Kleiner Plausch gefällig? #4

Über Chicklit, Magie in Essex und fragwürdige E-Book-Preise

Ich habe gesündigt. Ab in die Hölle mit mir! Teeren, federn und an den Pranger! Aber ich bin ehrlich, Selbstbeherrschung war noch nie eine Stärke, die ich mir zugeschrieben habe. Also: Ich habe aus Spaß gelesen. (An dieser Stelle bitte ein kopfschüttelndes Studiopublikum vorstellen, gekleidet in Sonntagsroben.)

Jede Menge Funken

Schuld ist eigentlich die Autorin Gail Carriger, die in ihrem Newsletter die Schmonzette Fast Connection angepriesen hat. Von dem Buch hatte ich bereits auf einer buchaffinen Seite gelesen, als ich auf der Suche nach homoerotischer Literatur war. Es gehört zu der vierteiligen Reihe Cyberlove und war bei Amazon gerade im Angebot, also habe ich zugeschlagen.
Fast Connection handelt von zwei Männern, die an unterschiedlichen Phasen ihres Lebens sind und sich über Grindr kennenlernen. Wer die App kennt, kann sich vermutlich die Art der Beziehung vorstellen, die die beiden zu Beginn führen und doch entwickeln sich von Hookup zu Hookup Gefühle und beide Protagonisten müssen entscheiden, ob sie sich der Herausforderung einer ernsthaften Beziehung stellen wollen.
Empfehlen kann ich das Buch Lesern, die auf E-Books mit der Beschreibung „standalone, full-length romance novel with no cliffhanger“ stehen. Übersetzt heißt das, es ist wenig anspruchsvoll, aber für den Moment sehr unterhaltsam. Außerdem geht es um zwei heiße Typen. Was will man mehr?

„Fast Connection“ von Megan Erickson & Santino Hassell

Magie liegt in der Luft

Buch Nummer zwei ging dann in eine vollkommen andere Richtung. Von Strange Magic habe ich bereits auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse gelesen und war vom Cover und dem Klappentext so begeistert, dass es gleich auf meiner Wunschliste gelandet ist.
Das Buch handelt von Rosie Strange, die das Essex Witch Museum erbt. Leider interessiert sie sich so gar nicht für Magie, weswegen sie ihr Erbe nur besucht, um es für eine Veräußerung vorzubereiten. Dort angekommen, werden sie und ihr mal mehr, aber eher weniger sympatischer Kurator in die Suche nach dem Skelett einer berüchtigen Hexe verwickelt, an der das Leben eines Kindes und eine großzügige Belohnung hängt. Und so stürzen sich die beiden in eine Jagd, die bei Rosie die Frage aufwirft, ob Magie nicht doch lebendiger ist, als sie es ahnte.
Strange Magic lebt von einer quirligen und selbstbewussten Protagonistin, die weiß, was sie auf dem Kasten hat und sich ohne Wenn und Aber an Herausforderungen misst. Außerdem lernt der Leser nicht nur viel über die Geschichte der Hexenverfolgung, sondern auch ihre Signifikanz für die heutige Zeit.
Im Herbst erfahre ich dann, was als nächstes auf Rosie und Kurator Sam Stone zukommt, denn das Buch bildet den Auftakt für die Trilogie Essex Witch Museum Mystery. 

„Strange Magic“ von Syd Moore

Was Fragen aufwirft

Man könnte meinen, ich hätte die beiden Bewertungen auch einfach ausbauen und in zwei einzelne Beiträge zerteilen können, aber abgesehen von meiner Begeisterung gibt es noch mehr über die beiden Titel zu sagen. Lasst mich über was ganz unerotisches reden: E-Book-Preise!
Jetzt könnte man stöhnen und sagen, das Thema hatten wir doch schon x-mal, aber ich finde es immernoch interessant, also watch me! Fast Connection kostet 4,45€, wie auch alle anderen Titel der Reihe. Für den Preis hätte ich das Buch nicht gekauft, im Angebot betrug der Preis gerade einmal 0,99€. Das gebe ich ganz offen zu, denn es ist nur ein Spaß für zwischendurch und deswegen ist meine Zahlungsbereitschaft entsprechend im Keller. Das klingt fies, denn das Buch hat immerhin 247 Seiten, aber literarisch und inhaltlich ist es einfach kein großer Wurf.
Strange Magic ist ein Titel, der einiges an Recherche erfordert und eine Reihe von Fragen aufwirft. Trotzdem kostet das E-Book beim Händler meines Vertrauens gerade einmal 1,66€. Der zweite Teil Strange Sight lässt sich für 7,49€ vorbestellen. An diesen Titeln merkt man, dass der Verlag versucht, strategisch mit dem ersten Band anzufüttern, um die Reihe attraktiver zu machen. Es stellt sich aber die Frage, ob sie sich damit nicht schaden, denn meine Zahlungsbereitschaft haben sie damit bereits beschädigt. Da ich weiß, dass der dritte Teil vermutlich weitere fünf Monate nach dem zweiten erscheinen wird, werde ich vermutlich abwarten, ob auch der zweite Teil erneut im Preis sinkt. Kann das gewünscht sein?

Auf Basis von was?

Für das Festlegen von E-Book-Preisen fehlt aktuell ein einheitliches System unterhalb den Verlagen. Anders als bei gedruckten Büchern lassen sich die Preise nicht anhand der Kosten einer festgelegten Auflage bestimmen, denn E-Books müssen nur einmal produziert werden und können dann ohne einen großen Mehraufwand immer und immer wieder verkauft werden. Deshalb ist es schwer, zu sagen, was ein E-Book kosten soll.
Preise, die jenseits von gut und böse sind, helfen dabei aber auch nicht, langfristig eine gesunde Zahlungsbereitschaft bei uns Lesern zu etablieren. Wenn ich vermuten kann, dass ein Preis innerhalb des kommenden Jahres fällt und es sich nicht um ein brandaktuelles Thema handelt, dann kann ich auf ein Buch warten. Die meisten Leser haben aus allen Nähten platzende Wunschlisten.

– Q

P. S. Für alle, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch Magie mit funkelnden Seifenblasen, gefunden auf dem Youtube-Kanal Kuma Films:

Bibliografische Angaben

Fast Connection von Megan Erickson und Santino Hassell
Megtino Press, erschienen Juli 2016
247 Seiten
ISBN 978-1-536-80353-2 (Printausgabe)
4,45€ (E-Book)
Kindle-Version

Strange Magic von Syd Moore
Oneworld Publications, erschienen Mai 2017
288 Seiten
ISBN-epub: 978-1-786-07099-9
1,99€
BUY LOCAL!
Kindle-Version

Kleiner Plausch gefällig? #2 

Meine Liebesgeschichte zu Emily Laing. Und London.

Alles begann, als meine Mutter mir in jungen Jahren* den ersten Band der Saga um Emily Laing schenkte. Ich bilde mir ein, dass es ungefähr zwischen meinem 12. und 13. Geburtstag passierte und mein Bett stand zu diesem Zeitpunkt unter der Dachschräge direkt unterhalb eines kleinen Fensters, das meine Mutter mit einer Lichterkette bestückt hatte. Die Atmosphäre war also entsprechend kuschelig und obwohl der Einband von einer adligen Ratte erzählt – Etwas, das ich zu diesem Zeitpunkt furchtbar absurd fand -, schlug ich Seite eins von Lycidas auf und ein neues Abenteuer begann.

*Ich will hiermit von dem Fakt ablenken, dass ich keine Ahnung habe, wann genau es passierte.

Eine nächtliche Flucht und ein mürrischer Alchemist

Egal, wie viel man liest, es gibt Sätze, die sich in das Hirn eines Lesers einbrennen und der erste Satz von Lycidas war vermutlich der Grund, warum ich meine Vorbehalte über Bord warf und mich auf Emily Laing und ihre Geschichte einließ.

„Die Welt ist gierig, und manchmal verschlingt sie kleine Kinder mit Haut und Haaren.“

Emily Laing ist ein Waisenkind und zusammen mit ihrer Freundin Aurora Fitzrovia lebt sie in einem der furchtbarsten Waisenhäuser Londons. Doch eines Nachts wird eines der kleineren Kinder entführt und Emily begibt sich auf Flucht, denn der Entführer ist auch ihr auf den Fersen. Als sie in der U-Bahn von einer Ratte namens Hironymus Brewster gerettet wird, kann sie noch gar nicht ahnen, dass sie ihr altes Leben bereits hinter sich gelassen hat. Wenig später wird ihr der mürrische Alchemist Wittgenstein vorgestellt, in dessen Herz sie sich nach und nach schleicht.

Eine neue Welt öffnet sich Emily, denn unter der Untergrundbahn Londons befindet sich die Stadt unter der Stadt, genannt Uralte Metropole, in der sich Rabenmenschen, Arachniden, steinerne Ritter und Götter herumtreiben. Ohne einen Lehrer ist das Betreten der Stadt unter der Stadt der sichere Tod und aus diesem Grund nimmt sich Wittgenstein Emily Laings an, denn das Schicksal des Mädchens ist eng mit der dunklen Metropole verknüpft.

Ein Ausschnitt der ersten Seite aus "Lycidas" von Christoph Marzi
Ein Ausschnitt der ersten Seite aus „Lycidas“ von Christoph Marzi

Girl Talk

Emily Laing ist keine der Figuren, die sich grundlos furchtbar finden und die sich von einem Aschenputtel in eine schöne Prinzessin verwandelt. Durch einen Unfall in ihrer Kindheit verlor sie ihr linkes Auge, was sie zum Gespött der anderen Kinder machte. Auch ist sie keines dieser liebenswerten Mädchen, die auf einen Traumprinzen warten und eine Horde Freunde um sich scharen. Als ihr größten Stärken empfinde ich ihre Dickköpfigkeit und ihre Wissbegierde. Egal, wie häufig Wittgenstein sie ermahnt – „Fragen Sie nicht!“ -, sie gibt keine Ruhe, bis sie nicht die ganze Wahrheit kennt.

Im Gegenzug findet man in Aurora eine liebevolle Freundin, die für Emily da ist, wenn alles zusammenbricht. Die Freundschaft der beiden muss innerhalb der drei Bände der Saga den ein oder anderen Stolperstein überstehen und das tut sie.

Oh London, mein London

Ich bin eine furchtbar schlechte Liebhaberin, denn eigentlich liebe ich vor allem die fantastische Version der Stadt. Noch jetzt kann ich mich daran erinnern, wie mein jüngeres Selbst eben jenes London erleben wollte, das Christoph Marzi als die Stadt unter der Stadt bezeichnet. Es ist nicht falsch zu sagen, dass ich wie eine dieser Chicklit-Leserinnen bin, die einen Bad Boy als ihren Traummann auserkoren haben. Genau wie sie liebe ich einen Charakterzug, der nur in meiner Fantasie existiert. Aber nichtsdestotrotz, bei all meinen Besuchen der Themse-Metropole habe ich Ausschau nach Mr. Fox und Mr. Wolf gehalten, den wohl charmantesten Söldnern, die je zu Papier gebracht wurden.

Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis "Lycidas"
Das ursprüngliche Cover von Christoph Marzis „Lycidas“

Warum die Uralte Metropole lesen?

Habe ich noch nicht genug geschwärmt? Nun gut:
Christoph Marzi ist ein Erzähler, der sein Handwerk versteht. Er nimmt Mythen und Legenden auf und verbindet sie mit dem Schicksal eines jungen Mädchens, das seinen Platz in einer Stadt sucht, die gierig ist und von gierigen Wesen bewohnt wird. Und so wird London, später Paris und Ägypten und noch später Prag zum Schauplatz eines Kampfes zwischen Elfen, Engeln, Göttern und der ersten Frau, die auf diesem Planeten wandelte. Christoph Marzi sicherte sich mit diesem Werk den Deutschen Phantastikpreis, verführt zum Schmunzeln und Träumen und lädt dazu ein, alte Legenden neu zu interpretieren.

Mehr möchte ich nicht verraten, denn ansonsten schreibe ich gleich noch einen Absatz über Mr. Fox und Mr. Wolf und dieser Absatz würde dann wohl nie enden.

– Q

P.S.: Vielen Dank an Andrea von lohntdaslesen.de für den Vorschlag über Emily zu blubbern. 🙂

Bibliografische Angaben

Band eins:
Lycidas von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2004, Neuauflage 2011
864 Seiten
ISBN 978-3-453-52910-6
9,99 €
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Band zwei:
Lilith von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2005, Neuauflage 2012
688 Seiten
ISBN 978-3-453-52911-3
9,99 €
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Band drei:
Lumen von Christoph Marzi
Heyne Verlag, erstmals erschienen 2006, Neuauflage 2012
800 Seiten
ISBN 978-3-453-52912-0
9,99 €
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