin gespannt auf weitere solcher Ausflüge in kommenden Folgen. Aktuell ist die gesamte Geschichte vom weißen Kaninchen verfügbar und ein Bericht über eine Pandemie, die im Falle einer Infektion spontane menschliche Selbstentzündung auslöst und über ein geheimes Quarantäne-Camp, das die Bedrohung durch Gruppengesänge in Schach hält.

Hier findest du Folge null, „The Fireman“. 



– Q

Rezension: Slade House von David Mitchell

Alle neun Jahre verschwindet ein Mensch im gruslig-schönen Slade House.

Alle neun Jahre wird ein Mensch wie von einem Magnet angezogen in die Slade Alley und kehrt nicht zurück. Im Slade House erwartet ihn eine Zwillingspaar, welches sich von der Seele der jeweiligen Person ernährt um selbst unsterblich zu sein.

Zugegebenermaßen, die Handlung ist keineswegs neu, aber die Umsetzung gestattet ein großes Lesevergnügen. Das Buch umfasst fünf Kapitel und jedes davon umfasst einen Handlungszyklus. Die Zyklen bauen aufeinander auf, da das Verschwinden der betreffenden Personen natürlich nicht unbemerkt bleibt.

Insgesamt ist das Buch genau richtig für Leser, die mysteriöse Vorkommnisse mögen, sich aber nicht zu Tode gruseln wollen und eine gute Verschwörungtheorie zu schätzen wissen. Mitchell schafft es, die unterschiedlichen Personen, aus deren Sichtweise die Geschichte erzählt wird, authentisch zu gestalten und der Geschichte das bisschen Zauber und wabernde Schatten zu geben, die es braucht, um ihr Leben einzuhauchen.

Ein schönes Plus sind die Tweets der letzten betroffenen Person, die zeigen, wie sich die von den Zwillingen besessenen Menschen fühlen. Des weiteren wirft es die Frage auf: Hätten die Ereignisse schon viel früher gestoppt werden können, wenn es Twitter bereits 1979 gegeben hätte?

– Q

Bibliografische Angaben

Slade House von David Mitchell
Sceptre (Hoddor & Stoughton), erstmals erschienen 2015
266 Seiten
ISBN 978-1-473-61670-7
£ 7.99

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